Hand der Woche – Der Unterschied zwischen Profi und Amateur

Fernandez
Julian Fernandez

Immer wieder kommt es bei Pokerturnieren vor, dass Amateure den Finaltisch erreichen und einen absoluten Spitzenplatz belegen. Auch beim Main Event der French Poker Series 2016 in Monte Carlo gelang dem Franzosen Julian Fernandez ein solcher Parforceritt, doch dann spielte er gegen den erfahrenen Profi Niall Farrell eine Hand nicht optimal und musste bitter dafür bezahlen!

Ausgangslage und Spiel bis zum River

Der €1.100 Main Event der French Poker Series 2016 lief hervorragend für den Amateur Julian Fernandez, der schon knapp €90.000 sicher hat und bei noch drei verbliebenen Spielern mit den erfahrenen Spielern Stephane Dossetto und Niall Farrell um die Siegprämie von €218.000 kämpft.

Vor der Hand sehen die Chipcounts bei Blinds von 100.000/200.000 plus 25.000 Ante etwa so aus: Farrell 13 Millionen (65BB), Dossetto 12 Millionen (60BB) und Fernandez 5 Millionen (25BB).

Der Preisgeldsprung zu Platz 2 beträgt knapp €40.000, doch bei den aktuellen Chipständen sieht es für Fernandez nicht besonders gut aus, als er im Small Blind

   

bekommt. Vor ihm raist der aggressive Brite Farrell auf 425.000, und Fernandez callt. Dossetto foldet, damit sind 1,125 Millionen im Pott, und es geht auf den Flop. Der bringt

     

Fernandez checkt, Farrell setzt 350.000 und Fernandez callt. Damit sind 1,825 Millionen im Pott, die effektiven Stacks betragen 4,2 Millionen, und der Turn bringt die

 

Fernandez setzt von vorn 550.000, Farrell raist auf 1,25 Millionen und Fernandez geht mit 4,2 Millionen All-In. Farrell callt und gewinnt nach dem

 

mit

   

den Pott, während Fernandez auf Platz 3 ausscheidet und sich mit knapp €90.000 Preisgeld begnügen muss.

Die gesamte Hand könnt ihr euch hier ab Minute 12 in bewegten Bildern ansehen:

Analyse und Bewertung

Mit Top Pair scheidet Julian Fernandez hier aus und muss seinen Traum vom Turniersieg beim Main Event der French Poker Series begraben.

Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als sei der Amateur hier in eine ungünstige Situation geraten, in der er nichts machen konnte, aber bei näherer Betrachtung werden wir feststellen, dass es in seiner Spielweise durchaus gravierende Verbesserungen gab.

Niall Farrell2
Niall Farrell

Das beginnt schon vor dem Flop. Niall Farrell ist ein zwar ein sehr aggressiver Spieler, aber auch ein sehr starker. Gegen solche Leute sollte man sich doppelt und dreifach überlegen, ob man mit 25BB und einem mittleren Suited Connector ohne Position antreten will.

Natürlich ist T 9 eine schöne Hand, doch aufgrund der Turniersituation und vor allem der schlechten Position gegen einen sehr starken Spieler kann man hier durchaus folden.

Hartnäckigkeit auf dem Flop

Nach Dossettos Fold bringt der Flop drei Achten aufs Board, was nichts anderes bedeutet, dass – bis auf den unwahrscheinlichen Fall, dass einer der beiden Spieler die letzte Acht hat – die Hand vorne liegt, die vor dem Flop vorne lag.

Natürlich checkt Fernandez zu seinem Gegner, der die typische C-bet bringt, die hier mit ein Drittel der Pottgröße sogar ein wenig kleiner als normal ausfällt.

Was sollte Fernandez nun tun? Ganz einfach, er sollte folden. Natürlich kann Farrell hier bisweilen eine schlechtere Hand wie 76 oder 65 haben, womit er den Pott gestohlen hätte, doch fast immer hat er zumindest eine Overcard oder liegt mit einem Paar (z.B. 44) vorn.

Julien Fernandez
Julien Fernandez

Schwer zu sagen, was Fernandez an dieser Stelle bewogen hat, seine schwache Hand (er hat Zehn hoch!) weiterzuspielen, doch das Lehrstück ist damit noch nicht zu Ende!

Ein Fehler kommt selten allein

Kaum auf dem Turn angekommen, bringt dieser prompt eine der beiden „Traumkarten“ für Fernandez. Da er mit Zehn hoch kaum gewinnen könnte, brauchte er einen Treffer, und die Wahrscheinlichkeit, dass eines seiner sechs „Outs“ (wir wissen natürlich, dass es nur ein Pseudo-Out ist) direkt auf dem Turn ankam, betrug nur ungefähr 12 Prozent – ein Grund mehr, warum der Flop-Call so schlecht ist.

Anstatt nun zu Farrell zu checken, setzt Fernandez. Was will er damit erreichen? Will er seine Hand beschützen oder glaubt er wirklich, er könnte eine schlechtere Hand zweimal zur Kasse bitten?

Korrekt wäre gewesen, wieder zu checken und darauf zu hoffen, dass Farrell erneut blufft oder mit einer besseren Hand vom Gas geht.

Farrell will alles
Farrell will alles

Mit dieser Spielweise wird Fernandez maximal einmal von einer Hand wie AK, AQ oder 77, die Showdown Value hat, gecallt, aber sicher nicht zweimal, womit die Bet einfach keinen Sinn ergibt.

Farrell zeigt seine Klasse

Nach Fernandez‘ sogenannter Donk Bet versinkt Farrell, der vermutlich leicht überrascht war, in kurzes Nachdenken, ehe er einen sehr starken Spielzug auspackt.

Mit seinem Raise polarisiert er sein Spektrum, während ein Call einfach nur bedeuten würde, dass er „etwas“ hat. Gleichzeitig ahnt er offenbar, dass sein Gegner irgendwas getroffen hat, und da er bis auf eine Acht und 99 (alles Hände, die kaum setzen würden) alles schlägt, ist ihm ein All-In herzlich willkommen.

An dieser Stelle ist es für Fernandez schwer, von seiner Hand loszukommen, da Farrell als aggressiver Spieler hier tatsächlich bluffen könnte. Außerdem hat der Franzose nun schon deutlich mehr als ein Viertel seines Stacks investiert, und er müsste nach einem Fold mit 3,65 Millionen weiterspielen – daran hatte er offenbar kein Interesse.

Dennoch wäre ein Call besser gewesen, denn falls Farrell wirklich blufft, foldet er nach dem All-In, während er nach Call und Check auf dem River vielleicht All-In ginge. Unterm Strich gewänne Fernandez bei diesem Szenario deutlich mehr Chips.

So aber landet Fernandez in fast aussichtsloser Lage im All-In und muss sich wenig später verabschieden.

Und die Moral von der Geschichte?

In einer Art Kettenreaktion verschlimmert Julian Fernandez seine Lage von Setzrunde zu Setzrunde, bis es keinen Ausweg mehr gibt.

Spieler wie Farrell bluffen oft und haben recht schwache Spektren, aber auch sie bekommen starke Hände, und das hat Fernandez in dieser Hand überhaupt nicht gewürdigt.

Wollte Fernandez den Briten wirklich herausfordern, hätte er ihn bis zum Ende setzen lassen und dann eben schulterzuckend seinen Platz gegen die Könige geräumt.

Noch besser wäre allerdings gewesen, die Hand spätestens auf dem Flop zu entsorgen.

PS: Trotz dieses „Geschenks“ reicht es für Niall Farrell nicht zum Sieg. Der ging an Stephane Dossetto.

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