Thomas Kremser - "Am Anfang überwog die Skepsis"

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Speerspitze und Ruhepol - Thomas Kremser.

Thomas Kremser war über sieben Saisons und 70 Stopps der European Poker Tour deren Turnierdirektor. Für Pokerlistings erinnert er sich an die gemeinsamen Planungen mit John Duthie, seine skurrilsten EPT-Momente und an das einzige Turnier, in dem er seine Souveränität verlor.

Wie alles begann

Ich war wohl einer der Ersten, die John Duthie damals vor elf Jahren ins Vertrauen gezogen hat. Er wollte quasi die WPT in Europa nachahmen, und mir erschien das folgerichtig.

Ich hatte gerade - nach zehn Jahren - das Concord Casino verlassen und war auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

Wir haben dann quasi beide unsere Verbindungen genutzt. Dann kamen lange Gespräche mit den beiden möglichen Sponsoren, PokerStars und PartyPoker (in denen dann PokerStars das größere Interesse zeigte), sowie die Wahl der ersten Locations.

Uns war natürlich überhaupt nicht klar, ob das funktionieren konnte. Am Anfang überwog wohl bei allen Beteiligten die Skepsis.

Die erste EPT in Barcelona

Mit dem Casino war ich schon bekannt. Ich hatte dort bereits Dealer-Kurse und ein paar internationale Turniere organisiert. Und irgendwie hatte ich einfach ein gutes Gefühl. Wir hatten auch erst drei oder vier weitere Stopps klar gemacht und wussten gar nicht, wohin das Ganze führen soll.

Aber London, als zweite Station war schon ein klarer Erfolg. Und spätestens in Wien, im März 2005 waren wir etabliert.

Interessant war, dass ja zum Beispiel Barcelona gar keine eigene Spielerbasis besaß. Dort tauchten dann auch nur die üblichen Verdächtigen auf, die man eh schon von den anderen Turnieren in Europa kannte.

Allerdings war auch für die neu, dass Duthie, PokerStars und ich uns für eine TV-Übertragung entschieden hatten. Viele protestierten und wollten beim Spielen partout nicht gefilmt werden. Letztlich haben wir uns jedoch durchgesetzt.

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Chipschaos nach dem Raubüberfall in Berlin.

Die kritischste Situation:

War mit Sicherheit die Situation nach dem Raubüberfall in Berlin. Da waren vorher fünf Turniere mit insgesamt 60 Tischen am Laufen. Es herrschte das pure Chaos.

In den Side Events waren Tische umgeworfen worden, manche Spieler hatten die Situation zu ihren Gunsten ausgenutzt und  Chips gestohlen, und im Main Event, wo es um einen gewaltigen Siegerscheck von einer Million Euro ging, waren bei noch drei Tischen eine Menge Chips durcheinander gekommen.

Wenn diese sieben EPT-Jahre als Turnierleiter also so etwas wie mein Studium waren, dann war dieser Tag mit Sicherheit meine Doktorarbeit. Da bin ich heute noch stolz drauf, dass wir die Situation in den Griff bekommen haben. Und ich war da als Speerspitze und Ruhepol ganz vorn mit dabei.

Fehler

Ich bedaure wirklich wenig. Es war ein sehr enthusiastisches Projekt für jeden in der Pokerszene, und ich hatte das Glück, von Anfang an dabei gewesen zu sein. Aber wenn überhaupt etwas bedauere, dann dass ich am Anfang viel zu viel selber gemacht habe und zu wenig Aufgaben delegiert habe.

Ich wollte immer mehr als 100 Prozent geben. Aber das hat mich sehr viel Kraft gekostet und in die Abläufe insgesamt auch sehr viel Unproduktivität hereingebracht. Wenn ich das Rad zurückdrehen könnte, würde ich mit dem Delegieren etwas früher beginnen.

Das Ende der Souveränität

Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich erst in meinem allerletzten Turnier ein bisschen die Fassung verloren habe. Es war das Grand Final in Madrid und der Venezolaner Ivan Freitez wollte mit dem Angleshooting einfach nicht aufhören.

Ich bin eigentlich vom Naturell her sehr ruhig und besonnen, und die Beherrschung hatte ich vorher immer nur dann verloren, wenn es Zuschauer einfach nicht begreifen wollten, dass sie die Spielerzone einfach nicht zu betreten haben.

Bei Ivan Freitez war es dann die Kombination aus dem Grad der Unfairness und die permanente Wiederholung desselben schmutzigen Moves. Die heftige Reaktion kam dann bei mir aus der Tiefe der Magengrube.



Lieblingsspieler

Bei all den Beobachtungen an und neben den Tischen ist mir ein Spieler ganz besonders positiv im Gedächtnis geblieben. Es handelt sich dabei um den Schweden Christer Johansson, der eine Zeitlang bei fast jeder EPT dabei war.

Johansson war immer sehr freundlich, sehr nett und sehr symphatisch. Dabei war er ebenso intelligent, wie fair am Pokertisch. Und dabei trotzdem sehr erfolgreich. Wann immer ich mich als Spieler vorgestellt habe, war ich so wie er.

Der zweite Spieler an den ich mich sehr gern erinnere, ist Antonio Esfandiari. Ein ausgezeichneter Spieler und dabei immer eine Stimmungskanone am Tisch. Wenn der seine Geschichten und Witze erzählte, war immer eine besondere Atmosphäre am Tisch.

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Antonio Esfandiari gehört zu den angenehmsten Spielern.

Lieblingslocation

An erster Position steht tatsächlich Barcelona. Es ist eine wunderbare Stadt, es hat Strand und schönes Wetter und ich verbinde meine ersten Schritte in die Live Pokerszene mit dem Casino.

Die zweite Lieblingsstation war für mich immer Prag. Ich konnte mit dem Auto fahren und musste nicht fliegen. Und es ist alles in einem Komplex.

Man wohnt im Hilton, man feiert im Hilton, man isst im Hilton und man spielt oder arbeitet dort. Für einen Vielreisenden wie mich die optimalen Arbeitsbedingungen.

Die beste Player-Party:

Um ehrlich zu sein, ich war in sieben Jahren auf keiner einzigen. Ich musste immer arbeiten.

Der kurioseste Moment:

Zum einen während der EPT in Kiew, die kurzfristig für die abgesagte EPT Moskau angesetzt worden war. Da spielten wir in einer alten und heruntergekommenen Olympiahalle.

Und natürlich fiel irgendwann im ganzen Viertel der Strom aus.

Da war es mitten im Main Event stockdunkel. Aber da hat sich dann eben auch die Solidarität der Poker-Community gezeigt.

Vier Kamerateams stellten ihre Lampen zur Verfügung und alle haben mit ihren Handylampen geholfen die Situation ordentlich über die Bühne zu bekommen.

Den zweiten kuriosen Moment erlebte ich während der EPT Barcelona 2006. Das Turnier war so überrannt, dass wir bei einem Heads Up-Event sieben Spielerpaare an einen extra dafür hergestellten Heads-up-Tisch quetschen mussten.

Die Spieler zahlten trotzdem ihre €5.000 und mussten dort eine Zeitlang sitzen wie die Ölsardinen.

Die richtige Entscheidung?

Vermissen tue ich eigentlich nichts. Ich habe ja selbst entschieden am Ende aufzuhören. Ich bin immer noch froh dieser wunderbaren Turnierserie meinen Stempel aufgedrückt zu haben.

Aber das Ganze hat eben am Ende auch eine Menge Kraft gekostet. Es überwiegt also eher die Freude wieder ein bisschen mehr Zeit für mich zu haben.

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