Wie Phoenix aus der Asche (2)

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11 September 2010, Von: The Brain
Geposted in: Blog
Wie Phoenix aus der Asche (2)
Bad Oeynhausen, €200 Freeze-out, Tag 2
Tag 1 B am gestrigen Samstag war mit 88 Spielern erneut ausverkauft. 22 Spieler schafften den Cut für den Finaltag heute.
Insgesamt 37 von 176 Pokerfreunden rissen ihre Chipbeutel auf und hatten als Messlatte den Average von 47.600 im Blick.

18 Plätze sollten bezahlt werden. Ich hatte nach meinem ersten Tag meine Hausaufgaben gemacht, die Spieler an meinem Tisch (9/7) gegoogelt, Namen und Stackhöhe notiert. Stressfrei angereist. Ausreichend Spezialmischung mitgenommen. 1.760.000 Chips sind in Umlauf. Wer am Ende alle hat, bekommt € 9.910. Die weitere Preisstaffelung: Zweiter Platz € 5.770, 3. € 3.870, 4. € 3.160, 5. € 2.460, 6. € 1.960, .. 18. € 420, Preispool € 35.200.

poker-indianer
Manche Smallstacks versuchen mit allen Mitteln, auf sich aufmerksam zumachen.

Zu Beginn eines Finaltages versuchen die  Smallstacks oft, schnell aufzudoppeln oder Blinds und Antes zu klauen. Zwei Steals erkenne ich als solche, verliere mit der jeweils besseren Starthand jedoch beide Attacken. Einmal laufe ich gegen Asse im BB und verliere. Der Tiefpunkt ist erreicht, als ich auf 45k runter bin. Jetzt zünde ich den Turbo, schalte für eine halbe Stunde um auf Aggro-Modus. So kämpfe ich mich wieder auf 63k hoch. Mit A, Q calle ich ein All-In von A, J. Schon fast ein „Cochones-Call", fällt es doch wesentlich leichter, alles reinzustellen, als diesen Move zu kontern. Ich hatte ihm genau diese Range gegeben, A/10, A/J, Axs.

Mein Kicker entscheidet die Hand, ich doppele auf. „Hu, ha - Hu, hu, ha"!

An dieser Stelle ist die Achterbahnfahrt zu Ende.

Jetzt, bei Average, nehme ich den Turbo raus und spiele tight weiter.

Bei Blinds 2k/4k/400 Ante und zwei Limpern kommt ein Raise auf 16k (34k im Pot), was ich mit einem All-In beantworte. Dabei halte ich nur 8, 8! Die Limper und Blinds folden. Der sehr sympathische und gute TP - sein Name ist Ralf Bengelstorf -  überlegt lange. Ich habe längst die rhetorische Tischhoheit übernommen und verunsichere ihn verbal dermaßen, dass er offen J, J foldet. Seine tighte und besonnene Spielweise ist auf Dauer jedoch erfolgreich. Er bleibt länger im Turnier als ich und wird am Ende Vierter. Beim 100er Race4Chips liege ich mit 225k knapp über Average (220k).

poker-player-helmet
Wer keine Cochones hat, muss sich anders behelfen.

Jetzt setzt der Tunnelblick ein. Kräfte bündeln. Ich konzentriere mich ausschließlich aufs Spiel. Notizen mache ich schon lange nicht mehr. Das lenkt nur ab, war vielleicht mit verursachend für mein Desaster vom Donnerstag. Die wenigen kurzen Pausen nutze ich, indem ich zum Auto haste, um einem erneuten folgenschweren Absinken der Körperflüssigkeit vorzubeugen.

Klatsch, klatsch - jetzt geht es schnell. Sie sterben wie die Fliegen. Ein "Seat Open" nach dem anderen. Sekt oder Selters. Die meisten Smallstacks riskieren alles, wenn sie weniger als zehn BB vor sich stehen haben. Das Teilnehmerfeld dünnt drastisch aus, bis nur noch 19 Spieler im Rennen sind. Zwei Sechser- und ein Siebener-Tisch. Die Floorfrau gibt den Dealern die Anweisung, ab sofort nur noch Hand by Hand zu spielen, also zeitgleich an allen Tischen. Der Bubble Boy wird gesucht. Niemand soll sich durch Stalling (Spielverzögerung) einen Vorteil verschaffen können. Ein Spieler macht folgenden Vorschlag, der von der Turnierleitung aufgegriffen wird: Jeder der verbliebenen 19 Spieler gibt € 10 in bar aus eigener Tasche in einen Topf, der an den nächsten Spieler ausgezahlt wird, der ausscheidet.

tunnelblick
Tunnelblick - „Sie sterben wie die Fliegen"

„Ist Jemand nicht einverstanden?" Kein Arm geht in die Höhe. Also werden die jeweils € 10 von der Floorfrau eingesammelt. Platz 19 ist nun auch im Geld, die Bubble damit geplatzt.

