Quo vadis, Poker? Teil 2

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20 Januar 2011, Von: The Hand
Geposted in: The Hand
Quo vadis, Poker? Teil 2

Quo vadis, Poker? Teil 2

Viele der im bisherigen Text geäußerten Gedanken treffen auf das weltweit zu beobachtenden Phänomen „Pokerboom" zu. Einige davon möchte ich anhand eigener Beobachtungen an einem konkreten Beispiel beleuchten.

Genese eines Pokerrooms

Die Spielbank Berlin hatte über viele Jahre ein recht eingeschränktes Pokerangebot. An den Wochenenden traf sich dort eine überschaubare Gruppe von Regulars. Zunächst spielte man jahrelang Pot Limit Seven-Card Stud, dann wurde in der ersten Hälfte der vergangenen Dekade PLO mit Blinds von 10/20 € angeboten. Nicht unbedingt ein Umfeld, in dem Pokernachwuchs heranreifen kann.

Im Sommer 2008 sprang die Spielbank Berlin auf den Pokerzug auf und engagierte sich mit massiven Investitionen. Im Erdgeschoss der Spielbank wurde der „Pokerfloor" eingerichtet und die Hauptstadt hatte einen veritablen Cardroom mit zunächst etwa einem Dutzend Tischen. Alle wurden sehr schnell mit Mischmaschinen ausgerüstet. Die CI-prägenden Farben waren schwarz und rot. Es gab Karten mit dem Logo des Pokerfloor, nach einer ganzen Weile auch richtige Pokerchips. Neues Personal wurde qualifiziert und eingestellt.


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Pokerclub in Berlin - tägliche Turniere wurden begeistert aufgenommen.

 

Von Anfang an bot man wurden tägliche Turniere an, die begeistert aufgenommen wurden. Deren Organisation - zunächst mehr als dürftig - verbesserte sich und der Pokerfloor war nahezu täglich brechend voll. Für jeden Geldbeutel war etwas dabei und jede Woche gipfelte in einem Freitagsturnier mit 200 € Buy In.

Beim Cash Game wurde nahezu ausschließlich NLHE mit Blinds von 2/2, 2/4, 5/5 und seltener 5/10 gespielt.

Der Pokerfloor zog auch überregionales Publikum an. Das tägliche Angebot war da und es war verlockend.

„Rückblickend waren es goldene Zeiten damals am Anfang. Viele Fische, viel lockeres Geld.", sagt dazu Jörg Menzel, der die Berliner Pokerszene von den Anfängen bis heute begleitet hat.

Es war sehr, sehr einfach, dort Geld zu machen. In den unteren Cash Games gab es Spieler - heute würden sie als Fische bezeichnet - die nach dem Motto „kann kommen" spielten. Ohne elementarste Kenntnisse von Pot Odds u. Ä. wurden zeitweilig abenteuerliche Calls auf Vier-Outer oder noch schlimmer gemacht.

Besonders ergiebig war ein bestimmter Menschenschlag, für den die „Ehre" - was immer das bedeutet - einen hohen Stellenwert hat. Am Pokertisch wussten dies einige erfahrene Spieler zu nutzen. Mit starken Händen oder sogar den Nuts provozierten sie die eben beschriebenen Gegner derart, dass die Partie für sie zu einer Frage der „Ehre" geriet. Sie callten dann häufig absurd hohe Bets mit schwachen Karten, nur um nicht als „Weichei" angesehen zu werden oder ihr Gesicht zu verlieren.

In Turnieren war es ähnlich. Da bei den meisten so gut wie keine Live-Turniererfahrung vorhanden war, konnte man beobachten, dass es immer wieder die gleichen Spieler waren, denen es gelang, sich an die Finaltische durchzukämpfen.

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Goldene Zeiten - viele Fische, viel lockeres Geld.

Der Gedanke des „Sozialdarwinismus" lässt sich wunderbar auf ein Biotop wie den Pokerfloor übertragen. Obwohl durchaus umstritten, bedeutet er vereinfacht „die Anpassungsfähigkeit einer Art an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen („survival of the fittest") mit dem Ergebnis, dass schlechter angepasste Arten nicht überleben. Für Poker bedeutet dies, die Bankrolls der „schlechter angepassten" Spieler schrumpfen dramatisch oder sie gehen broke.

