FIFA-Poker - Blatters letzte Hand

jack warner seb blatter
Brüder im Geiste - Jack Warner (links) und Sepp Blatter.

Wie sich Sepp Blatter an die Spitze der FIFA pokerte und warum der Schweizer ein großartiger Spieler sein könnte.

Man sagt, der einzige Unterschied zwischen einem Verhandlungs- und einem Pokertisch ist der grüne Filz. Wenn es um die FIFA geht, ist es sogar nur Filz.

Vor dem Flop – Blatters großer Stack

Pokerspieler qualifizieren sich gerne per Satellites für größere Turniere. Im Sport ist es ähnlich. Wer z. B. bei einer Fußball-WM-Endrunde dabei sein will, muss sich sportlich dafür qualifizieren. Man kann sich da nicht einfach einkaufen.

Gut, bei manchen Sportarten mag das anders sein, man denke nur einmal daran, wie sich gewisse Formel-1-Piloten ihren Platz am Lenkrad gesichert haben.

Um in der Fußballwelt ganz nach oben zu kommen, muss man gewählt werden. Blatter war bereits als Technischer Direktor und 17 Jahre lang als Generalsekretär bei der FIFA beschäftigt, als er 1998 erstmals für das Präsidentenamt kandidierte.

Wahrscheinlich stand die Wahl unter keinem guten Stern, denn sein Vorgänger – und Chef – war Joao Havelange, der gelegentlich auch als Erfinder der Bestechung bezeichnet und schließlich auf Annahme von bis zu 50 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern angeklagt wurde.

lennart johansson
Resignierte nach dem ersten Wahlgang - Lennart Johansson.

Aber jeder hat eine Chance verdient.

Blatter spielte heads-up um die Präsidentschaft gegen den damaligen UEFA-Präsident Lennart Johansson aus Schweden, einen Mann, der als sehr integer gilt.

Der Skandinavier ging als Favorit in das Duell, aber sein Schweizer Gegner nahm ihm Chip um Chip ab und gewann mit 111:80.

Johansson hätte damit das Recht auf eine zweite Wahlrunde gehabt, gab aber auf. Warum? Weil er misstrauisch geworden war, denn 20 Delegierte hatten nicht so abgestimmt, wie sie es angekündigt  hatten.

Alle 20 kamen aus kleineren Fußballverbänden in Osteuropa, und alle 20 wurden später vor Gericht gebracht, weil sie angeblich je $50.000 für ihre Meinungsänderung kassiert hatten.*

Man kann beim Poker gewinnen, indem man die großen Pots gewinnt oder alle kleinen. Blatter selbst soll einmal gesagt haben: „Um die Herde zu führen, braucht man nicht die größten Schafe hinter sich, sondern die meisten.“ Blatters Spielstrategie ist offenkundig.

Dazu muss man wissen, dass innerhalb der FIFA jedes Mitgliedsland genau eine Stimme hat, unabhängig davon, wie groß das Land oder dessen Bevölkerung ist.

Liechtenstein hat genau denselben Stimmanteil wie Deutschland.

Deswegen musste Blatter auch nicht einmal die Karten zinken. Es gibt bis heute nicht einen einzigen Vorfall, in dem er der Bestechung verdächtigt wird. Blatter konnte Johansson einfach aus dem Pot schubsen.

FIFA Logo

Der Schweizer kam mit einem deutlich größeren Stack an den Tisch. Allerdings wusste niemand so recht, woher er die ganzen Chips hatte.

Nach dem Flop – Blatter blufft, und alle folden

In der vier Jahre später folgenden Wahl erhöhte Blatter die Einsätze – und wohl auch Ausgaben. Er gewann mit 139:56 Stimmen gegen Issa Hayatou aus Kamerun.

Am Ende der Veranstaltung kam es zu tumultartigen Szenen. Blatter verbot seinem Vizepräsident David Will, auf der Bühne das Wort zu ergreifen, wobei es fast zu Handgreiflichkeiten mit seinem unterlegenen Gegner gekommen wäre, und zahlreiche Delegierte versuchten, Blatter von der Bühne zu buhen.

Man braucht schon starke Nerven und ein echtes Pokerface, um so etwas durchzustehen und trotzdem weiterzuspielen.

Um genau zu sein, fand sich nach dieser dunklen Stunde der FIFA gar keine Gegner mehr, die noch bereit waren, gegen Blatter zu spielen.

In den Jahren 2007 und 2011 stand nur noch Blatters Name auf dem Stimmzettel (siehe Bild).

Blatter ballot form 007
Echter Stimmzettel von 2007.

Im Grunde hatten die FIFA-Spieler resigniert. Sie lehnten sich zurück und hofften, dass Blatter von jemand anderem gebustet oder irgendwann ausgeblindet würde.

Und im Jahr 2011 schien es endlich so, als könnte das tatsächlich geschehen. Blatter versprach öffentlich, dies wäre seine letzte Amtszeit. Wenn man ihn noch einmal unterstützte, würde er nicht mehr antreten.

Plötzlich sahen die Delegierten eine Chance, selbst den Finaltisch zu erreichen. 186 von 203 Stimmberechtigten fielen auf Blatters Bluff herein und wählten ihn.

Immerhin blieben 17 Mitglieder des Hauses skeptisch und kreuzten das einzig mögliche Kästchen nicht an. Das entspricht übrigens etwa 9%, was in etwa dem Anteil der Pokerspieler entspricht, die langfristig gewinnen.

