Gegner beim Poker lesen (und selbst gelesen werden)

Poker ist ein interessantes Spiel, und Hold’em ganz besonders. Selbst jemand, der das Spiel noch nie in seinem Leben gesehen hat, kann es innerhalb weniger Minuten lernen.

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Das Spiel ist sehr einfach, aber gleichzeitig auch eins der komplexesten Vergnügen der Welt. Zwar kann man Hold'em problemlos spielen, aber es zu beherrschen, gelingt vielen auch nach 40 Jahren nicht.

Wenn man sich genauer mit dem Spiel befasst, durchläuft man mehrere Phasen der Erkenntnis bzw. gedankliche Ebenen. Eigentlich wie bei allen Dingen, die man lernen muss.

Nehmen wir z. B. die Gitarre. Zunächst mal muss man sich darauf konzentrieren, wo die einzelnen Finger hingehören. Nach etwas Übung weiß man, wie man ein paar Akkorde greift und überlegt, welche Griffwechsel nötig sind, um von einem Akkord zum nächsten zu gelangen.

Wenn man dazu erst einmal in der Lage ist, gilt es, die Akkorde in den richtigen Rhythmus zu bringen und in der richtigen Reihenfolge zu spielen. Jedes Mal, wenn man eine neue Stufe erreicht, braucht man sich um die vorhergehende keine Gedanken mehr zu machen.

Für Poker gilt im Grunde das Gleiche.

Beginnen wir ganz am Anfang. Schließlich haben wir alle einmal angefangen. Denken Sie also daran zurück, wie es war, als Sie zum ersten Mal Hold'em gespielt haben.

Ebene 1: Ihre Karten und das Board

Zunächst machen Sie sich ausschließlich darüber Gedanken, was Sie für Karten bekommen haben.

Wenn Sie live spielen, werden Sie einem solchen Spieler häufig begegnen. Auch online sind solche Kandidaten an jedem Tisch zu finden. Sie werden in Ihrer Pokerkarriere zu Ihren absoluten Lieblingsgegnern gehören, allerdings auch zu denen, die Sie am meisten frustrieren.

Hier ein Beispiel: 

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Wie Sie sehen, liegt das gesamte Board bereits offen.

Cow Girl, die auf Kalkulationsebene 2 spielt, hat in jeder Runde gesetzt. Sie wird von Blondie gecallt, die offenkundig eine blutige Anfängerin ist.

Auf dem River setzt Cow Girl eine letzte, satte Bet an und wird von Blondie gecallt. Blondie deckt A ♦ 6♥ auf.

Cow Girl hat geblufft und ist nun entsetzt über Blondies Call.

Dabei hat Blondie nur logisch gedacht: Sie hatte ein Paar Asse, und Asse sind bekanntlich die höchsten Karten im Deck.

Wenn man erst einmal ausreichend Pokerhände gesehen hat, kann man zur nächsten Stufe aufsteigen.

Ebene 2: Die Karten des Gegners

An diesem Punkt sieht man nicht mehr nur auf die eigenen Karten, sondern beginnt auch damit, die Gegner zu lesen. Man fängt damit an, vorherzusehen, wann man geschlagen ist und macht die ersten Lay-downs.

Im obigen Beipiel hätte Blondie, wenn sie bereits die zweite Ebene erreicht hätte, die Bet auf dem River nicht bezahlen können. Jedes Pik, jede Zehn, jedes bessere Ass, jedes Two Pair und jedes Set hätte sie geschlagen.

Eigentlich ist das Einzige, was sie schlagen kann, ein kompletter Bluff.

Die meisten Spieler kommen nie wirklich über diese Ebene hinaus. Manche Spieler verlassen sie ihr ganzes Pokerleben lang nicht. Einige schauen sich die 3. Ebene zwar an, lassen die 2 aber nicht vollständig hinter sich.

