Philipp Gruissem: „Als Pokerspieler bin ich der Welt am nützlichsten“

Philipp Gruissem

Der Krefelder Philipp Gruissem ist mittlerweile einer der meist respektierten Pokerspieler der Welt. Wir sprachen mit ihm darüber, was „effective altruism“ als Lebensentwurf bedeutet, wie man eine Einladung zu den Super Cash Games in Macau erhält und warum er sich mittlerweile in der ganzen Welt Zuhause fühlt.

Philipp, du spielst hier bei der EPT Vienna den High Roller Event. Ist das mit den Maximen des „Effective Altruism“ vereinbar?

Effective Altruism ist eine Einstellung: Sie bedeutet im weiteren Sinne: ich verdiene Geld, um es Anderen zu geben. Man trifft die Entscheidungen, die der Welt den meisten Nutzen bringen. Das Beste was ich tun kann dafür ist Poker spielen. Als Gärtner oder Krankenschwester (lacht) würde ich der Welt sicher weit weniger nützlich sein.

Du sollst davor massive Probleme gehabt haben dich weiterhin fürs Pokern zu motivieren?

Stimmt. Wenn man anfängt mit Poker spielen ist das eine Menge Spaß. Aber wie alles wird es irgendwann vor allem auch ein Job. Und ich hab nun mal einen Beruf gewählt, bei dem es um nichts anderes, als ums Geld geht. Und mir ist das auf Dauer einfach zu wenig, auch weil ich mich für Geld einfach gar nicht so sehr interessiere. Mir fehlte einfach die zweite Motivation über das Geldverdienen hinaus.

Hört sich nach buddhistischen Lebensmaximen an ...

Das stimmt. Im Buddhismus heißt es, dass man erst durch das Geben glücklich wird. Und das entspricht so ziemlich genau dem, was ich darüber denke.

Würdest du dich als Buddhist bezeichnen?

Ich muss mich da nicht festnageln lassen. Jeder hat in seinen Überzeugungen bestimmte Bestandteile von jeder Religion. Und bei mir tendiert das einfach im stärkeren Maße zum Buddhismus, über den ich auch Einiges gelesen habe.

Die Persönlichkeit ist ja irgendwie die Summe der Einflüsse, die auf einen gewirkt haben im Leben. Und ich hatte eben eher einen buddhistischen Einfluss.

Philipp Gruissem uganda
Gruissem in Uganda - alle Menschen sind gleich viel wert.

Und wie sieht der effective altruism dann in der Praxis aus?

Man versucht soviel Geld wie möglich zu machen, und dann in wohltätige, aber profitable Projekte zu investieren. Im besten Fall werde ich genug Geld anlegen, um finanziell abgesichert zu sein, und dann in andere, erfolgversprechende Projekte investieren.

Immer mit dem Ziel die Gewinne dann für gemeinnützige Vorhaben zu verwenden. Ich hab große Pläne und hoffe, sie auch irgendwie umsetzen zu können.

Und wo ist jetzt das erste Geld hingegangen?

60.000 Dollar gingen an die „Schistosomiasis Control Initiative“, einem Projekt, das zur Bekämpfung von Bilharziose und anderen Wurmkrankheiten gegründet wurde. Das habe ich erst kürzlich in Uganda selbst besucht. Und Igor (Kurganov, Anm. d. Red.) hat zum selben Zeitpunkt 90.000 Dollar an „Effective Altruism“, einer Schweizer Initiative zur Organisation von Charity-Projekten übergeben.

Ihr schaut also schon genau hin, wie euer Geld eingesetzt wird?

Das ist der Plan. Das Geld soll so effektiv wie möglich eingesetzt werden. In Uganda kann ich mit 2000 Dollar 1000 Menschen helfen. In Deutschland wird das schon bei einem schwer.

Für mich sind alle Menschen gleich, also unterstütze ich die Projekte, die ich für die effizientesten halte.

Hört sich irgendwie unglamourös an. Steht man damit nicht innerhalb der Pokerszene schnell in der Ökoecke?

Das stimmt. Allerdings ist das auch völlig absurd. Bei Facebook posten die Pokerspieler permanent irgendwelchen Schwachsinn über ihre neuen Autos oder Rolex-Uhren. Und wenn man dann mit einem Charity-Projekt um die Ecke kommt, ist das auf einmal nicht mehr cool.

Underground ist also vorbei? Keine privaten High Stakes Cash Game-Partien mehr?

Wo denkst du hin. Das wird jetzt noch interessanter. Jetzt wo ich soviel für den guten Zweck abgebe, will ich ja noch mehr Geld beim Poker verdienen. Und ich hole es mir, wo es eben zu holen ist.

Dann wird auch ein Sponsorenvertrag wieder interessant? Gus Hansen hat deinen Namen bei Full Tilt ins Spiel gebracht.

Klar. Allerdings hat mit mir noch keiner geredet, geschweige denn ein attraktives Angebot gemacht.