Der River – Blatter geht all-in

Natürlich kehrte Blatter auch in diesem Jahr zurück und trat wieder an. Die Opposition stellte aber mehrere Gegner auf, darunter Prinz Ali bin Hussein und den früheren Fußballprofi Luis Figo.

Zunächst sah es so aus, als könnte Blatter einmal mehr alle Gegner aus der Hand drängen. Einer nach dem anderen gab auf – bis auf Prinz Ali.

Dann wurde der so genannte „Garcia Report“, eine Untersuchung zur Verteilung der Weltmeisterschaftsendrunden nach Russland und Katar in den Jahren 2018 und 2022 nur in Auszügen und zensiert veröffentlicht – offiziell aus rechtlichen Gründen.

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Würden Sie von diesen FIFA-Managern einen Staubsauger kaufen?

Die eigentlichen, kritischen Ergebnisse wurden dabei komplett auf den Kopf gestellt, und der Untersuchungsleiter Garcia trat aus Protest zurück.

Doch dann, nur wenige Tage vor der Wahl, setzte sich ein neuer Spieler an den Tisch, und dieser hatte den größten Stack von allen.

Das FBI trat auf den Plan. Es verhaftete in Zürich, wo die Wahl stattfinden sollte, gleich sieben Offizielle der FIFA und klagte sie wegen Bestechung, Geldwäsche, Schutzgelderpressung und Betrug an.

Die Zahl der Festgenommenen stieg in den folgenden Tagen auf 14. Die Wahl stand vor der Absage. Schließlich, so frage man sich, konnte sich ja wohl der Präsident der FIFA jetzt nicht mehr aus der Verantwortung ziehen.

Das FBI ließ verlautbaren, dass es sich um Bestechungsgelder in Höhe von bis zu 150 Millionen Dollar handelte, die über einen Zeitraum von 24 Jahren gezahlt worden waren.

Blatter zuckte nicht einmal.

Er erklärte einfach, nun mal nicht „auf jeden ständig aufpassen zu können“, dass er nichts mit den Machenschaften zu tun habe, und dass es nun zu spät sei, die Wahl noch abzusagen, denn der Kongress habe ja bereits begonnen.

Als sei ein Kongress eine Lawine, die man nicht aufhalten kann.

Also ging die Show weiter, und als die Ergebnisse der ersten Wahlrunde veröffentlicht wurden, hatte Blatter mit 133 zu 73 Stimmen gewonnen.

Wieder hätte es zu einem zweiten Wahlgang kommen können, da Blatter keine Zweidrittelmehrheit erreicht hatte, aber Prinz Ali entschied sich dazu, darauf zu verzichten.

Blatter hatte den Pot wieder gewonnen.

Blatter verliert auf der sechsten Straße

Man kann eine Pokerhand auch noch verlieren, wenn die Action bereits komplett abgeschlossen ist. Wir nennen das gerne die „sechste Straße“.

Joseph Blatter widerfuhr genau dies, und nur vier Tage nach der Wahl trat er plötzlich zurück.

Nach offizieller Version verspürte er nun keinen Rückhalt mehr. Allerdings konnte Blatter nicht erklären, wie, warum und wohin dieser Rückhalt in so kurzer Zeit verschwinden konnte.

Es gibt wahrscheinlichere Gründe, die den Präsidenten zum Rücktritt bewegten. Um sie zu erkennen, muss man sich nur einmal die verhafteten Exekutivmitglieder näher ansehen.

Der Abstieg der FIFA begann schon mit der Verhaftung von Chuck Blazer vor mehreren Jahren. Blazer ist Amerikaner und war Generalsekretär der FIFA. Er besitzt übrigens ein Appartement im Trump Tower in New York, in dem ausschließlich seine Katze wohnt.

Oder denken Sie an den mittlerweile berüchtigten Jack Warner aus Trinidad/Tobago. Seit Jahrzehnten ein Sinnbild für Korruption und Bestechlichkeit, kam Warner in Zürich gemeinsam mit seinen Söhnen Daryan und Daryll in Haft.

Als er sich plötzlich im Fokus der Staatsmacht sah, bot er sich flugs als Kronzeuge an. Er erreichte seine Entlassung aus dem Arrest, indem er „Erschöpfung“ vorgab, wurde aber wenige Stunden später auf einem Straßenfest gesehen.

Weiterhin erschien ihm ein Artikel in dem amerikanischen Satiremagazin The Onion als so glaubwürdig, dass er ihn in einem Video als Beleg für die Glaubwürdigkeit der FIFA vorlegte.

In dem Artikel wird behauptet, den USA wäre eine zusätzliche Fußball-WM 2015 zugesprochen worden, und diese hätte bereits begonnen.

Inzwischen wird er auch verdächtigt, Spenden für die Erdbebenopfer in Haiti auf seine eigenen Konten überwiesen zu haben.

Solche Personen gehör(t)en zu den mächtigsten des Weltfußballs.

Fast das komplette Exekutivkomitee der FIFA wartet nun auf juristische Konsequenzen. Blatter bleibt derweil vorübergehend noch im Amt.

Neuwahlen sind für Dezember angekündigt.

Gut, Blatter wäre vielleicht nicht der beste Pokerbotschafter, aber er könnte ein wirklich guter Spieler werden.

*Diese Geschichte wurde von David Yallop in seinem Buch Wie das Spiel verloren ging enthüllt. Sepp Blatter versuchte vergeblich, den Verkauf des Buches verbieten zu lassen.

**In jenem Jahr gewann ein gewisser Brad Dougherty den Main Event, und das Feld umfasste 215 Spieler.

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