In den nächsten Abschnitten wird es etwas komplizierter. Wir werden auf die Kalkulationsebenen 3 und 4 eingehen und uns näher mit der Dynamik beschäftigen, die entsteht, wenn Spieler unterschiedlicher Ebenen aufeinandertreffen.

Ebene 3: Wie Ihr Gegner Sie liest

Es wird langsam Zeit, dass Sie sich darüber Gedanken machen, welche Hand Ihre Gegner wohl bei Ihnen vermuten. Dadurch kommen Sie in die Phase, in der der Ausgang einer Hand nicht mehr nur davon abhängt, welche Karten Sie erhalten. Bis zu diesem Punkt hingen Gewinn oder Verlust für Sie praktisch ausschließlich von der Qualität Ihrer Karten ab.

Um diese Ebene der Pokerkalkulation vollständig zu verstehen, müssen Sie lernen, die Textur eines Boards sehr genau zu lesen und die Setzstruktur einer Hand zu interpretieren. Außerdem beginnen Sie damit, Tells zu erkennen und zu lesen. Wenn Ihnen dies gelingt, können Sie sich wirklich als guter Pokerspieler bezeichnen.

Vermutlich werden Sie weiterhin nicht in der Lage sein, die nächste Staffel von High Stakes Poker zu dominieren, aber vielleicht immerhin die Home Games mit Ihren Freunden.

Auf dieser dritten Ebene können Sie außerdem Ihre ersten Bluffs starten. Sie wissen nun, was Ihre Verhaltensweise andeutet und welche Hand Sie repräsentieren. Sie sollten einen Vorteil daraus ziehen können, dass Ihre Gegner zu wissen glauben, was Sie halten.

Natürlich bluffen auch Spieler, die sich noch immer auf der ersten oder zweiten Ebene befinden. Die Gründe dafür sind folgende:

  1. Viele Spieler sehen zu viel fern. Sie haben gesehen, wie jemand im Fernsehen einen großen Bluff gestartet hat und wollen genauso cool sein. Sie halten einen gelungenen Bluff für eine Demonstration ihres großartigen Pokerspiels.
  2. Jeder weiß, dass beim Pokern geblufft wird. Im Grunde ist das doch das Erste, was man mit Poker assoziiert. Viele Leute glauben, Pokern und Bluffen seien ein- und dasselbe. Anfänger halten Bluffs daher für essenzielle Bestandteile ihres Spiels.

Im Gegensatz zu den Bluffs erfahrener Spieler, die eine entsprechend hohe Erfolgsquote haben, handelt es sich dabei jedoch nicht um wohl kalkulierte Manöver. Es sind vielmehr Schüsse ins Blaue, rein emotionale Moves. (Wir werden auf die Gefühlsebene später noch zu sprechen kommen.)

Erinnern Sie sich noch an unser Beispiel von oben? 

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 Wir befinden uns wieder in demselben Szenario: Cow Girl bewegte sich auf Kalkulationsebene 2 und setzte auf dem River zu einem Bluff an, während Blondie den Call basierend auf Kalkulationsebene 1 machte.

Wäre Cow Girl jedoch bereits auf Kalkulationsebene 3 aufgestiegen, hätte sie verstanden, dass Ihre Gegnerin gar nicht darüber nachdachte, was sie auf der Hand halten könnte. Mit anderen Worten, Cow Girl hätte sich an eine der Goldenen Pokerregeln des Verfassers dieser Zeilen gehalten:

Bluffe niemals eine Calling Station.

Ebene 4: Täuschung und Zwickmühlen

Es gelingt nur wenigen Spielern, diese Ebene tatsächlich zu erreichen. Alle guten Spieler stehen mit einem Bein auf dieser Ebene, aber es ist sehr schwierig, dort einen wirklich sicheren Stand zu finden.

