Pokersprüche, die die Welt nicht braucht

Jamie Gold

Es gibt zahllose Aphorismen rund um Poker - Einzeiler von scheinbar großer Weisheit. Manche davon sind wirklich gut. Wir haben einem von ihnen sogar einen Artikel gewidmet.

Damals ging es um den Satz „Aggression ist beim Pokern selten ein Fehler" von Mike Caro.
Zu meinen Favoriten gehört auch ein Zitat von Doyle Brunson: „Ruiniere dich nicht für einen ungeraisten Pot", sowie die aus unbekannten Quellen stammenden Aussprüche „kleine Hände, kleine Pots, große Hände große Pots" und der Klassiker „Wenn du nach einer halben Stunde nicht weißt, wer der Fisch am Tisch ist, dann bist du es".
Die Mehrheit dieser Sprüche stammt von den ganz Großen und wird mit der Zeit zum Gebrauchsgut. Ihnen gemein ist die wunderbare Eigenschaft, tiefgründige Wahrheiten mit wenigen einfachen Worten Ausdruck zu verleihen.
Leider hört man auch sehr viele andere Sprüche in den Pokerräumen, die zwar nicht besonders schlau sind, aber dennoch akzeptiert und weit verbreitet. Ich möchte mich heute um einige von ihnen kümmern.
Ich hoffe, dass dies ein lehrreicher Versuch sein wird, und vor allem hoffe ich, dass Sie diese Sprüche nie benutzen werden, nachdem Sie sie hier gelesen haben:

1. „Gestern Nacht habe bei ______ (hier bitte den Pokerclub oder Online-Anbieter Ihrer Wahl einsetzen) den Tisch komplett dominiert."

Wenn Sie einen Tisch „dominieren", sollten Sie sich nicht allzu viel darauf einbilden. Ein einzelner erfolgreicher Abend ist nicht gerade ein Ritterschlag.
In meinem bevorzugten Pokerclub gibt es eine „Klasse" (metaphorisch gesprochen) von Semi-Fischen. Es handelt sich um ganz ordentliche Spieler - nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlecht.
Poker ist zu groß für richtige Fische. Ihnen geht einfach zu schnell das Geld aus. Unsere Semi-Fische dagegen verlieren einfach mehr als sie gewinnen. Sie sind diejenigen, die das Spiel am Leben halten.
Einer meiner schuppigen Freunde musste eines Tages von Fortuna geküsst worden sein. Er bekam unglaublich gute Karten. Der Begriff „Kartenglück" erhielt durch ihn eine völlig neue Bedeutung. Am Ende spazierte er mit über 4000 Dollar Gewinn nach Hause.
Für einen Fisch wahrlich nicht schlecht. Was also muss ich mir beim nächsten Treffen anhören? Er hat den Tisch „komplett dominiert". Und nicht nur das. Offenkundig hält er sich nun, da er einen der größten Gewinne mitnehmen konnte, die es hier in den letzten Monaten gegeben hat, für den besten Spieler der Welt.
Interessant. Es hatte so viel Glück, dass er es selbst nicht glauben konnte, also muss es Können gewesen sein.
Um die Wahrheit zu sagen, hat er überhaupt nichts dominiert. Er hatte einfach sehr viel Glück. Und wissen Sie was? Das ist in Ordnung. Er traf zwei Sets, als er mit Underpairs in große Pots verwickelt war. Dann traf er Runner-Runner einen Monsterflush gegen ein paar Asse, außerdem hielt praktisch jede seiner Made Hands.
Wenn Ihnen so etwas passieren sollte, dann stapeln Sie gemütlich Ihre Chips, aber halten Sie sich bitte nicht plötzlich für Chip Reese.
Merken Sie sich: Niemand „dominiert" das Spiel in einer einzigen Session. Wenn Sie einen großen Gewinn landen, haben Sie Glück gehabt. Vielleicht haben Sie ja gut gespielt (wenn man gewinnt, spielt man tendenziell besser als wenn man verliert - eine interessanter Umstand, auf den wir an anderer Stelle näher eingehen werden), aber 1000 Big Blinds Gewinn an einem Abend verdanken Sie nicht Ihrer Brillanz, sondern Glück.
Wenn Sie das Spiel wirklich dominieren, dann gewinnen Sie mindestens fünf Big Blinds pro Stunde, und zwar mindestens 500 h hintereinander - und eigentlich ist auch das noch viel zu wenig, um wirklich von einer konstanten Gewinnquote zu sprechen.
Im übrigen werden Sie von einem Spieler mit dieser Gewinnquote niemals hören, dass er das Spiel dominiert.

2. „Ich habe den Kerl mit dieser Hand ausgespielt."

Diesen Satz hört man bevorzugt von mittelmäßigen Spielern, die sich plötzlich mit einem angesehenen Top-Spieler, womöglich einem Profi, am Tisch wiederfinden.
Wenn Sie diese Worte hören, können Sie sich schon ungefähr ausmalen, was passiert ist. Er hat gegen den Profi eine Hand gespielt, einen guten Read gehabt und den Profi dazu gebracht, die bessere Hand zu folden.
Nun glaubt er, den Profi ausgespielt zu haben. Und genau wie bei der „Dominanz"-Geschichte stimmt das oberflächlich gesehen auch. Was die tiefere Bedeutung angeht, stimmt daran jedoch überhaupt nichts.
Ok, da hast du also im richtigen Moment das Richtige getan und mit einer Hand gewonnen, die nicht die beste war. Na und?

Zwei Anmerkungen dazu: Zum einen folden gute Spieler die bessere Hand viel häufiger als schlechte. Es ist keine Schande, eine Hand aufzugeben, wenn der Spielverlauf dies zu erfordern scheint.
Der Pot könnte zu klein sein, der Spieler hat vielleicht keine Position, möglicherweise gab es in der Partie schon einige merkwürdige Situationen, aufgrund derer der Bluffer schwer zu lesen war usw.
Zweitens benötigt man viel Zeit, um jemanden „auszuspielen", ebenso wie dafür, das Spiel zu „dominieren". Es dauert viele hundert Stunden und tausende von Händen, bevor Sie sich auch nur annähernd sicher sein können, ein Level wirklich dauerhaft schlagen zu können, und es dauert genauso lang, bis man behaupten darf, man könne jemanden ausspielen.
Ich weiß nicht genau, woher der Spruch mit der „Dominanz" stammt, das „Ausspielen"-Zitat taucht jedenfalls in dem berühmten Film Rounder auf. Der Hauptdarsteller McDermott, gespielt von Matt Damon (der, wie die meisten von Ihnen wissen, tatsächlich ein ganz guter Pokerspieler ist), drängt Johnny Chan aus der Hand in einer High Stakes Partie im Taj in Atlantic City.
Später lässt er sich dann darüber aus, dass er den großen Chan aus einer einzigen Hand gedrängt hat und dass er nun reif für das ganz große Geld sei.
Wenn ich höre, wie jemand erzählt, dass er den Gegner in einer Hand ausgespielt hat, denke ich das, was Daniel Negreanu denkt, wenn sich Phil Hellmuth an seinen High Stakes Tisch setzt: „Mmh, lecker Fisch."
Tun Sie sich selbst einen Gefallen, wenn Ihnen einer dieser Sätze (oder einer der vielen anderen albernen Sprüche, die am Pokertisch zu hören sind) auf der Zunge liegt: Halten Sie den Mund.

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