Bad Beats und das große Jammern

Jeff Madsen

Lassen Sie uns heute ein wenig über die Psychologie des Jammerns, Klagens und Lamentierens wegen Bad Beats sprechen. Und über eine Studie aus Deutschland.

Bad-Beat-Geschichten sind in allen möglichen Chatrooms und Foren schon so oft ausgebreitet worden, dass man sie nicht mehr hören kann. Es besteht folgende allgemeine Übereinkunft:

I. Man bekommt nie das Mitleid, das man verdient.

Es gibt noch einen tiefergehenden Konsens:

II. Wer über sein Unglück am Tisch jammert, wird auf Dauer wahrscheinlich Opfer noch schlimmerer Moves und Schmähungen.

Die erste Aussage versteht sich von selbst. Man bekommt kein Mitleid, weil es den anderen vollkommen gleichgültig ist. Jeder Pokerspieler hat schon einmal erlebt, wie seine gefloppten Nuts noch von einem Zwei-Outer abgefangen werden, und ob Ihnen gerade dasselbe passiert ist, ist ihm offen gesagt sch...egal. Früher habe ich mich richtiggehend über Spieler geärgert, die immer wieder ihre Geschichten erzählt haben, vor allem, weil sie meinen Geschichten nie zuhören wollten.

Inzwischen habe ich mir eine einfache Regel zueigen gemacht. Beim ersten Mal höre ich zu und nicke, wenn mir jemand seine Geschichte aufdrängt. Aber nur einmal. Wenn sie das zweite Mal ankommen, gebe ich ihnen eine Karte, die ich immer dabei habe. Auf der einen Seite steht:

Frederik Lofgren
Dieser Mann hat gerade eine neue Bad-Beat-Story erlebt.

„Ihre Bad-Beat-Geschichte hat mich sehr berührt. Eine solche Geschichte habe ich noch nie gehört. Ihnen gebührt mein ganzes Mitleid. Und jetzt verpiss dich und lass mich in Ruhe."

Und, nur damit man mich richtig versteht, drehe ich die Karte um, damit man auch die Rückseite lesen kann:

„Entschuldigen Sie bitte, aber Sie müssen mich offensichtlich mit jemandem verwechseln, den das einen Scheiß kümmert. Hier haben Sie 50 Cent. Rufen Sie jemanden an, den Ihr Blödsinn interessiert."

Gut, so kann man etwas halbwegs Ärgerliches in eine lustige Geschichte verwandeln.  Aber ich wollte noch auf den zweiten Punkt kommen.

Bei Bad Beats geht es viel um Psychologie. Nicht nur in den Geschichten darüber, sondern auch dabei, wie man mit den Leuten umgeht, die sie erzählen. Überlegen wir einmal, wie wir auf Schicksalsschläge in der wirklichen Welt reagieren.

Fall 1 - Ein uns unbekannter Mensch erleidet einen Schicksalsschlag. Ein Tornado ist über sein Grundstück hinweggefegt und hat das Auto und das Haus zerstört. Ein solcher Bad Beat erregt Mitleid, wir fühlen mit jemandem, dem so etwas passiert.

Nachbarn, Freunde und sogar völlig Fremde versammeln sich, um den Getroffenen zu unterstützen. Sollte dieser Mann nun sein Unglück und das Unrecht, das ihm zugefügt wurde, beklagen, wird man ihm zuhören und ihm sogar Recht geben. Niemand zweifelt seinen Schmerz an, und niemand möchte, dass ihm noch mehr davon zugefügt wird.

Fall 2 - Ein Mitglied einer diskriminierten Minderheit erleidet einen Schicksalsschlag. Der Hurrikan Katrina verwüstete die Stadt New Orleans. Im Zentrum der Stadt waren die Zerstörungen am schlimmsten. Das Leid der Bevölkerung löste Besorgnis und eine Welle von Hilfslieferungen aus.

Spätere Beschwerden darüber, vernachlässigt und ungerecht behandelt zu werden, führten jedoch nicht zu weiterer Unterstützung, sondern zu Verachtung, Verhöhnung und rassistischen Schmähungen. Die Reaktionen lösten in ihrer Deutlichkeit verbreitet Entsetzen aus.

Psychologen teilten dieses Entsetzen jedoch nicht. Wir wissen bereits seit Längerem, dass Menschen, die ohnehin Minderheiten angehören, nicht bemitleidet und unterstützt werden, wenn ihnen zusätzliches Leid widerfährt, sondern zusätzlichen Erniedrigungen ausgesetzt werden. Wir wollen nicht, dass ein Mensch Schmerzen hat, aber wir haben kein Problem damit, die Schmerzen noch zu verstärken.

Wie eine kürzlich angefertigte Studie von Roland Imhoff, angestellt bei der Universität Bonn, belegt, findet man dieses Muster sogar dann, wenn es sich bei den Benachteiligten um eine Gruppe handelt, gegen die man ursprünglich gar nichts hatte.

Sehen Sie, wie dieses Verhaltensmuster auf Erzähler von Bad-Beat-Geschichten anwendbar ist?

Phil Hellmuth
Phil "Bad Beat" Hellmuth sollte diesen Artikel auch lesen.

Wer jammert und sich beklagt, wird behandelt wie ein Mitglied einer verachteten Minderheit.

Zwar sehen wir uns kurz in ihren Augen wieder, zwar durchzuckt uns ein Gefühl von Mitleid, aber schlussendlich sehen wir in ihnen schwache, alberne Spieler, die ihre Lektionen im Leben noch nicht gelernt haben, zumindest nicht im Pokerleben. Sie haben es nicht anders verdient.

Also, selbst in den Fällen, in denen der arme Kerl, den Sie schon in die Ecke gedrängt haben, um ihm Ihre Geschichten zu erzählen, eigentlich ganz nett zu sein scheint, ist er es wahrscheinlich nicht. Im Gegenteil, seine Verachtung für Sie wächst, und er wartet nur auf die Chance, alles noch schlimmer für Sie zu machen.

Die Lektion für einen Pokerspieler ist ganz einfach. Hören Sie auf zu meckern, keine Bad-Beat-Storys mehr. Sie bekommen nicht nur nicht das Mitgefühl, dass Sie erwarten, Sie verspielen sogar Ihren Ruf, beschädigen Ihr Image und vergrößern die Wahrscheinlichkeit, dass Ihre Gegner versuchen werden, Sie noch mehr zu trietzen, nur um Sie noch mehr leiden zu sehen.

Git es auch eine zweite Seite der Medaille? Ja, aber sie ist nicht so leicht zu entdecken. Man kann Jammern und Greinen auch zu einer Waffe machen, um andere Spieler aus dem Konzept zu bringen oder, was noch subtiler wäre, um sie dazu zu bringen, sich auf Sie einzuschießen.

Ein grundlegender Fehler von Pokerspielern besteht darin, es auf jemanden abzusehen, denn das führt fast immer zu Fehlern und schlechtem Spiel, denn man konzentriert sich auf die falschen Dinge. Ich werde in einem späteren Artikel noch darauf zurückkommen.

Wer Interesse hat, kann Imhoffs Studie hier nachlesen.

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