The Raise - Rainers Rückblick

Geld, Gier und Betrug – Warum Beschiss beim Poker nichts verloren hat

Von: Rainer Vollmar
04 Dezember 2012
Geposted in: The Raise - Rainers Rückblick
WPT Prag

Tatort WPT Prag, King’s Casino: Zu später Stunde erregt ein skurriler Betrugsfall die Gemüter. Dabei ist die Geschichte des Betrugs ist so alt wie die Menschheit.

Schon immer hat der eine versucht, dem anderen etwas abzunehmen und sich einen Vorteil zu verschaffen. Beim Poker ist es nicht anders. Es geht grundsätzlich darum, andere um ihr Geld zu erleichtern, und natürlich bedienen sich nicht alle erlaubter Mittel, um dies zu erreichen.

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Ali Tekintamgac.
 

Ali Tekintamgac

Und so ist es auch kein Wunder, dass der Betrug beim Poker schon manch hohe Welle schlug. An der Spitze der Bescheißer-Hitparade liegt sicher der „Meister der Handanalyse“, Ali Tekintamgac, der sich mithilfe von Pesudo-Bloggern und einer geschickten Zeichensprache das Wissen über die gegnerischen Karten verschaffte und damit den Zentralen Pokerlehrsatz von David Sklansky aushebelte.

Lange Zeit kam Tekintamgac damit durch und schaffte dank seiner Helfer den Sieg bei der WPT Barcelona und die Qualifikation für den Finaltisch der Partouche Poker Tour 2010. Erst durch Videoaufnahmen von beiden Turnieren flog der Spuk auf, und Tekintamgac ward seitdem an Pokertischen nicht mehr gesehen.

Dejan D.

Die Vielfalt der Betrugsmöglichkeiten zeigt auch der Fall Dejan D., der bis heute (dank eines „sehr diskreten“ Umgangs des Veranstalters) nicht vollständig aufgeklärt wurde. Angeblich soll D. von befreundeten Dealer, die bei der Full Tilt Million Euro Challenge 2009 arbeiteten, erst eingeschleust und dann mit zusätzlichen Chips versorgt worden sein.

Das funktionierte wunderbar. Am Ende räumte Dejan D. beim Finale 330.000 Euro ab, als er offenbar sogar mit rechten Mitteln Howard Lederer und Chris Ferguson schlug, sich aber an Patrik Antonius die Zähne ausbiss.

Bittere Ironie ist aus heutiger Sicht, dass D. damals im Siegerinterview als Vorbild Howard Lederer nannte – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Chinesische Kollusionsbanden

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Kollusion auf chinesisch.
 

Der Betrug beim Poker grassiert also, und natürlich machte er auch vor dem Internet nicht Halt. Ein chinesisches Syndikat erschlich sich bei den Double-or-Nothings auf PokerStars im Jahr 2010 durch üble Kollusion etwa 750.000 Dollar, und dem Anbieter blieb am Ende nichts übrig, als die Spieler zu sperren und die Betrugsopfer zu entschädigen.

Isildur1

Fast schon gentlemen-like verhielten sich da die amerikanischen Highstakes-Spieler Brian Hastings, Cole South und Brian Townsend, die ihre jeweiligen Hände gegen Viktor „Isildur1“ Blom gemeinsam analysierten und sich so einen den Regeln beim Online-Poker zuwiderlaufenden Vorteil verschafften, da das Tauschen von Handverläufen mit anderen Spielern verboten ist.

Bitterer Beigeschmack: Isildur1 kostete der Spaß 4 Millionen Dollar, während Hastings und Townsend lediglich ihren damaligen Status als Red Pro verloren.

WPT Prag

In einer großen Reihe von Betrügereien beim Poker sind dies vermutlich die aufsehenerregendsten, doch ist die Geschichte damit natürlich nicht zu Ende. Auch gestern bei der WPT Prag kam es zu einem geradezu unglaublichen Fall. Gespielt wurde ein Super-Satellite zum Main Event, bei dem es sieben Tickets zu gewinnen gab.

Viktor Blom
Vier Millionen Verlust für Viktor Blom.
 

Bei noch zehn Spielern und Blinds von 1.500/3.000 geschah es dann. Der tschechische Spieler auf dem Button mit einem moderaten Stack raiste auf 7.000, der russische Big Stack im Small Blind reraiste auf 21.000 und der russische Short Stack im Big Blind ging All-In.

Sofort nach dieser Action begann der Button zu hadern. Verständlich, denn er sitzt im Sandwich und braucht eine enorm starke Hand, um weiterzuspielen. Zähneknirschend foldete er, doch das Folgende hatte er sicher auch nicht erwartet.

Der russische Small Blind ließ vom Dealer mehrfach die Chips zählen, um zu erfahren, wie viel er noch nachlegen musste.

Da der Big Blind nur noch 26.000 hatte, waren dies läppische 5.000 Chips, die er nicht nur komfortabel bezahlte konnte, sondern aufgrund der gigantischen Pot Odds (mit Antes waren knapp 60.000 Chips im Pot) auch mit jedweder Hand bezahlen musste.

Nach einem scheinbar endlosen Denkprozess und mit einem tiefen Seufzer foldete er schließlich offen 98o, worauf der Big Blind achselzuckend K2o präsentierte.

Das ging den anderen Beteiligten dann doch ein bisschen weit, nach einem längeren verbalen Tumult wurde schließlich der Floorman gerufen.

Bereits im Vorfeld waren die beiden Spieler wegen Kollusionsverdachts und ihren Unterhaltungen auf Russisch mehrmals ermahnt worden.

Immer wieder repetierte der Dealer „English please“, doch genauso oft tauschten sich die beiden in ihrer Muttersprache aus.

Der Floorman ließ sich den Fall vom Dealer schildern und holte schließlich den Turnierleiter Steve Frezer. Der ließ sich von allen Beteiligten noch einmal die Details erzählen, auch vom Small Blind.

Nach einigen Sekunden schließlich sein Verdikt: Der Small Blind wird aus dem Turnier ausgeschlossen und der Big Blind gewinnt den Pot. Auch ein anschließender Protest eines anderen Russen, der gut Englisch konnte, änderte daran nichts mehr.

Steve Frezer
Herr der Lage - Steve Frezer.
 

Glückwunsch, Mr Frezer! Diese Entscheidung ist Gold wert. Ausschlaggebend war laut Frezer zum einen, dass die russischen Spieler bereits mehrfach ermahnt worden waren und der Small Blind obendrein bei der persönlichen Befragung gelogen hatte.

Dort sprach er von einem Insta-Fold, während er am Tisch eine Show abzog, die allenfalls für ein sibirisches Provinztheater ausgereicht hätte.

Frezers Entscheidung ist auch deshalb so wertvoll, weil sie sich herumsprechen wird.

Der Small Blind hätte den Rest des Turniers auf dem Klo verbringen können und sich aufgrund seines riesigen Stacks fast sicher für das Main Event qualifiziert.

So aber schaute er wie sein Protegé, der die Qualifikation trotz der milden Gabe nicht schaffte, am Ende in die Röhre.

Wird solch offensichtlicher Betrug mit unnachgiebiger Härte bestraft und nicht wie in vielen privaten sogenannten Card Clubs achselzuckend durchgewinkt, wird zumindest ein Lerneffekt einsetzen und der Beschiss beim Poker seltener werden.

Verschwinden wird er allerdings nie, aber damit wären wir wieder bei der Geschichte der Menschheit …

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