WPT Kasachstan – In der Steppe der Bürokratie

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28 Mai 2014, Von: Dirk Oetzmann
Geposted in: The Hand
WPT Kasachstan – In der Steppe der Bürokratie

Man muss Poker auch mal wieder so sehen wie in den ersten Jahren nach dem Boom – als Abenteuer. Bei der WPT Kasachstan geht das schon vor Beginn los.

Nehmen wir mal an, Sie hätten bei PartyPoker ein bisschen in der Lobby gestöbert, die Satellites für die WPT Kasachstan gefunden und gewonnen. Dann hätten Sie vermutlich jede Menge Zeit gehabt, um sich ein Visum und das Ticket zu besorgen, und wären entspannt in die Weiten der zentralasiatischen Steppe aufgebrochen.

Anders sieht es allerding aus, wenn zwei Redakteure von PokerListings, die in Berlin bzw. Malta residieren, kurzfristig zu ebendiesem Event eingeladen werden.

Dann beginnt das nervenaufreibende Abenteuer sofort. Und das geht so:

Von der maltesischen Schaltzentrale PokerListings Europa aus buche ich eine Reise mit Umsteigen in Istanbul und Almaty. Gleichzeitig bitte ich in Kasachstan um eine offizielle Einladung der Veranstalter, die aber nicht kommt.

Ich stelle fest, dass es in Malta gar keine kasachische Botschaft gibt. Werde an die Botschaft in Rom weiter verwiesen, die das entsprechende Dokument ausstellen kann. So weit, so gut.

Leider fehlt die Einladung acht Tage vor Abreise immer noch. Also buche ich für den Kollegen Henkel schon mal einen Flug von Berlin aus. Da dieser preislich etwas gigantomanisch daherkommt, schicke ich den Kollegen per ICE nach Frankfurt, von wo es einen Direktflug gibt.

Rom erklärt auf Rückfrage, dass ich den Pass schicken soll und das Visum €170 kostet. Wird das Visum innerhalb einer Woche in Malta sein? Kann man nicht garantieren. Ich schicke doch meinen Pass nicht nach Rom, wenn ich nicht sicher bin, ob ich ihn rechtzeitig zurückbekomme. Will ja schließlich auch noch in den Urlaub.

Auf meiner Buchungsbestätigung ist mein Nachname unvollständig. Als anrufen und ändern lassen. Geht nicht, lautet die lapidare Antwort. Müsste man eine Namensänderung durchführen, und das müssen die beiden beteiligten Fluglinien Astana und Turkish Air bestätigen. 65 Euronen bitte. Stimme zähneknirschend zu.

Kollege Henkel erklärt sich bereit, die Visa in Berlin anfertigen zu lassen. Hört sich für mich besser an als Rom. Noch sieben Tage inklusive Wochenende. DHL erklärt donnerstags, meinen Pass am Freitag in Berlin abliefern zu können, aber die Botschaft hat nur bis 12 Uhr auf.

Tja, das könnte schiefgehen. Wir schicken den Pass schließlich mit dem Vermerk „wird abgeholt“. Da muss der Henkel leider ganz in den Süden von Berlin, um dann mit dem Pass 20 km in den äußersten Norden zu fahren, wo sich die kasachische Botschaft befindet.

Am Freitag erreicht mein Pass Berlin und wird trotz Vermerk sofort ausgeliefert, während der Kollege schon unterwegs zur Abholung ist.

Nach einem ausführlichen Telefonat und dank eines kulanten Fahrers treffen sich die beiden aber noch rechtzeitig.

Meine Reiseagentur Opodo teilt mir mit, dass Astana Air seine Zusage, den Namen zu korrigieren, wieder zurückgenommen hat, weil Air Malta nicht zustimmt.

Leider sei das Ticket auch nicht erstattungsfähig, also sind Geld und Ticket weg. Schönen Tag noch!

Rufe bei Air Malta an. Klar könnte man die Änderung vornehmen, aber dazu bräuchte man die maltesische Buchungsnummer. Habe ich nicht. Rufe bei Opodo an.

„Reine Schikane“, erklärt mir ein Mitarbeiter des Callcenters in bestem berlinerisch. „Eine Fluggesellschaft sagt immer nein, und dann verkaufen sie das Ticket nochmal.“ Lasse mir die Nummer trotzdem geben.

Rufe Air Malta an. Ach so, die sind gar nicht zuständig, weil der Flug ja von Turkish Air durchgeführt wird.  Rufe bei Turkish Airlines an. Zehn Minuten Warteschleife.

Drücke verzweifelt eine andere Nummer, als die, die mir eine monotone Tonbandstimme alle paar Sekunden vorschlägt, und lande in der Verwaltung.

Sie sind hier falsch, bekomme ich zu hören. Das weiß ich, belehre ich den Herren an der Strippe und erkläre, dass die andere Nummer leider nicht besetzt sei. Ich werde verbunden.

Der neue Gesprächspartner teilt mir mit, dass bis zu drei Buchstaben problemlos korrigiert werden können. Bei mir sind es vier.

Der Mann von Turkish Air erklärt sich dennoch bereit, in meiner Buchung zu vermerken, dass der Name geändert wird, wenn ich am Flughafen bin.

Schreibe erbost an Opodo, dass die angegebenen Probleme nicht existieren und man doch nun mein Ticket ausstellen möge.

