Vanessa Selbst: „Pokerspieler sollten sich mehr mit politischen Themen auseinandersetzen“

Vanessa Selbst

Vanessa Selbst ist nicht nur die erfolgreichste weibliche Pokerspielerin aller Zeiten, sondern steht auch kurz vor dem Staatsexamen in Jura. Wir haben uns mit der angehenden Juristin bei der EPT Prag über Politik, Polizeigewalt und über Dinge im Leben unterhalten, die wichtiger sind als Poker.

PZ: Vor deiner Pokerkarriere hast du Jura studiert. Willst du irgendwann mal als Juristin arbeiten?

VS: Ja, das will ich und deshalb bereite ich mich gerade auf das Staatsexamen. Allerdings weiß ich noch nicht genau auf welchen Fachbereich ich mich danach spezialisieren möchte.

PZ: Siehst du dich eher als Staatsanwältin oder Verteidigerin?

VS: Ich möchte nicht im Strafrecht arbeiten. Ursprünglich wollte ich Pflichtverteidigerin werden, aber da ich professionell Poker spiele ist das nahezu unmöglich.

Einem Klienten der im Gefängnis sitzt kann man ja nicht einfach so sagen: „Gedulden  Sie sich bitte etwas, ich muss für ein paar Tage nach Prag um ein Pokerturnier zu spielen.“

Wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich Verteidigerin wählen.

PZ: Und nach deiner Pokerkarriere?

VS: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es ein “danach” geben wird. Mein Ziel ist es beides solange wie möglich zu machen. Im Zivilrecht würde ich mir Fälle aussuchen, wo ich gegen die Machthabenden antreten kann.

PZ: Die Polizeigewalt in den USA dominiert zurzeit die Schlagzeilen in europäischen Zeitungen. Übertreiben sie oder ist der Aufschrei der Öffentlichkeit gerechtfertigt.

VS: Ja ist er, das ist eine große Sache und betrifft genau den Bereich auf den ich mich während des Studiums spezialisiert habe.

Ich habe mit Fällen gearbeitet, wo Polizeibeamte bei Fehlverhalten gefilmt wurden. Die Demonstrationen sind definitiv gerechtfertigt, da das schon seit vielen Jahren ein Problem ist. Bevor es Überwachungskameras gab wurden sogar Menschen getötet und keinen hat es interessiert, da es keine sichtbaren Beweise gab.

Die Polizisten konnten in ihre Berichte schreiben, was immer sie wollten und niemand hat es überprüft. Durch die Videoüberwachung wurden den Menschen die Augen geöffnet und sie realisieren, dass das jeden etwas angeht.

Polizei
In den USA gibt es nach den Toden von Eric Garner und Michael Brown wieder Demonstrationen gegen übermäßige Polizeigewalt.

Einerseits ist es inakzeptabel korrupte und rasistische Polizisten zu haben, und andererseits ist es schlecht für die Polizisten, die ihren Job gut und gewissenhaft machen.

Viele denken ich würde schlecht über die Polizei sprechen, aber die Wahrheit ist, dass ich weiß, dass die Polizeikultur in den USA schlecht ist und eine Stimmung von “Wir gegen die” erzeugt.

Darüber hinaus tuen mir die guten Polizisten leid, den sie bekommen das ab, was andere verbock haben. Das Motto der Polizei in New York ist “To Serve and Protect”, aber die öffenliche Wahrnehmung ist das genaue Gegenteil.

Wenn einem Schwarzen etwas gestohlen wird, und man ihn dan fragt, warum er nicht zur Polizei geht, dann wird er dich auslachen. Die Polizei um Hilfe zu bitten halten sie für sinnlos. Ich hoffe, dass die technische Entwicklung ein Schritt in die richtige Richtung ist.

PZ: Dennoch gab es kürzlich einige Fälle, wo Polizisten dabei gefilmt wurden wie sie Menschen umbringen. Die Videoüberwachung scheint also nicht viel zu bringen.

