Turnierstrategie: Der kritische „M“-Wert, Teil I

kevin saul

Wir wissen, dass Turnierspiel ganz andere Strategien erfordert als Cash Games. Die Frage ist, was für Strategien.

Darauf gehen wir nun im Detail ein. Dabei konzentrieren wir uns auf die Situationen, in denen wir einen „M“-Wert von 8-15 haben, uns also in einem kritischen Bereich befinden. Der Wert „M“ wurde von Dan Harrington geprägt und bezeichnet die Größe des eigenen Stacks im Vergleich zu den Blinds und Ante.

Der Wert wird berechnet, indem man den eigenen Stack durch die Summe der Blinds und Ante teilt. Bei Blinds von 100/200/0 hat ein Spieler mit 2000 Chips einen M von 6,6, während ein Stack von 5000 Chips einem M von 16,6 entspricht.

Es gehört zu den Grundlagen erfolgreichen Turnierspiels, den eigenen Stack niemals so weit schrumpfen zu lassen, dass man keine oder fast keine Fold Equity mehr besitzt.

M < 8

Wenn „M“ den Wert 8 unterschritten hat, gibt es für Sie nur noch einen Move. Sie suchen sich einen möglichst guten Spot, klicken auf all-in und drücken die Daumen.

Natürlich möchten Sie den bestmöglichen Spot für diesen Move finden, aber wenn wir ehrlich sind: Mit Skills ist hier nicht mehr viel anzufangen. In dieser Situation sind wir der Glücksgöttin Fortuna ausgeliefert.

M > 15

Liegt der Wert M über 15, sind Sie in einer komfortablen Situation und können sich Ihre Hände in Ruhe aussuchen.

Die entscheidende Phase, in der Sie Ihr Spiel anpassen müssen, ist aber die, in der Ihr Wert M zwischen 8 und 15 liegt und Ihr Stack unter den Durchschnitt gerutscht ist.

M = 8—15

Dies ist der kritische, mittlere Bereich. Ihr Abschneiden im Turnier hängt davon ab, wie geschickt Sie sich in diesen unsicheren Gewässern bewegen, um wieder in den sicheren Bereich (M > 15) zu kommen.

Es gibt zwei entscheidende Situationen, auf die Sie sich konzentrieren müssen, wenn Sie Ihren Stack wieder vergrößern wollen: Erstens das „S-SB-BB“ Spiel auf Button, im Small und im Big Blind; und zweitens der Re-Steal gegen einen Raiser aus später Position.

Im ersten Teil sehen wir uns die erste dieser beiden Situationen genauer an.

Das Warten auf die „richtige“ Hand – und warum das der falsche Weg ist

Viele Spieler beginnen auf gute Hände zu warten, wenn sie short-stacked werden. Sie beschließen, so lange zu warten, bis sie die „richtige“ Hand bekommen, um dann zu verdoppeln. Wenn es funktioniert, lehnen sie sich wieder zurück und warten auf die nächste Hand, wobei sie ihre Chips wieder verlieren.

Das Ganze läuft nach Schema F ab.

Das Problem dieser Strategie ist, dass gleich drei Dinge zusammenpassen müssen, damit sie funktioniert. Erstens muss man eine passende, starke Hand bekommen, bevor es zu spät ist, zweitens muss man mit dieser Hand auch noch Action bekommen (also einen Call), und dann muss man den Showdown auch noch gewinnen.

Gus Hansen
Turniertipp: Nie gleichzeitig spielen und boxen.

Eine alternative Strategie, und meiner Ansicht nach auf lange Sicht auch eine erfolgversprechendere, besteht darin, Situationen zu erkennen, die vorteilhaft und deshalb besonders gut geeignet sind, um Chips zu sammeln. Es gilt, sich darauf stärker zu konzentrieren.

Am Button und im Small Blind

Am häufigsten treten solche Situationen natürlich dann ein, wenn man sich im Bereich B-SB-BB befindet. Generell sind viele Spieler in diesen Positionen oft zu vorsichtig und passiv.

Eine extrem wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Turnierspiel ist die Fähigkeit, die Spielweise (Fähigkeiten) der unmittelbaren Nachbarn am Tisch schnell und korrekt einzuschätzen.

Konkret gemeint sind damit die Spieler direkt zu Ihrer Linken, die in den Blinds sind, wenn Sie den Button haben, sowie die direkten Nachbarn zur Rechten, die den Button haben, wenn Sie im SB oder BB sitzen.

