Poker und der Sinn des Lebens

the meaning of life

Vor dem Hintergrund der Colman-Kontroverse haben unter Anderem Daniel Negreanu und Philipp Gruissem eine Diskussion darüber entfacht, was das Wesen von Poker wirklich ausmacht und wie es sich auf die Spieler auswirkt.

It may seem like the way to go
Me, I’d rather be found
Trying something new
- The Offspring, The meaning of life

Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet ein Wohltätigkeitsturnier wie das BIG ONE for ONE DROP löst eine Diskussion über die moralischen Aspekte von Poker aus und darüber, wie man damit umgehen sollte.

Alles begann damit, dass Daniel Colman nach seinem Sieg bei besagtem Turnier in der vergangenen Woche nicht bereit war, Interviews zu geben, sondern sich vielmehr so schnell wie möglich zurückzog.

Jetzt ist das kein vollkommen neues Phänomen, und die meisten Pokermedien – wie auch PokerZeit – gingen mit einem Achselzucken darüber hinweg und wandten sich dem nächsten Turnier zu, aber dann erschien ein Artikel in der Las Vegas Sun, in dem sich der Autor sehr kritisch zu Colmans Verhalten äußerte und ihm das Verhalten eines „trotzigen Kindes“ vorwarf.

Daraufhin reagierte Colman mit einem Blog im 2+2-Forum, in dem er seine Beweggründe erläuterte und ausführte, warum er Poker als sehr „finsteres Spiel“ ansehe, da es davon lebt, dass Menschen mehr Geld verlieren, als sie sich leisten können.

Oder wie er es ausdrückt, „da Poker ein Spiel ist, das in letzter Konsequenz so negative Auswirkungen auf seine Spieler hat“.

daniel colman 3
Daniel Colman. - Macht Erfolg glücklich?

Daniel Colman befindet sich in einem moralischen Dilemma. Es ist ein wichtiges, ja existenzielles Dilemma.

Er profitiert von „einem Spiel, das auf menschliche Schwächen abzielt“. Gewinnen ist zwar schön, aber anderen Leuten ihr Geld abzunehmen, fühlt sich irgendwie falsch an.

Natürlich ist es etwas merkwürdig, dass diese Diskussion ausgerechnet durch das teuerste Turnier der Welt ausgelöst wird, bei dem nun wirklich nicht der Verdacht besteht, dass sich einer der Teilnehmer ruinieren könnte.

Aber sie wirft einige wichtige Fragen auf, und mehrere hochrangige Spieler haben darauf reagiert.

Viele sagen, Colman hätte einfach professioneller reagieren und mit den Medien sprechen müssen, andere stehen auf dem Standpunkt, das sei ganz allein seine Sache.

Manche gehen aber etwas tiefer. Daniel Negreanu, der bei dem erwähnten Turnier Zweiter wurde, erläuterte in seinem Blog, dass er sich mit Colman im Finale prächtig unterhalten habe und dessen Verhalten komplett respektiere.

Dennoch ist seine Sicht der Dine eine andere. Negreanu konzentriert sich mehr auf die positiven Seiten des Spiels.

Natürlich weiß auch er, dass die meisten Spieler Geld verlieren. Aber machen wir uns nichts vor, liebe Leser:

Fast jeder von Ihnen ist Hobbyspieler, und Hobbys kosten Geld. Warum sollte das bei Poker anders sein?

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Respektvoll, aber anderer Meinung - Negreanu und Colman.

Das Tolle ist doch, dass man trotzdem jederzeit die Chance auf einen dicken Gewinn hat, und billiger als Golf ist es auch, denn man kann auf buchstäblich jedem Niveau spielen.

Die positiven Aspekte sieht Negreanu daher auch vielmehr in den sozialen Kontakten, die das Spiel ermöglicht.

Man setzt sich mit ein paar Leuten zusammen, spielt um ein paar Euro und hat Spaß. Sowas tut keinem weh.

