Tilt – Wenn Pokerspielern die Gäule durchgehen (3)

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13 Januar 2015, Von: Rainer Vollmar
Geposted in: PokerZeit Blog , Featured
Tilt – Wenn Pokerspielern die Gäule durchgehen (3)

Die zwei großen Tilt-Komplexe

Ein emotional beeinflusster Spieler, also ein Spieler, der auf Tilt ist, verliert bei seinem Spiel das rechte Maß und trifft suboptimale Entscheidungen.

Alle Arten von emotionaler Beeinflussung beim Poker lassen sich in zwei große Komplexe einteilen, die jeweils zwei sehr gegensätzliche Strömungen enthalten.

1. Tilt-Komplex: Loose-aggressiv vs. tight-passiv

Fast jeder Pokerspieler kennt den loose-aggressiven Tilt, der vermutlich der am meisten verbreitete Tilt ist.

Man spielt zu viele Hände und verfällt quasi in die Fehler, die meistens von Anfängern begangen werden und die man selbst schon überwunden glaubte.

Wie bei allen Tilt-Arten hängt das Ausmaß des Schadens von der Dauer und der Abweichung vom normalen Spiel ab.

Auslöser für diesen Tilt sind:

- Frust nach Bad Beats

- allgemein schlechter Lauf

- erbitterter Kampf um ein ausgeglichenes Ergebnis in der laufenden Session

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Lassen Sie sich nicht von einzelnen Spielern provozieren.

- Gefühl der Unbesiegbarkeit aufgrund konstant guter Ergebnisse

- Selbstaufgabe nach Erreichen eines „Scheißegal-Gefühls“ (die sich in wütenden Aktionen äußert)

- Ungeduld, einen kürzlich gemachten Fehler wieder gutmachen zu wollen

- Rachsucht bei einem Spieler (schlechtes Abschneiden gegen einen konkreten Spieler; scheinbare Notwendigkeit, sich gegen einen Spieler zur Wehr zu setzen, z.B. weil dieser aufgrund von Kartenglück öfter Reraises gespielt hat)

Oft hält der loose-aggressive Tilt nur recht kurz an, da sich der Spieler abreagieren will, einfach einen Stack verliert oder wieder seine innere Ruhe zurückgewinnt.

Wie man den loose-aggressiven Tilt gut bekämpfen kann, wenn man ihn erkennt, wird später erklärt.

Das Gegenstück zum loose-aggressiven Tilt ist der tight-passive Tilt. Hier geht es wesentlich ruhiger, aber nicht minder verheerend zu.

Anstatt weiter das gewohnt tight-aggressive Spiel zu praktizieren, wird ein Spieler allzu defensiv und zieht sich in eine Art Schneckenhaus zurück.

Auslöser für diesen Tilt sind:

- verlorenes/mangelndes Selbstvertrauen

- schlechter Lauf

- Unsicherheit (ungewohntes Umfeld, neue Variante, unbekannte Spieler)

- zu hohes Limit (keine ausreichende Bankroll)

- neues Limit (Einsätze fühlen sich hoch an, ungewohnte Beträge, Verlustangst wegen höherer Einsätze)

- Gewinnabsicherung (kein Risiko mehr, um die positive Session nicht aufs Spiel zu setzen)

- Unbegründete Angst vor bestimmten Händen (schlechte Erfahrungen mit bestimmten Händen, Aberglaube)

Im Unterschied zum loose-aggressiven Tilt, der sehr offensichtlich und kaum zu übersehen ist, ist der tight-passive Tilt oft schwerer zu erkennen.

Im gleichen Maße kommt der loose-aggressive Tilt oft sehr kurz zum Einsatz, um sich quasi abzureagieren, während der tight-passive Tilt oft so dahinschleicht und sich unter Umständen ganz im Spiel festsetzt.

Gerade diese dauerhafte Komponente macht diesen Tilt so gefährlich und vor allem so teuer.

Das Gute an diesen beiden Tilt-Arten ist, dass sie meist mit der Typologie, dem Charakter eines Menschen einhergehen und daher leichter zu erkennen sind.

Es kann aber auch sein, dass jemand am Pokertisch eine Schattenseite seines sonstigen Charakters auslebt und von anderen nicht wieder zu erkennen ist.

2. Tilt-Komplex: Schönspielerei vs. ABC-Poker

Die zuvor, unter dem 1. Tilt-Komplex, beschriebenen Phänomene machen einen Großteil des Tilts aus, der an den Pokertischen vorkommt.

Darüber hinaus gibt es aber noch einige weitere, teils verwandte, teils komplett andersartige Formen des Tilt, die andere Ursachen haben.

Eher selten tritt der Tilt Schönspielerei (im Englischen auch als Fancy Play Syndrome bekannt) auf, es gibt aber Spieler, die regelmäßig bis dauernd davon befallen sind.

Schauen wir uns einige Ursachen an, die zu diesem oftmals sehr kostspieligen Tilt führen können:

-Allzu stark ausgeprägtes Selbstvertrauen (aufgrund eines guten Laufs; aufgrund einer Reihe geglückter verwegener Bluffs, die immer krudere Ausmaße annehmen)

-Stolz/Selbstverliebtheit (Versuch, vor allem beim Live-Poker, sich die Bewunderung der anderen Spieler am Tisch zu sichern)

-Versuch, den Erfolg zu erzwingen (Hintergrund sind anhaltend schlechte Karten, die dann für elaborierte Bluffs verwendet werden, die fast immer nur Geld kosten)

Wesentlich häufiger dagegen ist der Tilt ABC-Poker, der vor allem deshalb so gefährlich ist, weil viele Spieler chronisch darunter leiden, ohne es zu merken. Gerade heutzutage kann man sich angesichts der immer stärkeren Gegnerschaft diesen Tilt nicht mehr leisten, da er dauerhaft zu negativen Ergebnissen führt.  Auslöser dieses Tilts können sein:

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Nur wenige beherrschen die Schönspielerei wirklich.

-Unterschätzen der Gegner („Gegen die reicht auch ABC“)

-Mangelnde Konzentration (Surfen im Internet, Emails checken, Telefonieren, Fernsehen, Lesen, innere Unruhe, Sorgen etc.)

-Müdigkeit

-Langeweile

-Mangelnde Spielfreude

-Mangelndes Selbstvertrauen (neues Limit, unbekannte Gegner, übertriebener Drang, nichts falsch zu machen)

Vor allem vor dem ABC-Poker-Tilt sollte man als Online-Spieler Respekt haben. Spielt man regelmäßig oder gar täglich, kann es gut sein, dass sich allzu viel Routine ins Spiel einschleicht und man ein wenig die Inspiration verliert.

Von allen Tilts ist er auch am schwersten zu erkennen, da man „im Grunde nicht falsch macht“, und damit auch eine der gefährlichsten Formen überhaupt.

Während die Schönspielerei oft ein temporäres Phänomen ist, kann das ABC-Poker chronisch werden.

Aufgabe: Ordnen Sie die drei Tilts, die in Teil 2 beschrieben wurden, in die oben beschriebenen Rubriken ein. (Die richtigen Lösungen finden Sie im nächsten Teil.)

Natürlich kann es noch weitere Ursachen geben, die einen Spieler vom rechten Weg abbringen, doch sind dies vermutlich die häufigsten Auslöser von Tilt.

Wie wir im letzten Teil sehen werden, ist das Bewusstsein, welche Auslöser Tilt verursachen können, sehr wichtig, um diesen zu minimieren – denn auch hier gilt: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung!

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Die Tilt-Serie:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

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