Shot Clocks sind nichts für Poker, kommen aber trotzdem

Jordan Cristos
Jordan Cristos.

Die kürzliche Twitter-Diskussion zwischen Daniel Negreanu und Jordan Cristos gibt uns einen Einblick in die Zukunft von Turnierpoker, der uns nicht unbedingt gefallen kann.

Wenn Sie mit Ihren Kumpels im Homegame sitzen, ist dann immer einer dabei, der grundsätzlich bei jeder Hand und in jeder Setzrunde so lange zögert, bis Sie gerne über den Tisch greifen und ihn schütteln würden?

Wahrscheinlich nicht. Und warum nicht? Weil jeder weiß, dass das unhöflich ist, weil es alle nerven würde, und weil ihm die anderen sehr schnell klar machen würden, dass es so nicht geht.

Man nennt das gesunden Menschenverstand. Man muss sich ja nur mal überlegen, was passieren würde, wenn zwei oder drei Spieler m Tisch so handeln würden.

Nach ziemlich kurzer Zeit hätten die anderen keine Lust mehr, und die Partie würde abgebrochen. Das so genannte „Tanking“ würde die Partie ruinieren.

„Tanking“ als Strategie

Es ist in Poker aber grundsätzlich so, dass Spieler versuchen, sich jeden erdenklichen Vorteil zu verschaffen. Und wenn man seinen Gegner wahnsinnig machen kann, hat man einen Vorteil.

Erinnern Sie sich noch, wie Jamie Gold damals 2006 durch den WSOP Main Event stürmte? Sehen Sie sich mal diesen YouTube-Clip an. Wenn sie ihn ganz durchhalten, sind Sie übrigens immun gegen Tilt.

Oder denken Sie an Lucien Cohen, den „Rat Man“ mit der Plastikratte aus Frankreich, der 2011 die EPT in Deauville gewann.

Hier sehen Sie ihn bei seinen persönlichen Siegesfeierlichkeiten direkt nach dem Turniersieg. Man erhält eine Ahnung davon, wie es war, ihn an seinem Tisch zu haben.

Aber die Art und Weise, wie Gold seine Gegenspieler manipuliert hat, wie er sie zu Calls bewegte, wenn er die Nuts hielt, und zum Folden brachte, wenn er bluffte, war sehr subtil und rückblickend gesehen auch ziemlich brillant. Vielleicht nervtötend, aber brillant.

Cohen war am Tisch alles andere als subtil. Er ging einfach allen auf die Nerven. Bis heute hält sich das Gerücht, dass die anderen Spieler nur ausgeschieden sind, weil sie es nicht mehr aushielten. – Kleiner Scherz.

Aber in jedem Fall hat man einen persönlichen Vorteil davon, wenn der Gegner auf Tilt ist, und inzwischen haben die Spieler gemerkt, dass man eine gewisse Begabung benötigt, um auf so verstörende Art ärgerlich zu sein wie Jamie Gold, und das nicht jeder eine Persönlichkeit haben kann wie Lucien Cohen.

Jamie Gold
Jamie Gold brachte seine Gegner erfolgreich aus der Fassung.

Und sie haben festgestellt, dass man fast denselben Effekt erzielen kann, wenn man einfach gar nichts tut.

Und darum ging es auch in der Unterhaltung zwischen Daniel Negreanu und Jordan Cristos. Cristos gehört zu den wenigen Spielern, die offen zugeben, das Spielverzögerung zu ihrer Strategie gehört, was – wie Negreanu in seinem Blog schreibt – zunächst mal auch sein gutes Recht ist.

Es gibt keine Regel, die das untersagt, und funktionieren tut es auch – zumindest bei mir. Das Spiel zu verzögern ist extrem effizient.

Aber der gesunde Menschenverstand  sagt uns, dass das nicht nur schlechtes Benehmen wäre, sondern auch das Spiel zerstört, wenn zu viele Spieler so handeln.

Der gesunde Menschenverstand

Wenn alle so spielen würden wie Jordan Cristos, würde Turnierpoker aufhören zu existieren. Daniel Negreanu.

Leider setzt sich der gesunde Menschenverstand nicht immer durch. Eigentlich sogar ziemlich selten. Wenn die Fußball-WM an ein Wüstenland vergeben wird, wo es im Sommer über 50° heiß wird, war dann da gesunder Menschenverstand im Spiel? Oder Geld?

Wenn das einzige Land, das jemals von einem Atomschlag betroffen war, später zu einem der Länder mit den meisten Atomkraftwerken wird, regiert dann dort der gesunde Menschenverstand? Oder das Geld?

Und wenn jemand bestimmt, dass die letzten neun Spieler eines riesigen Pokerturniers vor dem Finaltag jetzt aber erstmal vier Monate Pause brauchen, spricht dann aus ihm der gesunde Menschenverstand?

Und beim Poker bedeutet ein Vorteil eben auch Geld. Also wird die Zahl der Zögernden steigen, weil sie sich etwas davon versprechen.

daniel negreanu3
Ausgesprochener Gegner des "Tanking" - Daniel Negreanu.

Man kann das bereits beobachten. In Live-Turnieren haben zunehmend mehr Spieler Tablets dabei und vertreiben sich die Zeit mit Chinese Poker oder sonst was.

Das gefällt mir nicht besonders, aber es überrascht mich auch nicht. Es kann am Tisch wirklich langweilig werden.

Spielverzögerung live und online

Noch vor ein paar Jahren reichten 10.000 Dollar Startgeld aus, um sich auch die Konzentration von Profis zu sichern. Heute muss es ja schon verboten werden, ständig am Handy rumzuhängen, weil das sonst überhandnimmt.

Setzen Sie sich doch heute Abend mal in ein paar Online-Turniere bei Ihrem Lieblings-Anbieter, wer das auch immer ist.

Spielern Sie ein paar Turniere, Sie werden sehen, dass wahrscheinlich mindestens einer von den Spielverzögerern an Ihrem Tisch sitzt.

Was glauben Sie, wie lange man durchschnittlich benötigt, um online eine Entscheidung für einen Spielzug zu treffen? Fünf Sekunden, vielleicht sechs?

Wenn dem so wäre, gäbe es niemanden, der mehr als zehn bzw. zwölf Tische simultan spielen kann. Gibt es aber.

Es ist möglich, weil die durchschnittliche Bedenkzeit durch das „Tanking“ wächst.

Es ist übrigens gar nicht notwendig, dass die Mehrheit der Spieler sich so verhält. Es reichen immer ein paar aus einer Gruppe, um den Ruf aller zu diskreditieren.

Natürlich kann man sich wehren und „Clock“ rufen. Aber ganz ehrlich, die meisten Spieler sind einfach viel zu höflich, um ständig den Floorman zu rufen, oder zumindest so oft, dass der Übeltäter versteht.

Sie denken so wie Amit Makhija:



Was also wird passieren? Welches ist das einzige Werkzeug, mit dem man die Verzögerungen wirksam abstellen kann? Die Shot Clock.

Obwohl sie durchaus Befürworter hat, könnte die Shot Clock aber mehr schaden als nutzen. Zahllose Spieler würden sich gar nicht mehr an die Live-Tische trauen, der Nachwuchs könnte gefährdet sein.

Aber der Mensch ist sich selbst der Nächste, und er neigt zu kurzfristigem Denken. Die Spielverzögerungen werden erst enden, wenn die Shot Clock eingeführt wird.

Aber vielleicht setzt ja dann ein Umdenken ein.

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