ICM-Berechnung und Super-Shortstackstrategie

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Im zweiten Teil unserer Serie erläutert Cardrunners Coach Samer „Braminc“ Khuri den Umgang mit dem ICM und wie es die Spielweise mit Super-Shortstacks in Turnieren vereinfacht.

Samer „Braminc“ Khuri spielt seit 2006 professionell SnGs. Er ist auf einer großen Bandbreite von Stakes unterwegs, und seine Serie „SnG Payout Analysis“ beschäftigt sich damit, wie man seine Spielweise an jede Turnierstruktur perfekt anpasst.

Die meisten Spieler, die sich auf Turniere spezialisiert haben, sind mit einem simplen und grundlegenden Konzept vertraut: Wenn der Stack eine bestimmte Größe unterschreitet, spielt man nur noch All-in oder Fold.

Ein Standard-Raise wird zu einem suboptimalen Spielzug, denn man gibt damit Fold Equity auf und ist trotzdem committed, wenn der Flop gefallen ist (egal, wie der Flop aussieht).

Unser Vorhaben muss also sein, die Fold Equity zu maximieren, so lange wir noch welche besitzen, um unsere Überlebenschancen zu verbessern.

Diese Grundidee ist allgemein anerkannt, aber es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, wo die „kritische Größe“ des Stacks liegt. Manche Spieler schalten in den Push/Fold-Modus, wenn ihr Stack 15 Big Blinds unterschreitet, andere bei 10 Big Blinds oder weniger.

Wieder andere Spieler erklären, dass man seinen M-Wert berechnen muss - das ist das Ergebnis der Zahl Ihrer Chips geteilt durch die Summe der Blinds und Ante - und gehen all-in, wenn dieser Wert unter 10 fällt.

Keines dieser Konzepte ist wirklich richtig oder falsch. Entscheidende Faktoren sind auch die Spielweisen der Gegner: Wie reagieren diese auf Standard-Raises und wie werten diese ein All-in von Ihnen.

10 BB und ein M=10 waren für mich immer entscheidende Werte. Es gibt zweifellos Situationen, in denen ich mit 15 oder auch 20 BBs all-in gehe, und es gibt Situationen, in denen ich einen Standard-Raise ansetze, auch wenn ich nur noch 8 BBs besitze. Allerdings kommen diese Situationen nicht sehr oft vor, und sie sind nicht Thema dieses Artikels.


samer
Samer "Braminc" Khuri.

Ich beschäftige mich nun mit den kleinsten Shortstacks, die man in einem Turnier spielt, die Situationen, in denen der Stack 5 BBs oder einen M-Wert von 5 unterschreitet. In einer solchen Situation geht uns die Fold Equity aus. Wir müssen schnell agieren. Wer jetzt vorsichtig spielt, verliert Geld auf lange Sicht.

Viele von uns Spielern benutzen das ICM, um zu bestimmen, welche Hände +EV sind und in welchen Situationen man damit all-in geht (und wann nicht). Diese Berechnungen sind der Schlüssel zu guten Shortstack-Spiel. Aber sie haben auch ihre Grenzen.

Das ICM misst die Gesamtpreispool-Equity. Anhand dieser lässt sich der Wert des eigenen Stacks bemessen, und das erleichtert die Entscheidung Push oder Fold.

Zunächst stehen wir vor dem Problem, dass die Preispool-Equity ausschließlich auf der Zahl unserer Chips im Verhältnis zu allen im Turnier befindlichen Chips und der Zahl der verbliebenen Spieler basiert. Die Fähigkeiten der Spieler werden überhaupt nicht beachtet.

Ein Rechenmodell weiß nicht, wie gut wir sind, wir Spieler wissen ja selbst nicht wirklich genau, wie gut jemand ist. Wenn Sie der beste Spieler am Tisch sind, wird Ihnen das ICM nicht gerecht, und das kann auch dem besten Spiel schaden.

Ein weiteres Problem des ICM, und das für diesen Artikel entscheidende, besteht darin, dass das Rechenmodell die Preispool-Equity nur für diese eine Hand angibt, aber zukünftige Hände ignoriert.

Anders gesagt, der Value des Stacks kann auch von der relativen Position zu den Blinds abhängen, von der Wahrscheinlichkeit, mit der man bald in eine sehr schlechte Situation gerät, und von einigem mehr. Das bedeutet, dass man nach meiner Ansicht auch dann im manchen Situationen all-in gehen muss, wenn das ICM sagt, das der Spielzug –EV ist, weil ein Fold oft schlechter ist, als das ICM anzeigt.


chris ferguson
ICM-Rechner?

Es ist extrem schwierig, zu berechnen, wie schlecht unsere zukünftige Situation sein wird. Man kann das nicht exakt berechnen, zu viel hängt von der Spielweise der Gegner ab und davon, wie genau sie die Größe ihrer eigenen Stacks beobachten. Es ist unwahrscheinlich, dass wir im kommenden Umlauf ein Monster bekommen, und da unsere Fold Equity mit jedem Fold sinkt, müssen wir unsere Chips in der Mehrheit der Situationen als Außenseiter in die Mitte bringen.

Nachdem ich hunderte von Shortstack-Szenarien studiert und analysiert habe, kann ich mit Bestimmtheit behaupten, dass wir mit 4-5 BBs sehr viel mehr Hände all-in schieben sollten als ich selbst zuvor erwartet hatte.

In einem normalen SnG sind -1% bis -2% des Preispools vollkommend ausreichend für ein All-in mit –EV UTG, wenn die Alternative ist, ausgeblindet zu werden. Das gilt prinzipiell auch für größere Turniere, allerdings sind die Zahlen dann wegen der höheren Teilnehmerzahlen etwas anders gelagert.

Wenn Sie das ICM, seine Funktionen und seine Konsequenzen wirklich komplett verstanden haben, können Sie es selbst anwenden und entscheiden, wann sie von der Statistik abweichende Entscheidungen treffen sollten.

Wir konnten in diesem Artikel belegen, dass das ICM außer Acht lässt, wie lange das Turnier nach der analysierten Hand noch weiter läuft.

Da das Turnier immer weiter läuft, sind Folds auch mit schlechten Händen und nur noch vier bis fünf Blinds geradezu Selbstaufgabe, denn nach kurzer Zeit haben wir keinerlei Fold Equity und fast keine Preispool-Equity mehr.

Wir müssen nach besten Kräften abschätzen, zu welchem Zeitpunkt All-ins mit –EV korrekt sind und wann nicht. Kurz gesagt sind fast alle –EV-Shoves in dieser Situation korrekt und angemessen.

- Samer Khuri, cardrunners.com

Die Cardrunners-Serie auf PokerZeit:

1. Poker Tracking Software - eine Einführung
2. ICM und Super-Shortstackstrategie
3. Badugi Strategie – Wie man drei klassische Spielertypen schlägt
4. Großer Gewinn - was nun?
5. Das harte Leben als Pokerprofi (1)
6. Das harte Leben als Pokerprofi (2)
7. Shortstack-Turnierstrategie

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