Warum Poker eine olympische Sportart sein sollte

Olympic poker

Poker erfüllt alle Voraussetzungen, um in die Reihe der olympischen Sportarten aufgenommen zu werden. Aber es gibt ein entscheidendes Hindernis, und das ist nicht Glück.

London 2012 – die Olympischen Sommerspiele laufen, und einmal mehr ist Poker nicht dabei. Stattdessen sehen wir neben verwirrendem Herum- bzw. Heruntergehopse (Synchronspringen), einschläfernder Bewegungslosigkeit (Luftpistoleschießen) und bald auch wieder akustischen Naturkatastrophen (Sharapova/Azarenka) die zwei üblichen Phänomene:

1. Große Lücken in den Zuschauerrängen, weil wieder Mal Karten an irgendwelche dubiosen Firmen verschachert wurden, deren Repräsentanten aber ihre Interessen aber lieber in Soho oder am King’s Cross verfolgen, während die wahren Sportfans im direkten Wortsinn in die Röhre schauen.

2. Dopinggerüchte, hervorgerufen durch kasachische Radler (ok, eigentlich alle Radler), chinesische Schwimmerinnen (ok, inzwischen lustigerweise auch litauische) und griechische Gewichtheber.

Halt, das war schon vor vier Jahren, als fast das komplette Team wegen positiver Testergebnisse gar nicht erst anreisen durfte. Dieses Jahr sind die Griechen wohl gleich zuhause geblieben. Ihre Chancen darauf, die Aufnahmekriterien zu erfüllen, sind so groß wie die auf einen ausgeglichenen Staatshaushalt.

Aufnahmekriterien

doyle brunson olympics
Das wäre doch mal ein Siegerphoto.

Womit wir auch schon beim Thema wären. Um bei Olympischen Spielen vertreten zu sein, muss eine Sportart folgende Kriterien erfüllen:

1. Sie muss weit verbreitet sein. Für Männersport heißt das, der Sport muss in mindestens 57 Ländern auf vier Kontinenten betrieben werden, bei Frauen reichen 40 Länder und drei Kontinente. Warum Frauensport einen ganzen Kontinent weniger verbreitet sein muss, wird nicht erklärt.

2. Sie muss sich den Antidoping-Maßnahmen der Olympischen Bewegung unterwerfen.

3. Sie darf nicht auf einen mechanischen Antrieb wie etwa einen Motor angewiesen sein.

Über den letzten Punkt brauchen wir wohl nicht diskutieren.

Was Punkt 1 betrifft, so ist das Kriterium ganz offensichtlich erfüllt. Es gibt große, internationale Turnierserien in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Da haben wir schon unsere vier Kontinente.

Was die Länder betrifft, sollten hier die Regeln für Männer oder für Frauen gelten? Poker kommt ja im Gegenteil zu allen Olympischen Sportarten ohne Geschlechtertrennung aus, was vor allem in puncto Gleichberechtigung ein zusätzlicher Pluspunkt sein sollte.

Aber unabhängig davon wird Poker zweifellos in mehr als 75 Ländern auf diesem Planeten gespielt. Bei Kanuslalom, Synchronschwimmen und Stabhochsprung der Frauen bin ich mir da nicht ganz so sicher.

Was die Antidoping-Maßnahmen der Olympischen Bewegung betrifft: Gestatten Sie bitte ein kurzes bitteres Auflachen. Schon die Formulierung ist lustig gewählt, denn die „Olympische Bewegung“ ist ja ein metaphorischer, mit den Idealen Leistungsbereitschaft, Freundschaft und Respekt besetzter Begriff und deshalb zu irgendwelchen Maßnahmen gar nicht in der Lage.

Vertreter der Olympischen Bewegung ist das gleichnamige Komitee, und dessen Antidoping-Maßnahmen beschränken sich auf gelegentliche Stichproben und die Anweisung an Putzkräfte, auf Spritzen in Mülleimern zu achten. Das ist kein Witz.

funny faces
Gesichter Olympias.