Täuschung

Sie werden nun aktiv versuchen Ihren Gegner in die Irre zu führen. Dazu gehört, die Gegner zu täuschen und auszunehmen (wie einen Fisch). Es gibt viele Strategieartikel, die sich mit diesem Aspekt der Pokerstrategie befassen.

Die Zwickmühle

Die Zwickmühle gehört zu den fortgeschrittenen Methoden guten No Limit Spiels.

Wenn ein starker Spieler anzeigt, dass er eine starke Hand hat, dies aber auf zu offensichtliche Art tut, bedeutet das meistens, dass er eine schwache Hand hat. Es gilt das Motto von Mike Caro:

Schwach heißt stark, stark heißt schwach.

Was geschieht aber, wenn Ihr Gegner weiß, dass Sie diese Spielweise kennen und bemerken, wenn Ihnen jemand nur etwas vorspielt? Dann könnte das Repräsentieren einer starken Hand natürlich bedeuten, dass er tatsächlich eine starke Hand hält.

Damit befinden wir uns in einer Zwickmühle. Ist die gegnerische and stark oder nicht? Was traut er mir zu, und welche Strategie wird er deshalb gegen mich anwenden? Blufft er oder tut er nur so, als ob er blufft? Ein Doppelbluff vielleicht? Sie verstehen sicher, was ich meine.

Ihre Ebene - Gegnerebene

Sie müssen Ihre Spielweise daran anpassen, welche Kalkulationsebene Sie erreicht haben, aber vor allem auch die de Ebene Ihres Gegners.

Wenn Sie nicht ausreichend Zeit darauf verwenden, die Spielebene Ihres Gegners zu erforschen, ist es praktisch unmöglich, herauszufinden, auf welcher Kalkulationsebene er sich bewegt und wie er versuchen wird, das Spiel zu seinen Gunsten zu wenden.

Einer der größten Pokerfehler besteht in dem Versuch, eine Calling Station zu bluffen. Manche Spieler folden einfach nicht, auch wenn ihre Calls eigentlich furchtbar schlecht sind. Versuchen Sie niemals, einen solchen Spieler zu bluffen.

Wenn Sie auf einem hohen Niveau spielen, bedeutet das noch lange nicht, dass alle Spieler verstehen, was Sie tun. Sie müssen auf der Ebene spielen, die den Gegnern bekannt ist.

Ich würde ein- und dieselbe Hand gegen zwei unterschiedliche Gegner auch ganz unterschiedlich spielen. Das hängt vollständig davon ab, auf welche Kalkulationsebene ich meinen Gegner setze. Ein Move, der gegen einen Betrunkenen Amateur funktioniert, funktioniert gegen einen Phil Ivey eben einfach nicht.

Gute Spieler spielen sehr flexibles Poker, genau wie Sie das auch tun sollten. Halten Sie sich diesen Umstand immer vor Augen. Wenn Sie dafür zu bequem werden und die Variationen nicht mehr bemerken, werden sie zwangsläufig Fehler machen.

Wenn ein Gegner erkennt, dass Sie ein guter Spieler sind, wird er die Moves, die er gegen einen Amateur einsetzt, bei Ihnen nicht versuchen.

Deshalb sind die Informationen, die Sie aus den bisher gespielten Händen des betreffenden Gegners gewonnen haben, auch nicht 1:1 umsetzbar, wenn dieser in eine Hand gegen Sie verwickelt ist.

Falls Sie sich nach der Lektüre dieses Artikels fragen, auf welcher Ebene Sie spielen, denken Sie immer an Folgendes: Alle Spieler beginnen auf Ebene 1, und alle müssen sich langsam nach oben arbeiten. Auch die besten Spieler der Welt waren mal genau da, wo Sie jetzt sind.

Verlegen Sie darauf, zu erkennen, wo Sie stehen und wo Ihre Gegner stehen. Je mehr Sie spielen, desto schneller werden Sie sich verbessern und die Bandbreite und Komplexität Ihres Spiels steigern.

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