Rainer raist – Schafft die HUDs ab

Tracking Software

Untrennbar verbunden mit der Geschichte des Online-Poker sind die Tracking Softwares. In ihrer Anfangszeit war nur ein exklusiver Kreis weniger Spieler mit ihnen vertraut, doch die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage werden PokerTracker und Hold’em Manager längst nicht mehr nur von Profis verwendet, sondern fast jeder Amateur lässt sie während des Spielens laufen. Das hat positive und negative Konsequenzen, die wir uns in der Folge genauer anschauen wollen.

Die genannten Tracking-Softwares bieten dem jeweiligen Spieler große Vorteile und haben beträchtlich an der Verbesserung des allgemeinen Niveaus gesorgt. Unterm Strich besteht ihr Nutzen aus drei wesentlichen Punkten:

1. Analyse des eigenen Spiels

2. Analyse des gegnerischen Spiels samt Live-Anzeige (englisch Heads-Up Display oder kurz HUD)

3. Buchhaltung

Am wichtigsten überhaupt – und das wird von vielen Spielern unterschätzt – ist Punkt 3, die Buchhaltung. Dank ihrer kann man über einen langen Zeitraum die Anzahl der gespielten Stunden, die Gewinnraten und vieles mehr überprüfen – Informationen von unschätzbarem Wert.

Pokeroffice
Eine moderne Tracking Software zeigt dem Spieler alle erdenklichen Statistiken an.

Ebenfalls sehr wichtig ist Punkt 1, die Analyse des eigenen Spiels. Mit ihr kann man erkennen, wie bestimmte Hände in bestimmten Situationen abschneiden, an seinen Spektren feilen und seine Gesamtstrategie überprüfen und optimieren. Dieser Punkt hat in Verbindung mit Simulations-Softwares wie Flopzilla entscheidend zur extremen Verbesserung des allgemeinen Pokerniveaus beigetragen.

Bleibt Punkt 2, die Analyse des gegnerischen Spiels samt Live-Anzeige (HUD) und damit der springende Punkt. Geradezu legendär ist in diesem Kontext die komplette Durchleuchtung des PLO-Spiels von Viktor Isildur1 Blom durch Brian Hastings, Cole South und Brian Townsend, die sich 2009 während Bloms Upswing gegenseitig mit dem Austausch von Hand Histories einen Vorteil verschafften und Bloms Spiel praktisch ausanalysierten. Anschließend erleichterten sie den jungen Schweden um seine gesamten Gewinne.

Ob mit sauberen oder unlauteren Mitteln – die Präparation der Standard-Gegner ist in gewissen Online-Gewichtsklassen  längst zur Normalität geworden, man kann also davon ausgehen, dass das Spiel eines Spielers wie Blom heute von den meisten Highstakes-Rivalen sehr gut durchleuchtet ist.

So weit, so gut. Bis hierhin gibt es außer der (angeblichen) Collusion von Hastings & Co. nichts zu beanstanden. Wie in anderen Denksportarten wie Schach bereitet sich die Elite auf ihre konkrete Gegnerschaft vor und arbeitet kontinuierlich an ihrem Spiel.

Doch damit ist es leider nicht genug, denn bei fast jedem Anbieter von Online-Poker haben die Spieler die Möglichkeit, sich ihre gesammelten Informationen ausgewertet und in persönlicher Zusammenstellung live während des Spielens auf dem Bildschirm (mit einem sogenannten Heads-Up Display) anzeigen zu lassen.

HUD
Alle wertvollen Informationen können mithilfe des HUDs an den Tisch projeziert werden und es ordnet diese dem entsprechenden Spieler zu.

Der Sinn dieser Informationen ist einfach zu verstehen und recht leicht umzusetzen. Selbst wenn man sich mit einem anderen Spieler nicht näher beschäftigt hat, sind die Angaben über ihn – ab einem gewissen Stichprobenumfang – so ergiebig, dass sich daraus im Extremfall der richtige Spielzug ableiten lässt.  Dazu ein simples Beispiel. Spieler A raist mit AK aus früher Position und wird von Spieler B in mittlerer Position gereraist. A hat von B 1.700 Hände gesammelt und in diesen hat B noch nie vor dem Flop gereraist. Seine Range ist daher so stark, dass A bequem folden und viel Geld sparen kann.

Grundsätzlich ist gegen As guten Fold natürlich nichts einzuwenden, doch hat letztlich nicht er ihn gemacht, sondern seine Software. Hätte er Spieler Bs Spiel länger analysiert oder sich daran erinnert, wie tight dieser spielt, würde man einfach den Hut ziehen und ihm Respekt zollen.

So aber hat eine Software ihm die Arbeit abgenommen und damit das, was man beim Livepoker einen Read nennt. Reads gehören zu (gutem) Poker wie das Salz zur Suppe, daher sollte man die HUDs abschaffen. Sie beseitigen ein zentrales Element des Pokerspiels und sorgen letztlich nur dafür, dass ein Spieler mehr Tische gleichzeitig spielen kann. Das ist gut für die Industrie (und vielleicht für den Spieler), aber nicht gut für das Pokerspiel!

Es wäre deshalb wünschenswert, wenn die Anbieter einen Schritt zurückgingen und die HUDs abschafften. Tracking-Softwares sorgen für ein hohes Niveau, aber das selbständige Denken sollte am Pokertisch vollständig gefordert sein.

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DerDavid 2014-08-09 23:32:10

Klasse Beitrag!!!

Ich sehe das genauso. Poker ist und bleibt ein livespiel! Dazu gehört auch das Abtasten und Tisch-Image-erarbeiten/interpretieren.

Der psychologische Aspekt, der mich so an dem Spiel reizt geht immer weiter verloren. Und es gewinnt zwangsläufig der, der die bessere software hat/ der besser damit umgehen kann - und das finde ich sehr schade.

Die eigentlich schöne, recht einfache und doch so komplexe nlhe variante des Poker wird meiner Meinung nach zu stark technologisiert. Und das schadet dem Spiel.