Gäbe es wirkungsvolle Kontrollen, müsste eine große Zahl der Wettbewerbe wahrscheinlich abgesagt werden.

Wie angenehm dagegen Poker: Dopingtechnisch völlig unverdächtig, denn die Zahl der roten Blutkörperchen hat wenig Einfluss auf die Pre-Flop-Action, und gegen Suckouts hilft auch kein Eigenbluttransfer.

Ebenfalls typisch für olympische Sportarten: eine Vielzahl an Disziplinen. Schwimmsport, Leichtathletik, Ballsport werden in zahlreichen Varianten betrieben, und dasselbe gilt für Poker auch: vom Heads-up bis zum MTT, von High bis Low, von Stud über Draw bis Hold’em.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, was man ja insbesondere bei der WSOP sieht, auch wenn man es dort nach Meinung vieler etwas zu weit treibt mit der Unterteilung.

Das Buy-in

Ein besonderes Thema, und gerade im Fall Poker ein wichtiger Punkt. Poker, da sind sich alle Spieler einig, muss um Geld gespielt werden – wenn auch nicht unbedingt um viel Geld. Was passiert, wenn man das Geld weglässt, kann man an Spielgeldtischen von Zynga Poker erleben.

Trotzdem ist die Lösung einfach: Auch wenn es sich nach dem vorherigen Satz paradox anhört, lassen wir das Buy-in einfach weg! Gespielt wird um einen olympischen Titel, wem das nicht genug Motivation bietet, der soll ruhig zuhause sitzen bleiben und in Foren herumtrollen.

Schließlich muss ein 100m-Läufer ja auch nicht an der Kasse bezahlen, um antreten zu dürfen.

Qualifikation

Genau wie alle Sportler gewisse Normen erfüllen müssen, um zu Olympischen Spielen fahren zu dürfen, sollten Pokerspieler dies tun. Möglichkeiten gibt es ja genug. Offiziell nachweisbare Online-Bilanzen wären eine davon, besser eigneten sich aber wahrscheinlich Live-Turniere, in denen Spieler z. B. eine bestimmte ITM-Rate innerhalb eines gewissen Zeitraums erfüllen müssen.

Man könnte dafür extra Olympia-Qualifikationsturniere einrichten, aber auch bestehende Events einfach für die Qualifikation mitzählen lassen, wie das ja in vielen Sportarten gemacht wird.

chrismoneymaker 2003
Profi oder Amateur?

Siege oder Gewinnsummen sind als Kriterien ungeeignet, da Turniere allgemein extrem kopflastig sind und nicht die Qualität eines Spielers widerspiegeln. Niemand, und das sage ich mit allem Respekt, zählt Darvin Moon zu den besten 75 Spielern der Welt. Und er selbst wäre der letzte, der das von sich behaupten würde.

Amateure und Profis

Heute eigentlich kein Thema mehr. Der olympische Gedanke ließ nach Überzeugung von Baron Pierre de Coubertin, dem Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, keine professionellen Sportler zu, denn diese hätten einen Vorteil gegenüber Amateuren. Jahrzehntelang sorgte das für spektakuläre Disqualifikationen und kontroverse Diskussionen.

Für Poker würde sicher das gleiche gelten, denn wie definiert man einen Profi? Ist ein Online-Spieler, der jeden Abend drei Stunden an 12 Tischen gleichzeitig spielt, noch ein Amateur?

Ist ein Chris Moneymaker, der 2003 versehentlich den WSOP Main Event gewann und seitdem als gesponserter „Team-Pro“ durch die Welt tingelt, ohne sich um Start- oder Preisgelder Gedanken machen zu müssen, wirklich ein Profi?

Inzwischen hat das Internationale Olympische Komitee (IOK) die Vorgaben hinsichtlich des Amateurstatus aber weitgehend aufgehoben. Heute gilt sie nur noch für Boxer (und auch da gibt es Ausnahmen).

Außerdem dürfen bei den Männer-Fußballteams höchstens drei Spieler über 23 Jahren mitspielen. Das hat das IOK mit der FIFA ausgehandelt, damit die Fußball-Weltmeisterschaft nicht abgewertet wird.

