UTG-Raises bedeuten heute überhaupt nichts mehr.

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4 März 2010, Von: The Hand
Geposted in: Blog
UTG-Raises bedeuten heute überhaupt nichts mehr.
Rino Mathis war der erste offizielle Pokerprofi der Schweiz. Bei der EPT Berlin sprachen wir mit ihm über die Swiss Poker Masters Tour, seinen Wechsel von Full Tilt zu PokerStars und den Umgang mit der jungen Generation der Internet Kids.

PZ: Herr Mathis, in Österreich ist die Pokerszene bekannt lebhaft, in Deutschland kämpfen wir ständig mit rechtlichen Problemen. Wie sieht eigentlich die Situation um Poker in der Schweiz aus?

RM: Seit Ende 2007 gilt, dass Poker grundsätzlich ein Geschicklichkeitsspiel ist und deshalb auch außerhalb vom Casino erlaubt ist. Allerdings gilt das nur für Turnierpoker. Cash Game gilt als Glücksspiel und darf deswegen nur im Casino angeboten werden.

Wenn eine bestimmte Höhe nicht überschritten wird, behält Poker den Status Geschicklichkeitsspiel. Deswegen gilt außerdem ein Höchststartgeld für Turniere von 500 Franken oder 350 Euro. Zusätzlich darf der Starting Stack eine bestimmte Höhe nicht unterschreiten, und es müssen bspw. bei einem Turnier mit 500 Franken Buy-in mindestens 50 Spieler teilnehmen, damit in dem Turnier ausreichend Hände gespielt werden, um den Bereich Glücksspiel verlassen zu können. Damit ist auch gesichert, dass die Verluste der Spieler nicht zu groß werden.

PZ: Also eine höchst einfache, übersichtliche Regelung.

RM: Tja, nicht wirklich, aber man kann schon damit zurechtkommen. Im Herbst dieses Jahres soll der Oberste Gerichtshof der Schweiz ein endgültiges Urteil fällen.

andrew-feldman
Andrew Feldman - wissen, was die jungen Spieler denken.

PZ: Könnte PokerStars z. B. in Zürich ein großes Event veranstalten?

RM: PokerStars ist ja schon der Sponsor unserer Masters Poker Tour und hat damit ja schon mehrere Events in der Schweiz veranstaltet. Wenn es aber um ein großes Event wie z. B. ein EPT-Turnier ginge, wäre wohl das größte Problem, ein Casino zu finden, das bereit und in der Lage ist, eine solche Veranstaltung zu stemmen.

PZ: Sie sind Gründer der Swiss Poker Masters Tour und der zugehörigen größten Schweizer Pokerseite Pokeraction. Wie hat sich dieses Projekt bis jetzt entwickelt?

RM: Seit 2006 läuft die Seite, und sie hat sich bis jetzt hervorragend entwickelt. Das Main Event der letzten Station unserer Swiss Poker Masters Tour war überbelegt. Der Schweizer Markt wird stark unterschätzt. Er ist viel größer, als man denkt. Allein im letzten Jahr fanden über 3000 Turniere für unsere Ranking-Liste statt.

PZ: In diesem Jahr finden die German Open der EPT erstmals in Berlin statt. Was halten Sie von dieser Entscheidung?

RM: Das ist eine der besten Ideen seit Bestehen der Serie überhaupt. Ich habe mich riesig darauf gefreut, hierherzukommen. Das Einzige, was man bemängeln kann, ist dass es nicht sehr zuschauerfreundlich ist. Ansonsten kann man sich wirklich nicht beklagen. Hotel, Organisation, alles hervorragend. Und die Teilnehmerzahl  spricht ja auch für sich.

PZ: Waren Sie vorher auch bei der EPT in Dortmund?

RM: Ja, leider.

PZ: Auf Ihrer Website werden Sie noch als Full Tilt Profi geführt. Wann kam der Wechsel?

RM: Wirklich? Sind Sie sicher? Das wird sofort geändert. Ich bin seit Juni letzten Jahres bei PokerStars.

PZ: Und wieso macht man so etwas? Ist das nicht wie ein Wechsel von Bayern zum HSV?'

RM: Es ist sogar wie von Schalke zu Dortmund.

Ich habe einige Projekte gleichzeitig laufen. Ein Buch, die Turniere, die Website usw. Dafür brauche ich einen tatkräftige Unterstützung. Mit Full Tilt war das einfach nicht möglich. Da wurde viel geredet, aber wenig getan. Für mich persönlich war PokerStars die bessere Wahl. Die Idee zur Swiss Poker Masters Tour hatte ich ja schon vor längerer Zeit. Nichts wurde realisiert. Aber nach nur ein paar Monaten bei PokerStars läuft die Tour bereits.

rino-mathis
Wie von Schalke zu Dortmund.

Bei Full Tilt habe ich eineinhalb Jahre lang versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Monatelang wurde darüber geredet, immer wieder wurde ich vertröstet, aber passiert ist überhaupt nichts. Bei PokerStars können die Verantwortlichen für den deutschsprachigen Markt selbst entscheiden, und das tun sie auch. Wenn es heißt, ja, das können wir machen, dann geht es eben auch gleich los. So kann man dann auch richtig gut arbeiten. Mit Full Tilt ging das eben einfach nicht.

PZ: Und hat die Masters-Serie eine Perspektive?

RM: Unbedingt. Der Erfolg ist ja bereits da. Der Schweizer Markt ist sicherlich etwas schwierig zu fassen, aber mit der Swiss Poker Masters Tour werden wir auch mehr Aufmerksamkeit erregen und auch international größeres Interesse erregen.