Erhalte als Antwort, dass Astana Air weiterhin ablehnt und ich ja gerne mal selbst dort anrufen könnte – in Kasachstan.

Schreibe zurück, dass ich weder in Kasachstan anrufe noch das Ticket verfallen lasse. Kontaktiere stattdessen die WPT.

Erhalte kurz danach die Rückantwort, dass Air Astana kein Problem mit der Namensänderung hat, und meine Reiseagentur den Namen einfach ändern soll.

Schicke diese Mail als Anhang zornig weiter an Opodo. Erhalte die Antwort, dass man den Anhang leider nicht öffnen könne. Es handelt sich um das extrem seltene Outlook-Format.

Gleichzeitig bekomme ich Nachricht von dem Berliner Kollegen. Das Visum sei in Arbeit, aber in einer weiteren Opodo-Mail steht nun, dass nun eine Kontrolle meiner Kreditkarte durchgeführt wird. Wenn ich nicht Kopien von Kreditkarte und  Kontoauszug einschicke, wird die Buchung storniert.

Zu dem Zeitpunkt, als ich die Mail erhalte, sind bis zum Abgabetermin noch 60 Minuten Zeit. Würde ich nicht büronah wohnen, ich hätte es wohl nicht geschafft.

Ich bitte um Bestätigung, dass meine Daten rechtzeitig angekommen sind. Sie kommt nicht. Denke erstmals ans Aufgeben.

Opodo teilt mir per Mail mit, dass man sich vielleicht mal telefonisch unterhalten sollte, ich aber nicht erreichbar sei. Schreibe zurück, dass man offenbar nicht in der Lage ist, meine Nummer zu wählen, aber zahlreiche andere Teilnehmer dies können. Übertreibe dabei maßlos.

Erhalte am Sonntag eine weitere Mail von Opodo, in der steht, dass man sich jetzt um alles kümmern werde. Bin erleichtert.

Henkel holt am Montag das Visum in Berlin ab. Mein Flug geht Mittwoch Nachmittag. DHL in Berlin erklärt, man könne „leider keene Zustellung am nächstn Tach garantian“. Es ginge aber noch am selben Tag, für einen kundenfreundlichen Unkostenbeitrag von rund €300,-.

Sage, dass das nicht sein kann und hänge mich wieder ans Telefon. TNT. Laut Preisliste für rund 50 Euro in 24 h durch ganz Europa. Rufe an.

Klar, das geht, sagt TNT. Wir setzen jemanden ins Flugzeug, der bringt das persönlich vorbei. Kostet eine vierstellige Summe.

Frage entgeistert, warum man denn wegen eines Briefumschlags einen Kurier einsetzen solle und weise den TNT-Mann auf die Preisliste hin. Oh, stimmt, sagt der Mann.

Der Pass mit dem Visum erreicht Dienstag Nachmittag wieder das Büro in Malta. Beschließe, nicht mehr bei Opodo anzurufen und es stattdessen mit dem fehlerhaften Namen auf dem Ticket auf diverse Diskussionen mit Maltesern, Türken und Kasachen am Flughafen ankommen zu lassen. Fühle mich irgendwie nicht besser.

Erhalte Dienstag Abend nach 18 Uhr einen Anruf von Opodo. Man könne mir den Flug neu buchen, würde aber 30 Euro mehr kosten. Denke mir, besser als die 65 Euro Gebühren und stimme zu. 20 Stunden vor dem Flug habe ich plötzlich alles beisammen. Traue dem Frieden nicht.

Erhalte Mittwoch kurz vor Abreise eine Rechnung von Opodo, in der nicht nur die 30 Euro, sondern auch die zusätzlichen 65 Euro aufgeführt sind und erkenne, dass ich nun Aufpreis zahle, um mehrere Stunden an einem kasachischen Flughafen zu sitzen, wo ich nicht einmal einen Kaffee kaufen kann, weil ich kein Geld in der Landeswährung besitze. Werde mir genau überlegen, ob ich diesen Dienstleister noch einmal in Anspruch nehme.

Rufe mir trotzdem ein Taxi zum Flughafen. Die letzte Mail, die ich sehe, bevor ich den Computer ausschalte, ist eine Verspätungswarnung der Bahn für den ICE von Berlin nach Frankfurt, in dem der Kollege Henkel sitzen wird.

Das Taxi kommt zu spät. Dafür sitzen wir schon nach kurzer Fahrt im Stau.

PS, aber kein Epilog: Ich schreibe diese Zeilen in den frühen Morgenstunden am Flughafen von Almaty. Habe ja genug Zeit.

Ein Blick aus dem Panoramafenster: Im Westen erstreckt sich eine unendlich scheinende Steppe, daneben liegt wie hingewürfelt die alte Hauptstadt Almaty mit ihren zahllosen kleinen Häuschen, im Süden erhebt sich majestätisch das Tian-Schan-Gebirge, und im Osten geht gerade die Sonne auf.

In zwei Stunden geht der nächste Flug nach Astana im Norden des Landes, und dann kommen noch zwei bis drei Autostunden dazu, bis wir das Cashville Casino im Burabay-Nationalpark erreichen.

Poker ist immer noch ein Abenteuer.

 

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Rainer 2014-05-29 02:14:48

ich kann es ansatzweise nachfühlen, wie nervig das gewesen sein muss...

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