Das wiederum hat natürlich nichts mit internen Absprachen zu tun, und dass man mit „IOK Dopingmaßnahmen“ bei Google 2460 Treffer landet, mit „IOK Korruption“ aber 166.000, ist bestimmt den geheimen Algorithmen der Suchmaschine geschuldet.

Darvin Moon
Darvin Moon weiß, dass man überall Glück braucht.

Glück

Um dieses Thema kommen wir nicht herum. Wer das Olympische Turnier gewinnt, wird sich dem Vorwurf aussetzen müssen, er habe nur Glück gehabt. Das passiert unter Garantie, weil es nämlich bei jedem Turnier passiert.

Da grundsätzlich alle Spieler bis auf einen ausscheiden, gibt es bei Pokerturnieren eben immer eine Menge Frustration.

Natürlich braucht man Glück, um ein Pokerturnier zu gewinnen, aber wie sieht es denn bei anderen Sportarten aus? Wenn ein Tennisspieler den Ball so nah an die Linie schlägt, dass nur ein Kameraauge auf Aus erkennt, ist das dann Pech oder war der Schlag einfach nicht gut genug?

Kann ein Windstoß den Pfeil eines Bogenschützen ablenken? Und was ist mit ins Tor abgelenkten Schüssen im Fußball, die immer wieder Spiele entscheiden? Wenn bei einem Eislaufrennen alle Läufer stürzen bis auf den Letztplatzierten, ist das dann Unvermögen der anderen?

Kurz gesagt: Ist Glück nicht bei vielen Sportarten ein wesentliches Element?

Das Ausschlusskriterium

Poker sollte also eine olympische Disziplin werden. Leider hat es darauf aber keine Chance. Der Grund: Um auch nur als Kandidat aufgestellt zu werden, muss eine Disziplin vom IOK als Sportart anerkannt werden.

Und Poker steht nicht auf der Liste.

Warum nicht, weiß nur der IOK-Vorstand, denn immerhin finden sich dort Rollsport, wozu z. B. das weltweit extrem populäre Inlineskater-Hockey gehört, der chinesische Kampfsport Wushu und die holländische Basketballvariante Korfball, die quasi im Stehen gespielt wird und noch langweiliger ist als das Wort zum Sonntag ohne Ton.

Auf wie vielen Kontinenten wohl gewushut und gekorfballt wird?

Trotzdem: Nicht alle Hoffnung ist verloren, denn der Umstand, dass Poker ein Kartenspiel ist, hat für die Anerkennung durch das IOK keine Bedeutung. Bridge nämlich findet sich auf der Liste, übrigens ebenso wie Schach, und wenn diese strategisch geprägten Spiele akzeptiert werden, besteht durchaus die Chance, dass auch das strategische Potenzial von Poker die Anerkennung des IOK finden wird.

Irgendwann.

Bitte füllen Sie die erforderlichen Felder korrekt aus.

Es ist ein Fehler aufgetreten!

Sie müssen drei Minuten warten, bevor sie einen weiteren Kommentar abgeben können.

dannlachdoch 2012-08-15 04:57:36

Seh ich ähnlich. das beliebteste KArtenspiel der Welt, und es gibt bestimmt mehr Pokerspieler als Hammerwerfer.

ich 2012-08-11 12:19:49

Schwachsinn ist das nicht. Wenn selbst Bridge und Schach auf der Liste stehen warum nicht auch Poker.
Dass das IOK nur nach reiner Willkür und scheinbar auch abhängig von der Kohle die über den Tisch geht entscheidet ist ohnehin eine Tatsache, die nicht tragbar ist.
Auch wenn ich aktiv kein Poker spiele wünsche ich allen Pokerspielern viel Glück, dass wir auch dort bald mal ein paar Medallien ernten.

P.S.: Der Artikel ist super geschrieben. Hab sehr ift geschmunzelt.

dasichnichtlache 2012-08-02 09:35:32

was für ein unfug. olympisches pokern, pah... lächerlich.