VS: Der Tod von Eric Garner und Michael Brown ist sehr schokierend da stimme ich dir zu, trotzdem glaube ich, dass es etwas bringt.

Was viele nicht wissen ist, dass die Polizisten in beiden Fällen nicht schuldig gesprochen wurden und den Angehörigen das Recht auf einen Prozess verweigert wurde, da es das Gericht als erwiesen ansah, dass die Polizisten nicht schuldig sind.  

Dennoch bin ich froh, dass solche Ding mittlerweile wenigstens ans Licht kommen. Es besteht inzwischen ein größeres öffentliches Interesse. Früher hat es keinen interessiert, wenn ein Polizist einen Schwarzen zusammengeschlagen hat.

Ich weiß, dass es gerade nach den letzten Fällen nicht einfach ist optimistisch zu sein, aber ich bin es trotzdem, denn es ist spürbar, dass die Menschen etwas dagegen tun.

PZ: Außerdem werde die Videos mittlerweile ja sogar auf NBC gezeigt.

VS: Genau, und das ist wiederum ein Anreiz für andere so etwas auch zu filmen.

PZ: Was kann man den machen, um dieses Problem zu lösen? 

VS: Das ist die entscheidende Frage. Wenn man sich an die Menschenrechtsbewegung in den 60er jahren zurückerinnert, wird man erkennen, dass es damals einfacher war. Die Gesetze waren rassistisch, also mussten sie dem Druck der Menschenrechtsbewegung weichen.

Vanessa Selbst bei der EPT Prag 2014
"Ich fände es sehr bedenklich, wenn sich Pokerspieler nicht über Themen wie den Gaza-Konflikt unterhalten würden."

Heute ist das deutlich schwieriger, denn die Gesetze sind gerecht, aber die Gesellschaft ist es nicht. Und ich spreche dabei nicht nur von Rassismus, sondern in erster Linie von Klassendenken. Die Menschen, die am meisten dikrimiert werden sind die Armen.

In unserer Gesellschaft gibt es eine große Ablehnung von armen Menschen. Sobald man es geschafft hat, beginnt man damit auf diejeningen herabzublicken, die es nicht geschafft haben, als ob das ihre eigene Schuld wäre.

Seit Jahrzehnten haben wir Probleme durch die gewaltigen Einkommensunterschiede, und ehrlich gesagt habe ich dafür auch keine Lösung.

PZ: Der Prozentsatz der schwarzen Häftlinge an der Gesamtbevölkerung in den USA ist zurzeit häher als im 19. Jahrhundert.

VS: Ja das stimmt leider. Viele westliche Länder haben mit den Konsequenzen der massiven Einkommensunterschiede zu kämpfen, aber die hohe Inhafteierungsrate ist ein rein amerikanisches Problem.

PZ: Unterhalten sich Pokerspieler über solche Themen?

VS: Nicht wirklich. Für mich ist das absolut unverständlich, den in der Pokerszene gigt es so viele kluge Köpfe. Ich finde Pokerspieler sollten sich mehr mit politischen Themen auseinandersetzen.

PZ: Was hälst du davon wenn Pokerspieler in der Öffentlichkeit politische Statements abgeben, so wie z.b. Olivier Busquet und Dan Colman mit ihren “Free Gaza” Shirts bei der EPT Monte Carlo?

Daniel Colman Olivier Busquet
"Wenigstens haben Dan und Oliver damit eine Diskussion innerhalb der Pokerszene ausgelöst."

VS: Einerseits verstehe ich, warum PokerStars so etwas nicht möchte.

Andererseits bin ich der Meinung, wenn du etwas zu sagen und eine Platform dafür hast, dann nutze sie.

Wenigstens haben Dan und Oliver damit eine Diskussion innerhalb der Pokerszene ausgelöst.

Ich fände es sehr bedenklich, wenn sich Pokerspieler nicht über Themen wie den Gaza-Konflikt, Ferguson, oder Ebola unterhalten würden.

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