Vanessa Selbst: "Man muss sich fragen, was Trump wirklich vorbereitet"

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Als prominente Pokerspielerin und Anwältin in den USA ist Vanessa Selbst in der einzigartigen Position, das ökonomische und soziologische Klima in den USA genau zu analysieren. Ihre Schlussfolgerungen geben leider kaum Anlass zur Hoffnung.

Vor ein paar Monaten haben PokerListings und Vanessa Selbst in Barcelona geredet  und über die bevorstehende Wahl in den USA sinniert. Dabei ging es auch darum, wie Rassismus und Klassendenken die öffentliche Meinung beeinflussen.

Jetzt ist die Wahl in den USA gelaufen und das Land ist gespalten. In vielen europäischen Staaten sieht es ähnlich aus. In Zeiten wie diesen ist eine neue Online-Poker-Gesetzgebung jedenfalls nicht das Wichtigste. Dirk Oetzmann von PokerListings.com hat Vanessa jetzt wieder in Prag getroffen.

PokerListings: Ist der Ausgang der Wahl für dich ein wahrgewordener Albtraum?

Vanessa Selbst: Ich denke ja und das geht der Mehrheit der Menschen rund um den Globus so. Trotz allem scheint die Hälfte Europas eine ähnliche nationalistische Richtung einzuschlagen, die sich auch gegen Migration richtet.

Marine le Pen könnte nächstes Jahr gewählt werden und Angela Merkel - vielleicht die letzte liberale Person überhaupt - schlägt nun konservative Maßnahmen wie Burka-Verbote vor.

Vielleicht ist das aber strategisch gedacht, ich weiß nicht so viel über Deutschland aber vielleicht versucht sie, die nächste Wahl nicht zu verlieren.

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Vanessa Selbst

PokerListings: Ich denke das ist es, es gibt in Deutschland ohnehin nur ungefähr 50 Frauen, die überhaupt eine Burka tragen.

Vanessa Selbst: Das ist von meinem Standpunkt aus sehr interessant, es bringt meine Hauptinteressen – Poker und Politik – zusammen. Ich bin eine sehr idealistische Person, zumindest war ich es. Natürlich muss man aber auch pragmatisch denken.

Wenn man die Idee also ablehnt, es aber trotzdem erforderlich ist, um eine Wahl zu gewinnen und es ohnehin nur eine kleine Anzahl von Leuten betrifft - dann sollte man es vielleicht machen.

PokerListings: Kommen wir wieder auf die USA zurück. Die politische Landschaft hat sich komplett verändert.

Vanessa Selbst: Ja stimmt, als Obama vor acht Jahren Präsident wurde, hatte er die Mehrheit in beiden Kammern und vielleicht hätte er in dieser Zeit einfach mehr bewirken müssen.

Das hat aber nicht gemacht, weil er mit den Republikanern zusammenarbeiten wollte. Als er dann die Mehrheiten verloren hat, fand er heraus, dass die Republikaner viel unethischer sind als er und dass sie einfach alles blockieren. Es ist ein Problem unseres Systems, dass sowas überhaupt möglich ist.

PokerListings: Spürst du im alltäglichen Leben eine Veränderung?

Vanessa Selbst: Ich lebe in New York und das ist wirklich eine Art 'Bubble' und zwar weil es eine der liberalsten und einzigartigsten Städte der Welt ist. Viele Leute in New York bekommen mit, was passiert und die Atmosphäre ist einfach nur deprimierend.

Es gibt keinen Tag ohne schreckliche Nachrichten: Dass Trump zum Beispiel wieder jemanden in eine Machtposition erhoben hat, der überhaupt keine Erfahrung und kein Wissen in dem Bereich hat usw.

Gut ist aber, dass die Leute darüber sprechen, was im Moment passiert und Strategien finden, wie man damit umgeht. Was ich sage, ist aber nicht repräsentativ, ich kenne nicht mal Leute, die Trump gewählt haben.

Wir sind in New York quasi von der Gesellschaft abgeschnitten aber das gilt nicht nur für diese Stadt. Es ist, als ob wir in 'Echo Chambers' leben, in denen völlig unterschiedliche News konsumiert werden. Auch wenn sie aus derselben Quelle stammen.

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Donald Trump

PokerListings: Wie ist das möglich?

Vanessa Selbst: Sie geben den News unterschiedliche Richtungen, die auf die Zielgruppen zugeschnitten sind.

Eine Unterüberschrift zum Wahlbetrug könnte zum Beispiel lauten: “Trump falsely claims there are three million illegal voters in California".

Jemand anders bekommt aber die Überschrift “Trump attacks illegal voting". Es geht aber um denselben Artikel, in diesem Fall aus dem Wall Street Journal.

Das ist beängstigend, im dritten Abschnitt sagen sie dann, dass es keine Beweise für Wahlbetrug gibt, es geht aber darum, dass Trump gelogen hat.

Viele Menschen können nicht zwischen offensichtlichen Lügen von Propagandaseiten wie Breitbart oder Info Wars und echten Nachrichten unterscheiden.

PokerListings: Ist das Ganze das Ergebnis davon, dass die Ausgaben für Bildung in der Vergangenheit gekürzt wurden?

Vanessa Selbst: Es ist bekannt, dass wir eines der schlechtesten Bildungssysteme der Welt haben. Es gibt bei uns auch eine Menge Armut und viele Menschen die in diese Armut hineingeboren werden.

Deswegen gibt es eine große Anzahl von uninformierten Leuten, die man leicht manipulieren kann und das ist ein großes Problem. Es gibt eine Kampagne der Desinformation und sie verbreitet Angst.

Ich habe zwei Freunde, die heiraten wollen. Es sind Frauen und sie wollen die Hochzeit auf jeden Fall vor dem 20. Januar abhalten, da sie nicht wissen, was danach passiert.

Unter meinen Freunden sind auch Lehrer, die mir erzählen, dass ihre Schüler verängstigt sind, weil sie denken, dass ihre Eltern deportiert werden. Wir reden hier über Leute ohne Papiere und wenn Trump sein Wort hält, wird er sie ausweisen.

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Selbst sorgt sich

Wenn man sich anschaut, was Trump jeden Tag so macht, seine Interessen und seine Konflikte dann… (tiefes Seufzen) … ach ich weiß einfach nicht.

Die Leute sagen "erst mal abwarten", gerade diese Haltung ist aber extrem gefährlich.

Das schlimmste ist wahrscheinlich, was er mit der Presse anstellt. Er und die Republikaner haben die Presse dermaßen diskreditiert - es gibt keine einzige Zeitung mehr, der die Leute vertrauen.

Selbst der New York Times oder der Washington Post glaubt niemand mehr. Wenn die New York Times Fakten veröffentlicht, würde man doch sagen, dass sie wahr sind, da sie vorher recherchieren.

Trump hat es aber geschafft, dem entgegenzuwirken, indem er die Zeitschrift einfach als "failing" betitelt und die Leute glauben ihm. Jetzt stellt er sein Kabinett zusammen und zwei Drittel der Personen sind vom Militär.

Man muss sich also fragen, worauf er sich wirklich vorbereitet. Ich will nicht paranoid wirken, finde es aber beängstigend.

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