PZ: Kommen wir zum Online-Poker. Als Team-Profi sind Sie naturgemäß auch online präsent. Auf welchen Partien findet man Sie am häufigsten?

RM: Online spiele ich praktisch ausschließlich Omaha. Turniere konnte ich in letzter Zeit aus zeitlichen Gründen leider selten wahrnehmen, aber generell bin ich sowieso ein Omaha Cash Game Spieler.

PZ: Und auf welchen Limits fühlen Sie sich zuhause?

RM: Ich habe nach meinem Einstieg bei PokerStars  niedrig angefangen, d. h. 2/4, 3/6, 5/10 PLO. Das mache ich auf einer neuen Seite immer so. Ich fange niedrig an, versuche, die Spieler und die Seite besser kennenzulernen und steigere mich dann. Das höchste, was ich spiele, ist 200/400 PLO.

PZ: Gibt es eine Vorgabe von ihrem Sponsor, wie viel Zeit Sie online an den Tischen verbringen müssen?

RM: Nein. Das wäre bei mir auch völlig unnötig, weil ich ja gerne online spiele. Ich bin sowieso viel unterwegs, also freue ich mich, wenn ich die Gelegenheit habe, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, zuhause zu blieben und dann dort natürlich auch online zu spielen.

PZ: Wie wird die Zukunft von Online Poker aussehen? Wird es vielleicht eine europaweite Regelung geben?

RM: Dazu muss ich zunächst anmerken, dass Online Poker in der Schweiz erlaubt ist. Aber generell wird es über kurz oder lang zu einer internationalen Regelung kommen. Das ist eine Frage des gesunden Menschenverstands. Erstens spielen die Leute sowieso, und zweitens macht ein Verbot die Sache ja erst so richtig interessant.

Als Schweizer kann man wie gesagt prinzipiell legal Poker spielen. Man muss allerdings seine Gewinne versteuern.

PZ: Und gibt es wirklich jemanden, der das macht?

RM: Ja, einen gibt's. Mich.

PZ: Wie meinen?

RM: Ich bin offiziell der erste und vielleicht einzige Pokerprofi der Schweiz. Inklusive Altersvorsorge, Arbeitslosengeld und allem, was dazugehört. Ich bin schon vor fünf, sechs Jahren zum Amt gegangen und habe gesagt, Leite, ich lebe vom Pokern, ich habe Familie und Kinder, die ich davon ernähre, und ich werde das auch ordentlich versteuern. Die hatten nicht die geringste Ahnung, wovon ich da überhaupt rede.

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Casino Bregenz - so viele CAPT wie möglich.

Inzwischen habe ich mit einem Kompagnon eine Firma, die MATA AG, gegründet, um meine Projekte auf eine sichere legale Basis zu stellen, damit nicht plötzlich irgendjemand kommen kann und mir unlautere Machenschaftenunterstellt. Die MATA AG ist also der offizielle Unterbau für alle Projekte, an denen ich arbeite, sodass hier auch keine rechtlichen Probleme entstehen können.

PZ: Daniel Negreanu hat kürzlich in einem Interview erläutert, dass die einzige Möglichkeit, mit den ständig besser werdenden Online-Spielern, die zunehmend in die Szene drängen, fertig zu werden, für ihn darin besteht, sein eigenes Spiel ständig anzupassen und zu variieren. Wie gehen Sie als ebenfalls erfahrener Spieler damit um?

RM: Tatsächlich hat sich die Szene massiv verändert. Eine Patentlösung für den Umgang mit den Internet Kids kann ich jedoch nicht anbieten. Man muss allerdings mit der Zeit gehen. Es entwickeln sich immer wieder Schulen oder Strömungen, nach denen gespielt wird. Zeitweise war es modern, nach Harrington zu spielen und immer Conti-Bets anzusetzen. Oder es gab viele Leute, die nach der Lehre von PokerStrategy gespielt haben. Irgendwann merkt man das, und dann überlegt man sich, wie man dagegen vorgeht.

Genauso war die typische Position des Raisers die am Button, später die am Cut-Off. Sie ist dann immer weiter gewandert. Heute wird oft schon UTG geraist, und selbst das muss nicht das Geringste bedeuten.

Grundsätzlich sollte man sich durch Foren, Gespräche und alle zur Verfügung stehenden Medien auf dem Laufenden halten. Man muss Trends möglichst früh erkennen, um angemessen reagieren zu können. Wie man das macht, muss jeder selbst entscheiden. Aber man muss früh dabei sein und wissen, was diese jungen Spieler denken, was sie ausprobieren, wie sie vorgehen. Die junge Generation ist ja komplett vernetzt und tauscht sich daher unglaublich schnell aus. Da muss man mithalten.

PZ: Wo werden Sie in diesem Jahr noch unterwegs sein?

RM: Wahrscheinlich fünf oder sechs EPT-Events, außerdem so viele CAPT-Events wie möglich, denn ich liebe Österreich und die Veranstaltungen dort sind immer hervorragend. Hinzu kommen ein paar Sachen, die ich kurzfristig entscheide, z. B. die Pker Classics in Amsterdam. Und dann bin ich zwei Wochen bei der WSOP in Las Vegas. Die $10.000 Omaha Championship ist mein persönliches Main Event.

PZ: Wieso nur zwei Wochen? Ist das nicht die wichtigste Zeit im Jahr?

RM: Fußball-WM. Die WSOP findet jedes Jahr statt, aber eine Fußballweltmeisterschaft gibt es nur alle vier Jahre.

PZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Rino Mathis ist aktiver Unterstützer der Aktion allin4kids.

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