Interne Tells oder einfach nur Tilt?

Andy Black
Nicht jeder kann Buddhismus zu Hilfe nehmen.

Bob Silverstein ist ein Psychotherapeut, der auch Poker spielt (oder sagt man hier Pokerspieler, der auch Therapien durchführt?). Er hat über etwas geschrieben, dass er interne Tells nennt - emotionale Ausnahmezustände, die die Entscheidungsfindung am Tisch beeinflussen.

Der Begriff ist ungewöhnlich, und Silverstein beschreibt eine Reihe von Umständen, die einen „internen Tell" begünstigen.

Dazu gehören Spannungszustände unter Druck (schwierige Hand, viel Geld im Pot), Unwohlsein aufgrund der Lebensumstände (Familien- oder berufliche Probleme), individuelle Unterschiede in der Fähigkeit, Emotionen zu kontrollieren und zu unterdrücken, und natürlich der Hellmuth-Koller sowie die Matusow-Kernschmelze.

Silverstein hat hier etwas Interessantes entdeckt, das einen näheren Blick wert ist.

Zunächst glaube ich, dass der Name nicht richtig gewählt ist. Es handelt sich nicht um einen internen Tell. Es ist überhaupt kein Tell im klassischen Wortsinn.

Tells sind Bewegungen oder Veränderungen in der Haltung, die Informationen über die Stärke einer Hand preisgeben.

Ein Tell erzählt den Gegnern etwas, das sie sich zunutze machen können, um bessere Entscheidungen zu treffen. Wenn man gerade mit dem Konkursrichter zu tun hat, fühlt man sich vielleicht nicht wohl, aber es hat nicht unbedingt einen Einfluss darauf, mit welcher Attitude man K-8off aus dem BB spielt.

Silverstein merkt an, dass er mit mehreren Profis darüber gesprochen hat, und jeder von ihnen hätte „sofort Schwierigkeiten damit gehabt, sich mit dem Konzept auseinanderzusetzen".

Udn das ist auch kein Wunder.

Silverstein spricht eigentlich über Tilt. Wenn es einen „internen Tell" gibt, dann erzählt er eigentlich nur, dass der Spieler tatsächlich auf Tilt ist.

Phil Hellmuth
Tilt ist Hellmuths einziger Feind.

Tilt ist der größte Feind des Pokerspielers. Schon unzählige Artikel wurden darüber geschrieben, und dennoch ist das Phänomen bei heute nicht vollständig erklärt. Von all denen, die sich damit beschäftigt haben, ist Tommy Angelo der Klärung am nächsten gekommen.

Ich habe schon einmal das Buch Elements of Poker empfohlen, und ich wiederhole mich hier gern. Angelo würde sich bei Silverstein wiederfinden, aber ich vermute, dass er andere Termini verwenden würde.

Warum sind „interne Tells" eigentlich Tilt? Weil sie innere Befindlichkeiten beschreiben, die korrekte Entscheidungsfindung verunmöglichen. Manchmal sind sie kognitiver Natur, z. B. wenn man deprimiert  oder müde ist und Schwierigkeiten damit hat, eine komplexe Hand durchzuspielen. Manchmal sind es finanzielle Probleme (wie eine schrumpfende Bankroll), eine innere Angst entstehen lassen und bekanntlich das Selbstbewusstsein untergraben.

Und manchmal gibt diese Tage, an denen man die Ruhe verliert und den klaren, konzentrierten Zugang zum Spiel, und man fühlt sich unsicher und unwohl.

Jeder dieser Gemütszustände führt zu Tilt, denn Zorn, Depression, Angst, Unsicherheit, Verwirrung und ähnliche Zustände verhindern optimale Entscheidungsfindung. Suboptimale Entscheidungsfindung ist jedoch die funktionelle Entsprechung zu Tilt.

Ich erkläre das hier im Detail, weil dies ein wichtiger Punkt ist. Tilt bedeutet nicht nur, seine Karten wegzuwerfen oder sich in einen Raise-Reraise-Kampf zu verwickeln. Tilt zeigt sich nicht nur in so offensichtlichen Dingen wie lauten Beschinpfungen des Gegners.

Tilt beschreibt jede, absolut jede Situation, in der man nicht mehr sein bestes Poker spielt.

Schlicht und ergreifend.

Wenn es aber so einfach ist, warum wird dann so viel Wind darum gemacht? Eben weil es so einfach ist - und weil einfache Wahrheiten oft mit komplexen Lektionen einhergehen.

Was hier die Lektion ist?  Kommen wir noch einmal zu Silverstein zurück, denn er hat das Thema im Grunde richtig beschrieben, wenn er es auch nicht richtig benannt hat.

Er rät dazu, auf die innere Stimme zu hören, den eigenen emotionalen Zustand zu erkennen und zu versuchen, die innere Ausgeglichenheit zu finden, die man benötigt.

Jerry Yang
Der Untiltbare.

Er zitiert eine Unterhaltung mit Jerry Yang (ja ich weiß, niemand hält viel von seinem Spiel, aber Himmel nochmal, er hat die ganz große Marie gewonnen). Yang erzählte ihm, dass er nicht gut Poker spielen könne, wenn ihm andere Dinge durch den Kopf gingen.

Er erläuterte, „wenn ich ruhig und entspannt bin und mich nichts ablenkt, fühle ich mich beinahe unüberwindbar".

Humberto Brenes (der allgemein als recht guter Spieler anerkannt ist, wie ich meine) erzählte Silverstein, dass er, wenn er einen Lauf hat, die Karten gar nicht mehr sieht: „Ich werdfe zu meinen Karten." Und wenn er einen großen Pot verliert, legt er einen seiner Lieblingssongs auf seinem iPod auf und singt sich selbst etwas vor, bis er sich wieder beruhigt hat.

Aus diesen Anekdoten sollten wir zwei eintscheidende Dinge lernen. Erstens muss man die Situationen erkennen, die zu Tilt führen. Das ist schwieriger, als es sich anhört.

Ich bemerke oft an mir selbst, dass ich berärgert bin oder die Geduld verliere, und sobald ich das bemerke. Frage ich mich selbst: „Wann hat das angefangen? Wie lange fühle ich mich schon so? Wie viele schlechte Entscheidungen habe ich schon getroffen?"

Ich spiele das Spiel seit Jahrzehnten und arbeite immer noch daran, diese Zustände zu erkennen. Es bleibt schwierig.

Der zweite Punkt ist, dass man mental in der Lage sein muss, wieder von dem Tilt „herunterzukommen".

Brenes singt (manchmal laut!). Yang verdrängt unangenehme Gedanken. Angelo meditiert und setzt kontrolliertes Atmen ein (lesen Sie das Buch). Und Reber, na ja, Reber hat den Dreh immer noch nicht richtig raus, aber verdammt nochmal, es ist aber auch schwierig.

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