WSOP Main Event - Kippes wilder Ritt

Christian

Wie die Odyssee eines schwedischen Online-Qualifikanten beinahe ins Nichts statt ins Main Event geführt hätte. Von zerrissenen Pässen, neuseeländischen Touristinnen und dem schwedischen Botschafter in London. Die unglaubliche Reise des Christian Bergström.

Am Anfang ging alles glatt. Bergström nahm Freitagabend das Flugzeug von Stockholm nach London-Heathrow und von dort aus den Bus nach Gatwick, wo am nächsten Morgen der Flieger nach Las Vegas starten würde. Das Hotelzimmer war gebucht, und das einzige, worüber er sich Sorgen machen musste, war die Verbindung zur Spotify-Datenbank, „um die Musik auf meinem iPhone zu hören, die ich mag. Ohne Musik kann ich nicht spielen."

Der Ärger begann beim Einchecken in London-Gatwick. Durch eine ungeschickte Bewegung hatte Bergström, Spitzname „Kippe", ausgerechnet die Seite in seinem Pass eingerissen, auf der die persönlichen Daten aufgeführt sind. Daraufhin weigerte sich das Personal, ihm ein Flugticket in die USA auszustellen, und verwies ihn stattdessen an die schwedische Botschaft in London, damit er sich dort einen neuen Ausweis besorge.

Kippe
USA-Einreise? - No, Sir.

Da sich diese Geschichte an einem Samstagvormittag zuträgt, war die Botschaft natürlich nur minimal besetzt. Es sei möglich, erklärte man Bergström, am Sonntag jemanden zu erreichen. Also fuhr unser Held in die Londoner City.

Beim Aussteigen an der Victoria Station lief ihm eine Frau über den Weg, die Bergström merkwürdig bekannt vorkam. „Hej", rief er, und als sie sich umdrehte, erkannte er eine Schulfreundin aus dem Dorf, in dem er ausgewachsen war. Sie arbeitete inzwischen in London - in der schwedischen Botschaft. Wo auch sonst.

Dank der unverhofften Unterstützung erhielt Bergström einen sicheren Termin mit dem schwedischen Botschafter für den folgenden Sonntag. Am Abend setzte er sich einen Pub in der Nähe seines Hotels und genehmigte sich ein paar Pints. Er kam mit einem Einheimischen ins Gespräch und erzählte von seinem Musikproblem. Daraufhin klopfte ihm jemand auf die Schulter.

Kippe
Pass weg, Zimmer weg, alles dreht sich - Kippe in London.

Auf der anderen Seite neben ihm saß eine Touristin aus Neuseeland mit ihrem Laptop. Sie bot ihm an, ihm ihre Musik auf das iPhone zu laden. Skeptisch wegen seines eigentümlichen Musikgeschmacks sagte Bergström zu. Es stellte sich heraus, dass 18 der 20 Alben auf der neuseeländischen Festplatte zu Bergströms Lieblingsalben gehörten.

Am nächsten Morgen Treffen beim Botschafter: Nein, man könne ihm leider keinen provisorischen Pass ausstellen, da die Vereinigten Staaten das einzige Land auf der Erde seien, die einen solchen nicht anerkannte. Es bliebe mithin nur eine Möglichkeit. Bergström müsse nach Stockholm zurückkehren, sich einen neuen Pass ausstellen lassen und dann einen neuen Anlauf wagen. Die Kosten dafür müsse er wohl selbst übernehmen.

wsop2010
Gilt nur für Spieler mit Pass und Ticket.

Was in den folgenden 15 Minuten geschah, erklärt Bergström so: „Plötzlich sprach ich besser englisch als je zuvor. Ich erinnerte mich an Worte, die ich überhaupt noch nie benutzt hatte. Schließlich sagte der Botschafter, dass nicht nur meine Flugkosten nach Stockholm und zurück übernommen wurden, sondern ich auch einen Platz in der nächstmöglichen Maschine nach Las Vegas bekam."

Gesagt, getan. Bergström jettete nach Stockholm, zurück, bekam seinen Pass, flog nach London, stieg um und landete schließlich mit zwei Tagen Verspätung, einem ordentlichen Kater und fortgesetztem Schlafentzug in Las Vegas. Völlig erschöpft kam er in seinem Hotel - dem Palazzo - an, um einzuchecken, woraufhin ihn die Rezeptionistin verblüfft ansah und erklärte, sein Zimmer sei inzwischen vermietet, da er ja nicht aufgetaucht sei. Es gibt kein Recht auf Ersatz, sorry.

Bergström verließ das Hotel konsterniert und irrte mit seinem Gepäck durch die flirrende Nachmittagshitze in der Steinwüste Nevadas.

Christian
Happy End mit Double up - Christian Bergström im Main Event.

Damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Ein weiterer hoffungsvoller Pokerspieler strandet in der Stadt der Sünde. Tatsächlich aber geschah Folgendes: Bergström wurde noch einmal von PacificPoker kontaktiert, dem Pokerraum, in dem er sein Preispaket gewonnen hatte.

Nach kurzer Rücksprache mit dem Palazzo erhielt Kippe nicht nur sein Zimmer, sondern sogar ein Upgrade inklusive Panoramablick.

Am gestrigen Tag 1C spielte Kippe in seinem ersten WSOP Main Event. Nach fünf Stunden hatte er einen Großteil seines Stacks verloren, und es sah schon so aus, als würde er sich in sein Schicksal ergeben. Dann traf er auf den Turn ein Full House und verdoppelte auf Kosten von niemand Geringerem als Eli Elezra. Kippes wilder Ritt geht weiter.

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sampa 2010-07-30 10:16:37

ja ja. und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute...

Sirp de Wit 2010-07-09 09:59:15

Great article!!! Btw: Holland World Champion 2010