Gut, noch mal zurück zum Poker. Sam Trickett hat in einer Analyse deines Spiels gesagt, dass es von hoher Kreativität im Postflop-Spiel geprägt ist und du einer der wenigen Spieler in diesem Buy In-Bereich bist, für den pot control kaum eine Rolle spielt. Guter Read?

Ja, kann man sagen. Mein Spiel ist überaus variantenreich und deshalb natürlich auch von erhöhtem Risiko geprägt. „Kreativ“ ist eine recht treffende Bezeichnung.

Philipp Gruissem
Wer keinen Witz erzählen kann, ist schnell wieder draußen.

Und Sam Tricketts Spiel?

Ist eher solide. Aber sehr effektiv.

Gibt es dann Spieler von denen du was lernen kannst?

Natürlich. Ich hab fast von jedem Spieler, der regelmäßig in diesem Bereich spielt irgendwas gelernt. Sam Trickett gehört auch dazu.

Steht eigentlich hinter der deutschen Dominanz bei den Highroller- und Super High Roller-Turnieren eine Rudel-Taktik?

Auch wenn’s so aussieht, wir haben das nie generalstabsmäßig geplant. Wir konnte es uns eben alle irgendwann leisten und weil sich früh Erfolge einstellten, konnte man es sich immer öfter leisten. Und wir sind ja mehr oder weniger eng befreundet miteinander. Und da weiß man auch, auf was man sich da vom Poker-Skill her einlässt.

Nie des Cheaten verdächtigt worden?

Man hat natürlich das ein oder andere darüber gelesen und auch ein paar Spieler haben da wohl ihre Bedenken geäußert.

Aber direkt angegriffen hatte uns bisher nur TonyG. Dem hab ich dann was dazu gesagt und er hat nichts mehr darauf geantwortet, was bei ihm ja ein sicheres Zeichen dafür ist, dass man irgendwie Recht hat.

Von anderen Spielern, die mit uns gespielt haben, habe ich ansonsten nie irgendwas gehört. Und die passen in diesem Buy In-Bereich alle auf, wie die Schießhunde und lassen sich von niemandem den Mund verbieten.

Ihr seid nun also so etwas wie die Elite-Truppe der High Roller-Turniere. Schaut ihr euch auch nach Nachwuchs um? Ole Schemion zum Beispiel oder Max Altergott? Könnten die nicht eine zusätzliche Waffe in eurem Arsenal darstellen?

Sam Trickett
Sam Trickett - ganz gut zusammengefasst.

Zu uns gestoßen ist ja kürzlich schon mal Max Lehmanski. Und auch mit den anderen jungen deutschen Pokerspielern sind wir natürlich im Kontakt.

Die nächste Generation hat immer auch neue Tricks auf Lager. Und die versuchen wir natürlich zu bekommen.

Aber unsere Gruppe ist nun schon so lange zusammen, da wird es in naher Zukunft keinen großen Zuwachs geben.

Wie muss man sich eigentlich einen Think Tank vorstellen? Montags wird um Acht zwei Stunden über Omaha geredet und am Donnerstag gibt es ein Block-Seminar zum 2-7 Triple Draw?

(Lacht). Ich wäre wirklich manchmal froh, wenn’s so ablaufen würde. Aber in der Realität ist das viel spontaner.

Da läuft viel in Vier-Augen-Gesprächen oder über einen Skype-Chat.

Aber du hast natürlich mit einem Recht: wir diskutieren schon sehr viel darüber, in welchen Spielen man sich momentan den größten Vorteil anlernen und antrainieren kann.

Und über 2-7 Triple Draw und Omaha reden wir öfter, als über andere Varianten.

Richtig Geld ist ja offenbar auch in Asien zu verdienen. Schon mal über den Angriff auf die Super Cash Games in Macau nachgedacht?

Dazu muss man eingeladen werden. Und ich hab tatsächlich auch schon viermal mitgespielt jetzt.

Allerdings hab ich ordentlich auf die Mütze bekommen und muss mich erstmal erholen.

Und wie bekommt man eine der „goldenen Eintrittskarten“ zum großen Glück?

Indem man zunächst die Super High Roller-Turniere in Asien spielt und dort mit den lokalen VIPs am Tisch sitzt. Wenn die dich interessant finden, wirst du eingeladen.

Philipp Gruissem
Charity ist uncool? - eigentlich absurd.

Und ich denke, dass ich die Prüfung bestanden habe. Denen geht’s um Spaß am Spiel, und da steht die Unterhaltung im Vordergrund.

Wen du da nur zum Geldverdienen hinkommst und keinen Witz erzählen kannst, bist du schnell wieder draußen.

Hast du bei all den ganzen Reisen manchmal Sehnsucht nach Deutschland?

Ich habe eigentlich gar keine Sehnsucht mehr irgendwann, irgendwo zu sein. Ich fühle mich momentan überall Zuhause.

Ich möchte meine Freunde um mich haben und regelmäßig meine Familie sehen. Das verstehe ich vor allem unter Heimat.

- Das Interview führten Christian Henkel und Dirk Oetzmann

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