Rainer raist – Lettau jubelt, der Rest jault

Andre Lettau jubelt nach seinem Sieg bei der EPT Barcelona

Rainer Vollmar ist seit Jahren als Redakteur in der deutschen Pokerszene unterwegs. Er verfolgt die Entwicklungen beim Live- und Onlinepoker ganz genau, übersetzt Pokerbücher und verfügt daher über ein großes Wissen und sehr gutes Spielverständnis. Allwöchentlich analysiert er auf PokerZeit.com die „Hand der Woche“ für euch. In seiner Kolumne „Rainer raist“ versucht er die Geschichten hinter den Geschichten die Poker schreibt zu finden und diese von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten.

Die hundertste EPT in Barcelona wird man in der Pokerwelt so schnell nicht vergessen. Neben einem sensationellen Ansturm und gleich mehreren Teilnehmerrekorden wird auch der Jubiläumssieger im Gedächtnis haften bleiben. André Dönig Lettau holte nach Sebastian Ruthenberg und Martin Schleich einen weiteren deutschen Sieg in Barcelona, doch im Anschluss musste er viel Kritik einstecken.

Gleich vielfältige Vorwürfe prasselten auf den erfolgreichen Onlinespieler nieder, der hier zum ersten Mal auf großer Live-Bühne zu sehen war. Er habe zu ausgelassen gejubelt und damit seine Gegner brüskiert, er habe sich bei den Deal-Verhandlungen unangemessen benommen und zu allem Überfluss habe er auch in den Siegerinterviews eine schlechte Figur abgegeben, z.B. weil er darin bemerkte, dass er wegen des frühen Aufstehens ganz bestimmt kein EPT-Turnier mehr spielen werde.

Aus allen Richtungen kamen die Angriffe, bevor sich Lettau schließlich bei den Kollegen von pokermagazin.at exklusiv entschuldigte und einige Dinge zurecht zu rücken versuchte. Die wichtigsten Auszüge gibt es hier. 

Wer den Finaltisch im Livestream verfolgt hat, wird – ohne allzu schwarz-rot-gold gefärbte Brille – bestätigen müssen, dass sich ein sympathischer EPT-Sieger definitiv anders verhält. Ganz offensichtlich stand Lettau so extrem unter Strom (von anderen Einflüssen wollen wir im Gegensatz zum englischen Live-Kommentator Joe Stapleton nicht ausgehen), dass er die unausgesprochenen Regeln, die unter dem Begriff Pokeretikette subsummiert werden, gleich mehrfach verletzte. Dem werden nur die wenigsten Pokerfans widersprechen, und Lettaus Apologie bei den österreichischen Kollegen spricht Bände, dass er das selbst nicht völlig anders sieht.

Andre Lettau
Andre Lettau in seiner Lieblingspose am Tisch.

Lettaus Auftritt kommt jedoch zu einem interessanten Zeitpunkt. Gerade mal drei Wochen ist es her, dass Daniel Colmans Auftritt beim Big One for One Drop ähnlich große Verwunderung auslöste wie der von Lettau in Barcelona. Paradoxerweise warfen die (vermutlich selben) Kritiker (auch ich gehörte dazu) dem Poker-Wunderkind Daniel Colman das komplette Gegenteil von Lettau vor, nämlich sich zu wenig zu freuen und überhaupt keine Interviews zu geben.

Auf den ersten Blick könnte die Kritik an Lettau in diesem Licht unberechtigt erscheinen. Den Vorwurf, er habe sich nicht gefreut und keine Interviews gegeben, kann man ihm nun wirklich nicht machen. Und dennoch liegen die Kritiker auch in diesem Fall richtig, denn das Verhalten beider Spieler hatte nur ein Positives – es sorgte für eine öffentliche Diskussion in der Szene.

Und trotzdem. André Lettau sollte seine – angeblich scherzhafte – Ankündigung, nie mehr ein EPT-Turnier zu spielen, zurückziehen und noch ganz oft an EPTs teilnehmen. Er ist ein Sieger, der sich freuen kann, und „ganz nebenbei“ jemand, der – im Unterschied zu einigen Kontrahenten am Finaltisch von Barcelona, der ein enttäuschendes Niveau zu bieten hatte – richtig gut pokert.

Jeder Onlinespieler weiß, dass die Umstellung zum Live-Poker nicht ganz einfach ist und man Erfahrungen sammeln muss. Falls Lettau noch einmal am Finaltisch landet, kann er zeigen, dass er etwas dazu gelernt hat und seine Emotionen besser kanalisieren.

Gelingt ihm das nicht, kann er seine Live-Karriere immer noch beenden.

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