Marvin Rettenmaier: „Schade, wenn Highroller keinen Spaß mehr haben“

Marvin Rettenmaier beim EPT London Main Event 2014

Marvin Rettenmaier ist einer der erfolgreichsten deutschen Turnierspieler und der Erste und Einzige der zwei WPTs hintereinander gewinnen konnte. Am Sonntag gab er nun seine Trennung von PartyPoker bekannt. Wir haben uns mit ihm bei der EPT London über die Gründe für seinen Weggang und seine Pläne für die Zukunft unterhalten.

PZ: Marvin, du spielst hier das erste Mal nach langer Zeit ohne einen Patch. Warum bist du nicht mehr für PartyPoker aktiv?

MR: Es ist nicht so schwer zu erklären. Mein Vertrag mit PartyPoker ist ausgelaufen und jetzt haben wir uns getrennt.

PZ: Hat es eine Rolle gespielt, dass du in den letzten Monaten aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden bist?

MR: Glaub ich ehrlich gesagt nicht. Die Marketing-Strategie von PartyPoker geht einfach in eine andere Richtung. Wir haben selbst schon zu der Zeit, als ich permanent gute Resultate vorzuweisen hatte, überlegt, ob das Ganze so wirklich Sinn macht.

PZ: Wohin gehen die Bemühungen von PartyPoker dann?

MR: Ganz klar in Richtung US-Markt. Da haben sie wohl jetzt ein paar Spieler, die gesponsert werden. Allerdings in einem kleineren Rahmen, als zu meinen Zeiten.

PZ: Da fallen ja jetzt eine Menge WPT-Turniere für dich weg. Was ist jetzt die neue Vision des Marvin Rettenmaier?

MR: Ich hätte auf jeden Fall Lust mal wieder was zu gewinnen …

PZ: Kann man deine letzten Monate schon als ausgewachsenen Downswing bezeichnen?

MR: Irgendwie schon. Besonders groß war die Enttäuschung vor allem bei der WSOP, wo die Turniere ja besonders soft sind. Wenn es da nicht läuft, dann bekommt man irgendwann wirklich schlechte Laune. Und das ist einfach auch nicht gut für die Qualität des eigenen Spiels.

Marvin Rettenmaier WPT WC1
Marvin gewann als erster und einziger Spieler zwei WPTs in Folge.

PZ: Was machst du dagegen?

MR: Ich war nach der langen Erfolgssträhne auf jeden Fall mal wieder motiviert an meinem Spiel zu arbeiten. Ich hab mir in den letzten Wochen wieder häufiger Lehrvideos angesehen und intensiv mit anderen Pokerspielern über Hände diskutiert. Das wird auf jeden Fall einen Effekt auf mein Spiel haben.

PZ: Gibt es dann eine bestimmt Gruppe von Spielern, mit denen du diskutierst?

MR: Ich will keine Namen nennen, aber es sind vorwiegend amerikanische Spieler, mit denen ich mich wirklich fast täglich austausche.

PZ: 2012 hattest du fast die eine Million Dollar Buy-In für das Big One for One Drop auf den Tisch gelegt. Jetzt  bist du ein wenig aus den News verschwunden. Korrigiert man dann auch das Bild, was man sich bezüglich der eigenen Skills gemacht hat?

MR: Klar, gerade 2012 hab ich mich ja fast schon unsterblich gefühlt, weil es einfach fast in jedem Turnier vorn reinging. Allerdings ist das Bild auch ein wenig verzerrt. Ich hab in den vergangenen Jahren einfach in einer viel höheren Frequenz Liveturniere gespielt. Und wenn ich in 20 Turnieren nicht gecasht hatte, aber dann eben im 21. war das nur zwei Monate später. Dieser „Downswing“ ist dann natürlich gar niemandem aufgefallen. Heute spiel ich bei EPTs das Main und High Roller Event. Die restliche Zeit geh ich lieber feiern. Und wenn ich verkatert bin, lass ich ein Pokerturnier auch einfach mal leichten Herzens ausfallen.

PZ: Eben. Du giltst als „Feierbiest“, wie das der ehemalige Bayern-Trainer Louis van Gaal mal so schön bezeichnet hat. Geht die ewige Party immer noch weiter?

MR: Ja natürlich. Das hat gerade starke Priorität in meinem Leben. Ich such mir die Turnierorte mittlerweile eigentlich nur noch danach an, ob ich dort neben Poker auch anderen Spaß haben kann.

Hermance Marvin
Sein Spitzname "Mad" Marvin kommt daher, dass Rettenmaier in der Pokerszene als Feierbiest bekannt ist.

PZ: Für andere deutsche Top-Spieler wie Phillipp Gruissem oder Igor Kurganov sieht das dann ja so aus, dass sie sich in Charity-Projekten engagieren oder alternative Lebensentwürfe ausprobieren. Bist auch du in einer Poker-Sinnkrise oder fühlst dich ausgebrannt?

MR: Mitnichten. Ich merk das immer wieder, wenn ich mich mit ihnen unterhalte, dass ich Vieles nur schwer nachvollziehen kann. Sie spielen auf höchstem Level Poker und haben eigentlich keinen richtigen Spaß mehr daran. Mir bereitet Poker immer noch ungebrochene Freude, auch wenn ich in einem kleinen Turnier sitze, wo mir das zu gewinnende Geld egal ist.

PZ: Die Parole heißt dann „Poker forever“?

MR: Ich hab auf jeden Fall nicht vor mit Poker in den nächsten Jahren aufzuhören. Ich überlege natürlich in welchem Bereich ich nochmal anderweitig aktiv werden will und wo man dann eben auch sein Geld investiert. Ich habe eine solide Bankroll, keine Schulden und einen Abschluss als Bachelor of Science in General Mangement der European Business School (lacht). Da muß doch was zu machen sein. Vielleicht fang ich ja demnächst doch mal an mich ein bisschen intensiver mit „Trading“ auseinanderzusetzen.

PZ: Da bist du ja hier in London schon in der richtigen Stadt. Wo geht man den hier am besten Live-Pokern?

MR: Kann ich nicht sagen. Ich wohne seit fünf Jahren hier und kenne die Stadt recht gut. Aber ich war auch noch nie außerhalb der EPT in London Live-Poker spielen. Hier entspanne ich mich. In Deutschland besuche ich die Familie und überall sonst spiele ich. Ich bin auch nicht der Cash Game-Spieler und so sind die Pokerclubs in London eben auch nur bedingt interessant.

Das interview führten Christian Henkel und Dirk Oetzmann.

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