Studie - Online-Poker macht mürrisch und einsam?

drhouse

Das ist das Ergebnis einer Studie zweier amerikanischer Psychologen, die herausfinden wollten, ob Online-Pokerspieler sich hinsichtlich Charakter und Persönlichkeit vom Durchschnittsbürger unterscheiden - und ob Winning Player anders gestrickt sind als Verlierer.

Für ihre Poker Personality Study fertigten Paul Fayngersh (Binghampton University) und Mark Kizelshteyn (Washington University) einen Fragebogen an, den sie dann in zwei großen Pokerforen (2+2 und DeucesCracked) veröffentlichten. Alle Kandidaten nahmen also aus Interesse und nicht aus finanziellen Gründen an der Untersuchung teil.

Die Studie

Der Fragebogen war in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten wurden die so genannten „Big Five" untersucht, also die fünf grundlegenden Faktoren, die die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen. Es würde hier zu weit führen, diese - Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Rigidität - näher zu beleuchten, aber wer sich für die psychologische Dimension der Persönlichkeit interessiert, findet in der Wikipedia mehr über die Big Five.

Im zweiten Teil wurden allgemeine Fragen zu Geschlecht, Alter, Geburtsdatum usw. gestellt. Hinzu kamen Fragen zur Selbsteinschätzung wie z. B. „Sind Sie eine aggressiver Mensch?" oder „Sind Sie ein aggressiver Pokerspieler?". Beantwortet wurden die Fragen, indem die Teilnehmer sich auf einer Skala von 1-5 selbst bewerteten.

Der dritte und letzte Teil der Studie beschäftigte sich mit der Spielweise der Kandidaten. Gefragt wurde danach, wie lange und wie hoch die Spieler spielten, welche Varianten, live oder online, mit oder ohne Tracking Software und ob man dem Spiel professionell, semi-professionell oder nur spaßeshalber nachging. 73 Spieler nahmen an der Studie teil.

 

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Computer-Nerd - introvertiert, misstrauisch, unfreundlich?

Die Ergebnisse

Online-Spieler erzielten besonders niedrige Werte in den Bereichen Extraversion, Verträglichkeit und Rigidität. In verständlichem Deutsch ausgedrückt heißt das, sie sind eher introvertiert (was an sich ja nichts Schlechtes ist), haben nur das eigene Interesse im Blick, kümmern sich nicht um andere und sind generell misstrauisch, unfreundlich und nicht kooperativ. Außerdem fällt es ihnen schwer, Ziele zu formulieren und sich zu motivieren, Aufgaben zu erfüllen.

Besieht man sich den Umgangston, wie er häufig in deutschen Foren oder in den Kommentaren zu Artikeln gewisser Pokernachrichtenportale vorherrscht, scheinen diese Ergebnisse nicht ganz von der Hand zu weisen.

6-max Spieler erzielten in diesen Kategorien noch weniger Punkte als Full-Ring-Spieler. Wo also ein zusätzliches Plus an Aggression gefragt ist, leidet die soziale Kompetenz in gesteigertem Maß. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen „Profis" und „Semi-Profis" im Vergleich zu „Amateuren".

Das ist vor allem aus psychologischer Sicht interessant. Aus pokertechnischer Sicht sind vor allem die letzten beiden Ergebnisse von größter Relevanz:

1. Aggressivität wird häufig mit Looseness verwechselt. Je höher und professioneller die Kandidaten spielten, desto höher schätzten sie auch ihre eigene Aggressivität ein. Es ließ sich zwar ein Zusammenhang zu den VP$IP- und PFR-Werten feststellen, aber nicht zu den für die Aggressivität eigentlich entscheidenden Werte AF und WTSD). Wer sich als besonders aggressiv einschätzte, erwies sich in der Studie als besonders loose, während Kandidaten, die sich gegenteilig bewerteten, höhere Aggressivitätsfaktoren aufwiesen. Fazit: Aggressivität wird überschätzt!

2. Erfolg steht vor allem mit zwei Faktoren in Verbindung: Alter und Kontrolle. Die allgemeine Ansicht, dass die jungen Internet-Kids die Szene geradezu überrennen und in kürzester Zeit enorme Gewinne erspielen können, bestätigt sich. Das gilt unabhängig von der gesammelten Erfahrung. Offenbar sind junge Spieler besser in der Lage, gängige Strategien zu übernehmen oder der Entwicklung sogar voraus zu sein. Außerdem fällt es sprichwörtlich dem alten Hund einfach schwerer, noch einmal neue Tricks zu lernen.

Kontrolle über die eigenen Emotionen ist für die Gewinnrate von höchster Bedeutung. Hier haben die älteren Spieler Vorteile. Wer sich von negativen Gefühlen nicht beeinflussen lässt, erzielt deutlich höher Gewinnraten. Frustration, Ärger, Selbstzerstörungssucht und letztlich „Tilt" führen zu irrationalem, schlechtem Spiel und damit zu Verlusten. „Tilt Control" unterscheidet die guten von den sehr guten Spielern, was anhand dieser Studie erstmals empirisch belegt werden konnte.

Abkürzungen:

VP$IP: „voluntarily put money in the pot" - beschreibt die Bereitschaft des Spielers, in eine Hand einzusteigen.
PFR: „pre-Flop Raise"
AF: „Aggression Factor" - errechnet sich aus der Frequenz aller Bets, Raises und Calls
WTSD: „Went to Showdown"

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