Was wäre, wenn Poker als Geschicklichkeitsspiel anerkannt würde?

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Die Diskussion ob Poker ein Glücks- oder ein Geschicklichkeitsspiel ist, ist so alt wie das Spiel selbst. Intensiver geführt wird sie seit etwas mehr als 20 Jahren. Besonders in Österreich, denn in Wien wurde im Jahr 1993 das erste Concord Card Casino eröffnet, und seitdem wird dort auch außerhalb der staatlichen Spielbanken Poker um Echtgeld gespielt. Wäre so etwas ähnliches auch in Deutschland denkbar, und welche Konsequenzen hätte es wenn Poker offiziell als Geschicklichkeitsspiel anerkannt würde?

Obwohl Poker in Österreich als Glücksspiel gilt, darf dort um Echtgeld gespielt werden

Auch in Österreich gilt Poker als Glücksspiel. Die rechtliche Klassifikation ist in Österreich identisch zur deutschen: "Ein Glücksspiel liegt vor, wenn im Rahmen eines Spiels für den Erwerb einer Gewinnchance ein Entgelt verlangt wird und die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt. Die Entscheidung über den Gewinn hängt in jedem Fall vom Zufall ab, wenn dafür der ungewisse Eintritt oder Ausgang zukünftiger Ereignisse maßgeblich ist." (Glücksspielstaatsvertrag)

Peter Zanoni
Der Spitzfindig- und Hartnäckigkeit des Gründers des CCC Peter Zanoni ist es zu verdanken, dass Poker in Österreich auch außerhalb der Spielbanken um Echtgeld gespielt werden darf.

Cardcasinos in Wien (und in der Folge in ganz Österreich) konnten aufgrund einer gewerberechtlichen Spitzfindigkeit eröffnen. Die Spitzfindigkeit sowie deren Konsequenzen sind seit 1993 Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen mit Gutachten und Gegengutachten. Tatsache dabei ist, Cardcasinos existieren in Österreich nach wie vor, auch wenn es vor zwei bis drei Jahren so aussah, als ob deren letztes Stündlein geschlagen hätte.

Weiter gibt es Magister- und Studienarbeiten, die sich auf hohem akademischem Niveau mit dem strittigen Thema befassen. Als Beispiel sei hier nur die "Bakkalaureatsarbeit" von Martin Sturc aus dem Jahr 2010 genannt: " Poker – Ein Paradigmenwechsel vom Glücksspiel zum Denksport". Vor Kurzem hat Sturc dazu eine weitere Arbeit verfasst („SKILL BEATS LUCK – Der Geschicklichkeitsfaktor im Pokerspiel“, Printbuch oder E-Book, ISBN 978-3734765940).

Ist Poker ein Glücks- oder Geschicklichkeitsspiel?

Im Kern der Diskussion geht es genau um die Frage, ob Poker der rechtlichen Definition nach ein Glücksspiel ist, oder ob die Geschicklichkeits- und Erfahrungsanteile überwiegen und Poker somit ein Geschicklichkeitsspiel ist.

Befürworter und Fans des Pokerspiels verfechten vehement die These vom Geschicklichkeitsspiel. Glücksspielgegner und  offenbar auch die Gesetzgeber der meisten Länder sehen das nicht so.

Die Argumentation der Befürworter lautet in etwa so, dass ein erfahrener und spieltheoretisch geschulter Spieler genau durch seine Erfahrungen, durch seine Kenntnis vom Spiel und der in einer gegebenen Situation nahezu optimalen Entscheidung derart deutlich Einfluss auf das Spielergebnis haben kann, dass dieses nicht mehr ausschließlich oder überwiegend vom Zufall abhängt Alle, die sich eingehender mit Poker beschäftigt haben wissen, dass z.B. bei Stud und Hold’em durch die offenen Karten ein großes Maß an Informationen verfügbar ist. Durch richtiges Nutzen dieser Informationen kann ein erfahrener Spieler die Zufallskomponente reduzieren oder sogar minimieren.

Die Schwierigkeit bei der Bewertung scheint die Quantifizierung des schwammigen Begriffs "überwiegend" zu sein. Versuche dazu gibt es u.a. im Text von Steven D. Levitt and Thomas J. Miles "The Role of Skill versus Luck in Poker: Evidence from the World Series of Poker" (April 2011).

Trotz all der mathematisch einwandfreien Argumentation scheinen sich aber die Legislative und nachgeschaltete Verfasser von Durchführungsbestimmungen darum nicht zu scheren, denn die Gesetzgeber haben dabei noch weitere Aspekte im Blick: Spielsucht und Sozialschädlichkeit.

"Poker liegt daher im Kontinuum zwischen Glücks- und Geschicklichkeitsspiel und seine Klassifizierung als Glücks- oder Geschicklichkeitsspiel bleibt eine politische Frage mit der damit verbundenen Lobbyarbeit und Rechtsunsicherheit. Für den Gesetzgeber sollte bei der Entscheidung zur Regulierung von Spielen ohnehin nicht entscheidend sein, ob das Spielergebnis vom Glück oder vom Geschick abhängt, sondern vielmehr, ob das Spiel sozialschädlich ist. Die nächste Herausforderung ist daher eine Glücksspieldefinition, die alle sozial schädlichen Spiele abdeckt und nicht zu Rechtsunsicherheit führt" (www.bwl.uni-hamburg.de/irdw/forschung/poker---gluecksspiel-oder-geschicklichkeitsspiel.html).