Ein wenig altklug, aber sicher nicht falsch, klingt vielleicht Negreanus Ratschlag für Colman: „Nutze dein Geld und deine Intelligenz, um die Welt ein bisschen besser zu machen.“

Wie aber soll das konkret aussehen? Vielleicht so:

Auf diese Frage suchen Igor Kurganov und Adriano Mannino (Autor der Giordano Bruno Stiftung Schweiz) nach einer Antwort. Sie lautet: Spenden, aber richtig.

Beide sind bei der gerade ins Leben gerufenen Institution „REG“ („Raising for effective giving“) engagiert und reagierten mit einem Artikel auf der zugehörigen Webseite.

Poker, so die Grundlage ihrer Ausführungen, ist keine Wahl, sondern die unvermeidliche Berufswahl für die wenigen, die gut genug sind, um davon zu leben. Warum sollten diese etwas anderes tun, bei dem sie vielleicht schlechter dran sind?

Die Frage sei nicht, ob man als Pokerprofi anderen Menschen Schaden zufügt – das tut man – sondern ob es überhaupt möglich ist, etwas zu tun, womit man niemandem schadet.

Ausbeutung ist überall, man muss nur suchen. Irgendwo wird in jeder Branche jemand ausgenutzt. Man denke nur an ganz alltägliche Dinge. Woher kommt die Kleidung, die Sie, lieber Leser, gerade tragen? Woher Ihr heutiges Mittagessen?

Philipp Gruissem uganda
Spenden, aber richtig? - Gruissem in Uganda.

Anstatt, sich beinahe für das zu schämen, was man tut, wie Colman es zu tun scheint, raten Kurganov/Mannino dazu, Profite zu maximieren, soviel öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen wie möglich, und dann den Profit für den guten Zweck einzusetzen.

Einer der berühmtesten Highroller der Welt ist Philipp Gruissem, der sich nach einer Sinnkrise in einem Interview mit PokerZeit dazu geäußert hat, wie er seinem Leben neue Bedeutung geben konnte, indem er sich wohltätigen Zwecken verschrieb (obwohl andere das für „uncool“ halten). Er war also in einer ähnlichen Situation wie Colman.

Gruissem gehört zu den Gründern von REG. Er schreibt dort, das Schlimmste sei eigentlich, dass Poker „häufig als Vehikel dafür genutzt wird, Menschen zu anderen Glücksspielen hinzutreiben“, wo sie in kurzer Zeit viel Geld verlieren können, bis hin zur Zerstörung der eigenen Existenz.

Poker, führt Gruissem weiter aus, ist ein Spiegel des Lebens, und die Welt wird durch Sozialdarwinismus determiniert. Nur die fittesten überleben. Poker zeigt den wahren Charakter eines Menschen.

Allerdings hat am Pokertisch im Gegenteil zu allen anderen Betätigungen jeder die gleiche Chance auf Gewinn und ist damit fairer als jeder Job.

Was Colman als Leiden durch Verlust begreift, nennt Gruissem „Weiterentwicklung“. Daher, schließt der Deutsche, muss ein Spieler „die Entscheidung treffen, selbst etwas für die Gesellschaft zu tun“.

Poker ist ein höchst unproduktives Geschäft. Die Gesellschaft hat davon nichts. Eine Erkenntnis, die deprimierend sein kann.

Die Beispiele von Philipp Gruissem und Daniel Negreanu zeigen, wie man damit umgehen kann, aber man sieht bei Colman, dass das nicht ganz einfach ist.

Für Sie, verehrte Leser, ist es daher vielleicht gar nicht so schlecht, dass Sie (und ich) nur zum Spaß Poker spielen, oder? Achten Sie darauf, es nicht zu ernst zu nehmen.


In this life what is our fate?
Is there heaven and hell? Do we reincarnate?
Is mankind evolving or is it too late?
- Monty Python, The meaning of life

 

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