Ab sofort wird wieder im individuellen Tischtempo gespielt. Jetzt gibt es kein Halten mehr. 60 Sekunden später ist der Nächste raus, es wird ein Tisch aufgelöst und an zweien weiter gespielt.

Immer wieder stehen Spieler aus Neugier auf, wenn am Nachbartisch ein All-In gecallt wird. Jeder Seat Open bringt mich näher an den FT und damit an die Fleischtöpfe. Flüche, Freudenschreie, aufspringende Spieler - das übliche Ambiente einer Turnier-Endphase eben. Emotionen pur, Enttäuschung, Freude,

Hoffnung. Irgendwann ist es soweit: der Final Table ist gefunden. Jeder dieser Neun hat mindestens € 880 sicher. Ab jetzt bedeutet jeder ausscheidende Player einen Sprung von etwa € 500 in der Preisgeldliste.

Der Neunte scheidet aus, der Achte, der Siebente. Anerkennendes Tischklopfen der verbliebenen Spieler. Shorthanded am Final Table.

WSOP-November-Nine-2009
Final Table - immer etwas Besonderes.

In Level 18, also nach fast 6 Stunden Netto-Spielzeit heute, sind die Blinds bei 3k/6k, 500 Ante. Ich sitze im SB, es wird bis zu mir gefoldet. Mit 9, 10 raise ich auf 24k, erhalte ein Reraise auf 50k. Der Average liegt bereits bei 352k. Nach reiflicher Überlegung setze ich den BB auf einen

Re-Steal und schiebe mit 210k All-In. Instant call. BB zeigt A, A. Na Klasse, zum zweiten Mal an diesem Tag laufe ich gegen Asse, die perfiderweise vom Big Blind gehalten werden! Na ja, vielleicht knacken meine suited connectors dieses Monster.

Flop 9, 7, 6. Immerhin ein Treffer. Jede Ten zum Two Pair, jede 9 zu Trips und jede 8 zum Straight würden mir helfen. Turn 5. Jetzt habe ich noch mehr Outs durch jedes Karo zum Flush. River Q. Ich rufe „Ja!" und haue mit der Hand auf den Tisch. Entsetzt auf mich gerichtete Augenpaare wandern blitzschnell zurück zu den Karten auf dem Board. Unter dem Aspekt „Haben wir etwas übersehen?". „Stopp, Stopp - alles gut. War nur ein Spaß!" Der BB covert mich relativ deutlich, was auch ein Aspekt meiner Überlegungen vor dem All-In war. Bei einem Fold hätte er mit einem Average-Stack locker weiterspielen können. Aber Asse? Im BB? Wer rechnet denn damit, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit?

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Platz 6 und ein vierstelliger Betrag für The Brain - da müsste eine Oma lange für stricken.

Egal, mit Anstand wird dem Gewinner dieser Hand von mir mit „Shake hands" herzlich gratuliert und auch den anderen vier am FT Verbliebenen viel Glück gewünscht. Gegen 22:30 Uhr wird mir am Counter mein Gewinn in Höhe von € 1.960 ausbezahlt. 1 Plaque á 1.000, 1 Plaque á 500, der Rest in runden Stücken. Ich entrichte meinen Obolus für den Tronk und wechsele die Jetons an der Hauptkasse in Bargeld. Nach Abzug der Kosten für das Buy-In, den Eintritt, die Gastro-Fee, zweimalige An- und Abreise, Trinkgeld für die Angestellten, 10 Prozent getauschter Anteile sowie € 10 für den Bubble verbleibt ein immer noch gut vierstelliger Betrag, für den eine Oma lange stricken müsste.

Nur raus hier, an die frische Luft, eine Fluppe anstecken, Abstand gewinnen.

Vorbei an den drei Cashgame-Tischen. „Wie viel, Norbert?". „Eins-neun!".

„Klasse!". Die Ergebnisse lese ich am nächsten Tag nach.

halma
Bleibt vorerst im Schrank - Halma.

Ich hatte mir für die B. O. Poker Classics Etappenziele gesetzt.

- Den Cut schaffen für den Finaltag. Geschafft.
- Mindestens mit Average-Stack. Geschafft.
- Ins Geld kommen. Geschafft.
- An den Final Table kommen. Geschafft.
- Einen vierstelligen Gewinn einfahren. Geschafft
- Aufs Treppchen (unter die Top 3) zu kommen. Gescheitert
- Zu siegen. Gescheitert

Mit meiner Leistung bin ich zufrieden.

Den Wechsel zu Halma verschiebe ich einstweilen.

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