Turnierberichterstattung über Anonymus oder das Dilemma des Bloggers. Eine Provokation von Rainer Gottlieb

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12 Oktober 2013, Von: PokerZeit.com
Geposted in: The Hand
Turnierberichterstattung über Anonymus oder das Dilemma des Bloggers. Eine Provokation von Rainer Gottlieb

Wer kann mit den folgenden Zeilen - zitiert aus dem relativ aktuellen Live-Blog eines geschätzten Kollegen - etwas anfangen?

„Platz 6 gibt es für BernhardtD, der mit K 9 gegen Achim P. mit A 9 antritt und sich auf dem Board T J 9 6 4 nicht entscheidend verbessern kann.“

„Danach folgt Heppi mit 9 6 gegen dieA K von TLoeffel, auch er hatte auf dem Board T 4 8 K Q das Nachsehen und nimmt Platz 5.“

„Primorac raised auf 96k und Stolen Nuts einen Seat weiter geht für knapp 550k all-in. Heppi geht in mittlerer Position all-in und das reicht zur Isolation des kleineren Stacks.“

„Sachen gibt es … bei StoneWallJackson und Harrys handelt es sich um Vater und Sohn – beide liegen auch noch an der Spitze des Chip Counts.“

BernhardtD, Achim P., Heppi, TLoeffel, Primorac, Stolen Nuts, StonewallJackson, Rudi27, oder – die Krönung “Rindergulasch”?

Wem sagen diese Namen etwas? Wem bringt diese Art von (austauschbarer) Information etwas?

Bezeichnend dazu die folgende (ebenfalls anonyme) Leserzuschrift zu einem Turnierbericht aus Berlin:

„CM am Sonntag, Oktober 6, 2013

Warum gibt es eigentlich noch Berichterstattungen über solche Turniere in Deutschland? Wenn ich lese, daß Heppi, Harrys und andere Pseudonamen als Teilnehmer dastehen, ist das, außer für die Regulars in dem Fall aus Berlin, völlig nutzlos!“

Man sollte doch vermuten, dass Turnierteilnehmer schon aus Gründen des Renommees daran interessiert sein müssten, Ihre Namen im Klartext lesen zu können.

Es ist doch sehr schmeichelhaft, wenn man durch einen oder mehrere Turnierberichte als erfolgreicher Spieler geadelt wird.

online nicks
Online-Nicknames sind eine Sache, aber live...

In allen sportlichen Disziplinen ist es Usus, Teilnehmer und besonders Gewinner namentlich zu nennen.

Es grenzte ans Absurde, wenn im Rahmen einer Reportage über Formel 1-Rennen Sebastian Vettel plötzlich mit „SV“ oder „Racing Seb“ tituliert würde.

Niemand nähme derartige Berichterstattung zur Kenntnis, geschweige denn ernst.

Der moderne Poker-Blogger befindet sich somit automatisch in einem ständigen Dilemma: Er hat die ohnehin schon nicht leichte Aufgabe, im turbulenten Turniergeschehen die dramatischen Momente zu erkennen, um dann mit den relevanten Informationen zu seinem Computer zu hetzen und diese zeitnah zu dokumentieren.

Dazu muss er sich über eine Besetzungsliste die größtenteils anonymisierten Teilnehmer zusammensuchen. Ein stressiges Unterfangen mit einem Element von Frustration, denn wem nützt letztlich die mühsam generierte Information?

Woran mag es also liegen, dass der Großteil der Turnierteilnehmer mit Nicknames auftauchen?

Erklärungsversuche:   

Seitdem sich Eddy Scharf mit einer massiven Steuerforderung des Finanzamts Köln konfrontiert sieht, und sein zugehöriger Rechtstreit durch die Gazetten geht, ist ein eigenartiges Phänomen zu beobachten:

Landauf, landab, bei kleinen, mittleren und großen Turnieren bestehen die Teilnehmerlisten zum größten Teil aus Pseudonamen, Klarnamen sind nur noch in verschwindender Zahl zu erkennen.

Sind das alles Poker-Großverdiener, die ihre Identitäten vor dem Finanzamt verbergen wollen?

Sind das Leute, denen es vielleicht unangenehm ist, im Zusammenhang mit Poker genannt zu werden?

Oder - bewusst provozierend gefragt - handelt es sich (teilweise) um Empfänger von Sozialleistungen, die ihren Klarnamen im Gewinnfall nicht veröffentlicht sehen wollen, weil es dann vielleicht zu Rückforderungen der Sozialbehörden kommen könnte?

- Rainer Gottlieb

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A.K. 2013-10-13 16:31:21

Anders gefragt: Ist es wirklich nötig, ein €300-Turnier einer Live-Berichterstattung zu unterziehen? Wer, außer die dort Spielenden und einige ihrer Freunde, interessiert sich live für das Abschneiden im Turnier? Wie viel Renommee ist damit verbunden, in der Spielbank Berlin in einem Triple-A-Turnier auf Platz 13 mit einem verlorenen Flip auszuscheiden?

Ob da nun Ölkan Cerlai, "Rindergulasch" oder Hans-Peter Schmidt einen Pot gewinnt ist doch für 99 Prozent der Pokerwelt unerheblich.

Man sollte den Spielern zumindest bei den kleineren Turnieren doch ein gewisses Recht auf Anonymität zugestehen.

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