Regulierung schützt vor Dummheit nicht, und Phlegma nicht vor Fortschritt

Patrik Selin
Bodog CEO Patrik Selin hat die Lage besser erkannt als andere.

Warum eine gesetzliche Regelung das Full Tilt Fiasko nicht verhindert hätte – und wie sich die Katastrophe günstig auf Online-Poker in Deutschland auswirken kann.

Jetzt rufen sie es von allen Dächern: „Regulierung muss her, Regulierung muss her!“ Greg Raymer forderte sie auf CNN, Malcom Graham von PKR und Norbert Teufelberger von Bwin/PartyGaming äußerten sich öffentlich auf ähnliche Weise während des EiG (European iGaming) Kongress in Mailand.

Nichts gegen Greg Raymer, er ist ein wirklich herausragender Botschafter für Poker, und auch nichts gegen die CEOs der Pokerräume, aber das erscheint doch ein bisschen naiv.

Mal ehrlich, was hätte eine Regulierung denn in diesem Fall gebracht? Wenn Kriminelle die Bankkonten ihrer eigenen Firma plündern, hat das nichts mit Regulierung oder jedweder Gesetzgebung zu tun. Patrik Selin von Bodog war der Einzige, der in Mailand darauf hinwies, dass Full Tilt mit gültigen Lizenzen von Alderney und Frankreich operiert hat, bis es zur Implosion kam. Genau wie viele andere Pokerräume.

Falls Sie es vergessen haben: In der unendlichen Anhörung zwischen der AGCC und FTP in London geht es nicht um Veruntreuung von Spielergeldern, sondern einzig um die Lizenzvergabe. Die Frage, ob FTP ein Pyramidenspiel war und seine Spieler betrogen hat, spielt für die Anhörung keine Rolle. Wenn jemand wegen zu schnellen Fahrens vor Gericht steht, ist es ja auch nicht wichtig, ob er nebenher als Urkundenfälscher arbeitet, selbst wenn sich das während der Verhandlung herausstellt.

Greg Raymer
Greg Raymer - "Regulierung muss sein." - Reicht aber nicht.

FTP operierte in derselben rechtlichen Grauzone wie PokerStars und Absolute Poker, die gemeinsam ins Visier des Justizministeriums und des FBI gerieten. Und PokerStars ist aus der Affäre bisher relativ unbeschadet hervorgegangen – soweit man dass von einem Unternehmen sagen kann, dessen Führungsspitze vom FBI gesucht wird.

Das soll nicht heißen, dass die amerikanische Justiz mit dem Absturz von FTP nichts zu tun hatte. Gäbe es in den USA nicht diesen unseligen Kampf gegen Online-Poker bzw. gegen die damit verbundenen Online-Geldtransfers, würden die Karten auch bei FTP heute noch über die Tische fliegen.

Aber es war FTP, wo man die selten ungeschickte Entscheidung traf, Spielern Gelder in Millionenhöhe auf ihre Accounts zu überweisen, die man dann gar nicht von deren Bankkonten einziehen konnte. Es war FTP, wo man nicht erkannte, dass mit dem UIGEA auf Dauer nicht zu spaßen ist und dass man irgendwann durchgreifen würde.

Derartige Entscheidungen lassen sich nicht durch Gesetze verhindern, zumal sie ja gar nicht mit der Gesetzgebung in Einklang stehen. In den USA ist Online-Poker durch das Verhalten von FTP ein immenser Schaden entstanden. Immerhin handelte es sich um den zweitgrößten Anbieter, der sich bemühte, durch zahlreiche Promotionen, Fernsehwerbung und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu dringen.

So merkwürdig es klingt: Obwohl die europäische Pokerszene genauso betroffen ist wie die amerikanische, könnte sich die Tatenlosigkeit der Politik gerade in Deutschland ausnahmsweise als Glücksfall erweisen. Hierzulande hat Online-Poker nämlich noch immer einen Status wie ein Orchideenfach in der Oberstufe: irgendwie interessant, aber eigentlich völlig wertlos, und nach dem Abi redet kein Mensch mehr darüber.

Am Ende könnte sich die Entwicklung in Deutschland ins Gegenteil verkehren. Man stelle sich nur vor, das Schleswig-Holstein mit seinem Gesetzesvorstoß den Stein für eine Regulierung ins Rollen gebracht hat, Pius Heinz die WSOP gewinnt und FTP zurückkehrt – ein großer Teil der Spieler hat bereits angekündigt, in diesem Fall wieder bei FTP zu spielen.

Es könnte sogar der Beginn eines neuen Booms sein.

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Dirk 2011-09-29 03:23:44

Nö.

Mit Sachsen schert inzwischen das zweite Bundesland aus.

Aus Cardplayer:
“Furthermore, we believe the state of Saxony could likely break away from the 15 Lander and follow a more pro-online gambling stance similar to that of Schleswig-Holstein, which would put further pressure on the remaining Lander in our view.”

Vergleiche hier:
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/FDP-will-Online-Poker-erlauben-artikel7770725-1.php

Huppat 2011-09-29 02:01:10

falsch gedacht
http://www.cardplayer.com/poker-news/12072-german-states-may-ban-online-poker