Wenn Sie nicht in der Lage sind, auf die anderen Spieler zu achten, dann passen Sie zumindest darauf auf, wozu die genannten Positionen fähig sind und wie sie in bestimmten Situationen reagieren. Das ist für Sie das A und O.

Wenn Sie die Action gegen Ihre Nachbarn dominieren können, steigen Ihre Chancen auf eine gute Platzierung deutlich.

Die Bubble naht: Raisen Sie jetzt

Wenn Sie sich in dem kritischen 8-15 Bereich und in den B-SB-BB-Positionen befinden, müssen Sie so aggressiv werden wir nur irgend möglich. Das gilt in noch stärkerem Maße, wenn es in Richtung Geldränge geht.

Trotz des Umstands, dass viele Spieler zwar eigentlich wissen, dass sie in Bubble-Nähe aggressiv bleiben oder sogar noch aggressiver werden müssen, zeigt die Realität, dass die meisten schlicht ins Geld kommen wollen und deshalb immer vorsichtiger werden, um bloß nicht gerade noch vor dem Geld auszuscheiden.

Sie müssen in der Lage dazu sein, diese Spieler zu identifizieren und rücksichtslos auszubeuten. Wenn diese Spieler gewillt sind, ohne Gegenwehr ihre Blinds aufzugeben (und damit ihre Chips), ist es Ihre (un-)moralische Pflicht, diese auch zu nehmen.

Gegen viele solche Spieler ist die korrekte Spielweise, mit „any two“ all-in zu gehen.

Obwohl Sie sicher ab und zu lieber folden würden, damit es nicht allzu offensichtlich wird, was Sie hier tun, müssen Sie dafür sorgen, dass sich deren Spielweise nicht ändert.

Noch ein nützliches Werkzeug: Der Limp Re-Raise

Zusätzlich zu deutlich häufigeren Raises (das sollten Sie unbedingt machen) können Sie eine weitere Waffe anwenden, die sich am besten gegen etwas aggressivere Gegner einsetzen lässt: den Limp Re-Raise.

Wenn Sie limpen (mit dem Plan, zu re-raisen) und der Gegner hinter Ihnen checkt, sehen Sie billig einen Flop.

Auf diesem Flop können Sie noch immer einen Move machen (wenn Sie den Flop nicht treffen). Denken Sie daran, viele Gegner suchen nur nach einem Weg, billig aus der Hand herauszukommen.

shannon elizabeth
Shannon Elizabeth weiß, wie man den Limp Re-Raise ansetzt.

Wenn Sie den Flop verpassen, haben Sie damit noch immer eine Chance, den Pot zu kassieren. Sie können es sich nicht leisten, das „dead Money“ auf dem Tisch liegenzulassen. Vergessen Sie nicht, dass Sie mehr Chips brauchen, wenn Sie dieses Turnier noch gewinnen wollen.

Die Test-Bet auf dem Flop

Dazu können Sie u. A. auch eine Bet auf dem Flop ansetzen oder – wenn Sie dreist genug sind – einen Checkraise. Daraufhin werden die meisten Spieler alles bis auf Top Pair folden.

Schließlich und endlich müssen Sie wissen, welche Spieler zu Ihrer Rechten in der Lage sind, light zu eröffnen, um die Blinds zu stehlen, aber trotzdem noch folden können, wenn Sie mit einem Re-Raise konfrontiert sind. Gegen solche Spieler sollten Sie besonders aggressiv vorgehen.

Wenn Sie gegen einen Raise vom Button oder aus dem SB erfolgreich einen Re-Steal durchziehen können, vergrößern Sie Ihren Stack um 30-40%, ohne einen Flop zu sehen – das ist ein ausgezeichnetes Ergebnis für Sie.

Ein weiser Rat zum Schluss

Vergegenwärtigen Sie sich, dass Spieler innerhalb der B-SB-BB Positionen mit einer deutlich größeren Range eröffnen.

Haben Sie keine Angst davor, Ihre Chips zu setzen. Sie müssen bereit sein, Ihre Chips zu riskieren, auch wenn Sie nur Hände halten, die unter normalen Umständen bestenfalls als marginal zu bezeichnen sind.

Wenn Sie davon ausgehen können, dass die Chancen auf einen Fold Ihres Gegners gut stehen oder dass Sie gegen die Range Ihres Gegners vorne liegen, werden Sie aggressiv.

Lesen Sie auch:

Turnierstrategie: Der kritische „M“-Wert, Teil II

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