Es sieht also nicht so aus, als würde sich die Situation in absehbarer Zeit grundlegend ändern. Unter welchen Voraussetzungen könnte Poker als Geschicklichkeitsspiel denn funktionieren?

Szenario 1:

Poker wird als Denksport anerkannt, mit der Einschränkung, dass die teilnehmenden keinen eigenen Geldeinsatz im Sinne der gültigen Rechtsprechung zu leisten haben.

Diese Überlegung ist nicht neu, allerdings funktioniert Poker ohne eine "Erfolgsmessgröße" nicht richtig. Richtige Entscheidungen müssen belohnt, falsche bestraft werden, das ist das Prinzip des Spiels. Verfechter der Denksportthese propagieren dazu ein Preisgeld, welches über Sponsoren bereitgestellt wird. Robert Werthan schreibt dazu in Ausgabe 24 des Poker Magazin: „Um Poker eine neue Zukunft geben zu können, muss Poker vom Casino gelöst werden - und vom Geldeinsatz. „Poker muss sich von der Glücksspielumgebung und von Geldeinsätzen trennen, um überhaupt erst für internationale Konzerne interessant zu werden.“

Sollte dies gelingen, so wäre eine völlig neue Dimension des "Pokersports" denkbar. In gewisser Weise gibt es das schon. Das Pokerspiel in Stefan Raabs "TVtotal-Pokerstars.de Nacht" ist nur erlaubt, weil die Teilnehmenden keinen persönlichen Einsatz im Sinne des Glücksspielrechts tätigen. Und dort werden durchaus interessante Preisgelder ausgeschüttet (siehe auch http://www.pokerzeit.com/tv-total-pokernacht-warum-darf-elton-680000-kassieren). Ob bei Raab echter "Denksport" betrieben wird, darf allerdings stark bezweifelt werden.

Szenario 2:

Poker als Geldspiel mit behördlicher Kontrolle der Lizensierung, aber auch außerhalb der Spielbanken

Wenn sich die Sichtweise "Poker ist ein Geschicklichkeitsspiel" rechtlich durchsetzte, könnte das Spiel außer in Spielbanken und Casinos auch in Kartenclubs unter Gewerberecht erlaubt sein und stattfinden. Für die Lizensierung könnten die Behörden zusätzliche Bedingungen hinsichtlich Leumunds, Finanzkraft der Antragsteller u.ä. zur Auflage machen. Es käme also zu einer Art Mischform aus jetziger Glückspiel-Lizensierungspraxis ausschließlich für Spielbanken und einer Erweiterung auf Gewerbetreibende. Die Spielerträge des Veranstalters (generiert aus Rake oder Timecollection) würden besteuert. Und zwar deutlich niedriger als es unter den jetzt gültigen Bestimmungen bei Casinolizenzen wäre. Der Staat könnte zusätzliche Steuereinnahmen generieren, die Veranstalter Profite erwirtschaften. Selbstverständlich müssten für Kartenclubs und Spielbanken gleiche Bedingungen hinsichtlich der Abgaben gelten. Die Spielbanken könnten ein wirtschaftlich sinnvolles Pokerangebot losgelöst vom übrigen Spielangebot und vom brutalen Abgabenmodus verwirklichen. Aus diesem Szenario könnte sich nach dem Motto "Konkurrenz belebt das Geschäft" ein für die Kunden (Spieler) äußerst interessanter Wettbewerb ergeben. Und vermutlich käme es zunächst zu einem vorübergehenden Wildwuchs an Kartenclubs. Das war in Österreich auch zu beobachten, es gab dort Zeiten, als nahezu jede Kleinstadt vorübergehend ein Cardcasino hatte. Die Mechanismen des Marktes würden da aber für eine Regulierung sorgen.    

Szenario 3:

Generelle Freigabe und Loslösung aus dem Glücksspielkontext mit “Lizensierung” für jedermann

Eine Erweiterung von Szenario 2 wäre, dass jeder Antragsteller eine Lizenz zum Betrieb von Pokerclubs bekäme, wenn er nachweist, dass er das organisatorisch und finanziell bewältigen kann. Es gäbe keinerlei Einschränkung durch Glücksspiellizenzen, nur das Gewerberecht würde Regularien vorgeben. Es käme vermutlich zu einem ähnlichen Verdrängungswettbewerb wie unter Szenario 2.

Fazit

Ich glaube, dass Szenario 1 umsetzbar wäre, wenn es gelingt, das Spiel für namhafte Sponsoren (und zwar außerhalb der Glücksspielszene) interessant zu machen. Dazu ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig.

Ich glaube nicht, dass sich die jetzige Sicht der Legislative und nachgeordneter Behörden ändern wird, wenn die Teilnehmenden eigenes Geld riskieren müssen, um zu spielen. Unabhängig von Gutachten und rechtlichen Einschätzungen, die eventuell dazu noch veröffentlicht werden, wird es vermutlich bei der jetzigen Praxis bleiben.

Szenario 2 hat seinen Charme, wenn man an die zu erwartende Wettbewerbssituation denkt. Trotzdem bleibt es - und noch viel mehr Szenario 3 -unrealistisch. Poker ist und bleibt nur in Spielbanken legal.   

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