Warum Lederer und Ferguson (wahrscheinlich) Ihr Geld gestohlen haben

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21 November 2011, Von: Arthur S. Reber
Geposted in: The Hand
Warum Lederer und Ferguson (wahrscheinlich) Ihr Geld gestohlen haben

Es hat viele Spekulationen darüber gegeben, was die Täter wohl getrieben hat, die in das Debakel um Full Tilt verwickelt waren.

Viel wurde in letzter Zeit vor allem darüber diskutiert, welche Motive Chris Ferguson und Howard Lederer bewegten, zwei Spieler, die über lange Zeit in der Szene aktiv waren und hoch geachtet wurden.

Lederer wird wegen seiner nachdenklichen Art und seiner Vorlieb für tiefgehende Analysen und komplexe Fragestellungen häufig „der Professor“ genannt. Eigentlich hätte dieser Spitzname besser zu Chris Ferguson gepasst, der immerhin einen Doktortitel hält und ziemlich viel Zeit an einer Uni verbracht hat.

Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde beiden Spielern Bewunderung und Respekt entgegengebracht. Jetzt steht Full Tilt vor dem Verkauf.

Natürlich gilt bis auf Weiteres die Unschuldsvermutung. Ich weiß nicht, wie diese Geschichte ausgehen wird. Vielleicht werden sie schuldig gesprochen, vielleicht auch entlastet. Mich interessieren hier eher die psychologischen Aspekte der Geschichte.

Eine der am häufigsten gestellten Fragen lautet: Wieso sollten zwei kluge Männer mit viel Geld, einer guten Position und einem guten Ruf, die Dinge überhaupt anstellen, die ihnen nun vorgeworfen werden? Eine gute Frage. Sie wird übrigens immer gestellt, wenn es zu überraschenden Straftaten kommt.

lederer ferguson
Lederer und Ferguson.

Die Wahrnehmung wird durch das Umfeld verfälscht

Ein junger Pfadfinder, vielversprechend und von allen gemocht, geht in ein Straßencafé und schießt plötzlich um sich. Ein renommierter Geschäftsmann, mithin eine Säule der Gesellschaft, wird wegen Betriebs eines Schneeballsystems verhaftet. Ein vertrauter Nachbar und Vater von zwei Kindern wird als Anführer eines Kinderpornorings festgenommen.

Dann kratzt sich jeder am Kopf und fragt sich, wie dieser „nette junge Mann“, „respektable Financier“ oder dieses „wertvolle Mitglied der Gesellschaft“  so etwas tun – genau wie sich die Pokerspieler jetzt fragen, was da bei FTP passiert ist.

Psychologen, die sich mit solchen Fällen beschäftigen, fanden heraus, dass viel mehr von unserem Umfeld abhängt, als wir glauben.

Wir neigen dazu, Leute nach dem zu beurteilen, was sie tun. Unsere Pokerfreunde von Full Tilt nahmen wir wahr als umsichtige, kluge und besonnene Typen, weil sie eben umsichtige, kluge und besonnene Dinge taten – und wir fragen uns, wie sie uns so übers Ohr hauen konnten.

Bei dieser Überlegung bleibt aber die Rolle des Umfelds außen vor – der nette Pfadfinder wurde jahrelang von älteren Mitschülern gehänselt und drangsaliert, bis er sich entschloss, zurückzuschlagen. Der freundliche Geschäftsmann ist Bernie Madoff, zerfressen von Geldgier und der Sucht, bei den ganz Großen mitspielen zu wollen. Und der Familienvater hat seit Jahren Geldprobleme und versuchte, diese durch den Pornohandel loszuwerden.

Gelegenheit verdirbt den Charakter

Wie das funktioniert, zeigt besonders schön das Zimbardi-Experiment, dass vor Jahren an der Stanford University durchgeführt wurde.

Studenten wurden in zwei Gruppen unterteilt, von denen eine als Gefangene und die andere als Wärter in einem nachgestellten Gefängnis eingesetzt wurde. Nicht nur Initiator Zimbardi war erschrocken darüber, wie schnell aus vollkommen normalen Leuten innerhalb kürzester Zeit brutale, sadistische Folterknechte wurden, nur weil die Bedingungen ihnen dies ermöglichten.

Neugierig geworden? Mehr über dieses Experiment finden Sie hier. Die Geschichte wurde auch verfilmt und erschien in Deutschland im Jahr 2001 unter dem Titel Das Experiment.

howard lederer

Also, vielleicht erlagen unsere „Freunde“ ja der Versuchung in Gestalt sehr großer, nicht beaufsichtigter Mengen Bargeld. Vielleicht erhielten sie eine Email aus der Management-Etage, in der sie gefragt wurden, ob es in Ordnung wäre, ab und zu ein paar Millionen Dollar auf ihre Konten zu überweisen. Wer weiß?

Fragen Sie sich doch einfach mal, wie Sie selbst in dieser Situation reagieren würden.

Jeder hat seinen Preis

Bestimmt werden die meisten von Ihnen antworten, dass Sie nicht in Versuchung geraten würden und außerdem ehrliche, integre Menschen seien. Aber die Beweislage zeigt ganz deutlich: Für manche stimmt das, für andere nicht. Gier vernebelt den Verstand. Die Umstände spielen eine große Rolle.

Es gibt da eine (unbestätigte) Geschichte über Abraham Lincoln. Danach traf er sich mit einem wohlhabenden Geschäftsmann, der ihm viel Geld dafür anbot, ein paar Vergünstigungen zu erhalten.

Lincoln sah den Mann nur an und strich durch seinen Bar. Der Geschäftsmann zögerte und verdoppelte dann sein Angebot. Lincoln sah ihn weiterhin an und beschäftigte sich mit dem Bart. Also verdoppelte der Geschäftsmann sein Angebot nochmal. Da stand Lincoln plötzlich auf, schnappte den Mann am Kragen und schob ihn aus dem Raum.

Lincolns Staatschef lächelte ihn an und sagte: „Herr Präsident, das war sehr edel von Ihnen. Es handelte sich um eine große Summe.“

„In der Tat“, erwiderte Lincoln. „aber Edelmut hatte damit nichts zu tun. Jeder hat seinen Preis, und dieser Typ war an meinem schon verdammt nah dran.“

Da haben Sie’s. Denken Sie daran, Ferguson und Lederer gelten als unschuldig, solange ihnen nichts bewiesen wurde. Abgesehen davon ist ihr Ruf allerdings auf ewig zerstört, egal, wie es jetzt weitergeht. Genau wie damals bei einem anderen untadeligen Typen, der allseitigen Respekt genoss: Russ Hamilton.

Über den Autor:

Arthur Reber ist Autor, Spieler und Pferde-Handicapper, und das schon seit vier Jahrzehnten. Er schrieb regelmäßig für das Poker Pro Magazine und Fun’n’Games, Poker Digest, Casino Player, Strictly Slots und Titan Poker.

Er lehrte Psychologie an am Graduate Center in New York und an der Universität von Innsbruck. Heute ist Reber teilzeitbeschäftigt und arbeitet an der Universität von Columbia, Vancouver.

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