Genau dieses Phänomen war im Pokerfloor zu beobachten. Nach ca. einem Jahr waren viele der „kann kommen"-Spieler entweder deutlich seltener vor Ort oder sie blieben ganz weg. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Sie konnten oder wollten ihre Verluste nicht mehr durch Geld aus Arbeitseinkommen oder staatlichen Transferleistungen ausgleichen.

Parallel zu dieser Entwicklung wurde scheinbar erkennbar, wer sich im Biotop durchsetzen konnte. Es gibt eine Reihe von Spielern, die nach wie vor nahezu täglich erscheinen.

Und analog zu dem beschriebenen Selektionsprozess ist das durchschnittliche Spielniveau besser, vor allem aggressiver geworden. Es funktioniert nicht mehr grundsätzlich, andere mit einer Contibet auf dem Flop aus dem Spiel zu drängen, jeder hat mittlerweile 3- und 4-Bets in seinem Arsenal.

Manche Spieler haben offenbar den Drang, die Rationalität ihrer Entscheidungen und ihre analytischen Fähigkeiten ständig demonstrieren zu müssen. So wird im Anschluss an ein Spiel in Länge und Breite erklärt, warum man sich in der und der Art und Weise verhalten hat. Unabhängig davon, dass diese Mitteilsamkeit den aufmerksamen Spielern hilft, so zeigt die Qualität der „Analyse" häufig, dass sich die Spieler weiterentwickelt haben.

Welche Konsequenz hat dies für Turniere und Cash Games? Ganz einfach, der Einfluss der Varianz nimmt zu, analog zu Nic Szeremetas Gedanken im Editorial von Poker Europa 04/2009: „Da sich die Pokerfähigkeiten so stark verbessert haben, entscheidet bei den heutigen Events das Glück viel stärker als früher über das Ergebnis."

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EPT Berlin (Studie) - Die Effekte waren deutlich sichtbar.

 

Schwindende Kaufkraft

Im Frühjahr 2010 war Berlin erstmals Standort für die European Poker Tour. Im Vorfeld der EPT gab es wochenlang Satellites und sonstige Qualifikationsturniere, bei denen man - mehrstufig oder einstufig - das Buy-in für das Main Event der EPT gewinnen konnte. Viele versuchten sich in diesen Satellites, nur wenige qualifizierten sich. In der Konsequenz war aber ein Riesenbetrag aus der „Berliner Pokercommunity" in Richtung EPT abgeflossen, wurde dort in einer ganz anderen Gruppierung umverteilt und letztlich der Berliner Pokerszene entzogen.

Die Effekte waren nach der EPT deutlich sichtbar. Weil viele Spieler offenbar ihre letzten Reserven erfolglos in die EPT-Qualifizierung investiert hatten, schrumpften anschließend die Teilnehmerzahlen bei Cash Games und in Turnieren. Besonders das „hochpreisige" Freitagsturnier (Buy-in 200 €) verwaiste nahezu, letztlich kamen häufig nur noch zwei shorthanded Tische zustande.

Status Quo

Die Spielbank steuerte dieser Entwicklung entgegen. Die Turnierstrukturen wurden verändert. Buy-ins wurden gesenkt, gleichzeitig die Startstacks deutlich angehoben und teilweise die Blindlevels flacher gemacht.

Dadurch erreichte man, dass die Teilnehmerzahlenwieder stiegen und die Turniere am Potsdamer Platz nach wieder beliebter und häufig ausgebucht sind.

Die Berliner Pokerszene hat sich stark gewandelt. Nahezu jeder weiß dort mittlerweile, wie No Limit Hold'em gespielt wird. Wer sich dort behaupten will weiß auch, dass das Spiel sich ständig weiterentwickelt und dass man permanent alle verfügbaren Informationskanäle nutzen muss, um mitzuhalten.

Natürlich kommen immer wieder neue Spieler hinzu. Natürlich besuchen Freizeitspieler den Pokerfloor, denen es zunächst mal ohne primäre Gewinnorientierung darum geht, eine aufregende Zeit zu verbringen. Natürlich verirren sich hin und wieder „Fische". Aber es ist verdammt schwer geworden, stabile Gewinne einzufahren. Oder - wie es Jörg Menzel formuliert: „Wenn die Fische wegbleiben, ist es einfach schwer, Geld beim Poker zu machen."

- Rainer Gottlieb

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