Rainer raist – Emotionen verboten – warum nur?

Hevad Khan

Rainer Vollmar ist seit Jahren als Redakteur in der deutschen Pokerszene unterwegs. Er verfolgt die Entwicklungen beim Live- und Onlinepoker ganz genau, übersetzt Pokerbücher und verfügt daher über ein großes Wissen und sehr gutes Spielverständnis. Allwöchentlich analysiert er auf PokerZeit.com die „Hand der Woche“ für euch. In seiner Kolumne „Rainer raist“ versucht er die Geschichten hinter den Geschichten die Poker schreibt zu finden und diese von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten.

In dieser Woche strahlte der amerikanische Sender ESPN die letzten Folgen der Aufzeichnung des Big One for One Drop aus.

Zur besten Sendezeit erlebten die Zuschauer vor den Bildschirmen, was mit den Emotionen eines 23-jährigen Pokerspielers passiert, wenn er bei einem Turnier eine Siegprämie von über 15 Millionen Dollar gewinnt. Gar nichts.

So sieht jemand aus, der gerade 15,3 Millionen Dollar gewonnen hat: 

Selbst pokerferne amerikanische Medien haben das Thema aufgegriffen und begreifen nicht, wie ein junger Mann einen unvorstellbaren Triumph feiert und dabei keine Miene verzieht.

Da man Daniel Colmans Statement zu seiner generellen Ablehnung, mit den Medien zu sprechen, in der Pokerwelt bereits kannte, sind die Bilder aus Las Vegas für Pokerfans nicht so erschütternd wie für Uneingeweihte, sie werfen aber dennoch eine Frage auf:

Warum tun sich Pokerspieler so schwer, ihre Emotionen zu zeigen?

Colman ist nämlich beileibe kein Einzelfall und wenn man sich in Folge 5 des Big One for One Drop (bei Minute 26:40) anschaut, wie Christoph Vogelsang sich fast seiner Freude zu schämen scheint, nachdem er einen 34-Millionen-Chips-Pot gegen Rick Salomon gewonnen hat, weiß man, in welcher Klemme Pokerspieler stecken.

Hevad Khan
Hevad Khan tanzte beim WSOP Main Event 2007 noch um den Tisch.

Zugegeben, Colmans finsteres Gesicht nach dem Sieg beim Big One ist selbst für Pokerspieler außergewöhnlich, denn sobald der letzte Pot entschieden ist, bricht beim Sieger dann doch meist große und vor allem sichtbare Freude aus. Davon zeugen etliche Siegerbilder, die geschossen wurden.

Am Tisch selbst aber werden Emotionen so gut verborgen, dass man fast das Gefühl haben könnte, sie wären verboten oder würden gegen die Etikette verstoßen.

Natürlich verbietet es der Respekt vor dem Gegner, bei einem bösen Suckout lauthals in Jubel auszubrechen, aber warum soll man nicht wie ein Fußballspieler nach einem Torerfolg mitten in einem Turnier sich und seinen Gegnern zeigen, dass man sich über eine gelungene Hand, über einen fetten Pot, über seine gestiegenen Gewinnchancen usw. freut?

Früher ließen Spieler wie Hevad Khan ihren Emotionen freien Lauf:

Verlangt wird bestimmt kein zweiter Filippo Candio (übertrieben), oder Andrew Feldman (Drogen?):

aber etwas weniger Abgeklärtheit und etwas mehr Menschlichkeit würden dem Pokerspiel und dessen Popularität gut tun.

Roger Millas Torjubel mit der Eckfahne bei der Fußball-WM ist bis heute unvergessen und war geradezu stilbildend.

Roger Milla Torjubel Eckfahne
Roger Millas Torjubel ist bis heute unvergessen.

Freude schafft Identifikation (zumindest mit den eigenen Fans) und ist sympathisch, wenn sie nicht auf Kosten anderer geht.

Freude zeigt, dass etwas wichtig ist, dass es bei der Sache, die man gerade ausübt, finanziell oder in puncto Ruhm um etwas (oder sogar viel) für einen geht. Freude zeigt, dass jemand mit Ernst bei der Sache ist, dass er sich Mühe gibt.

Trotzdem weigern sich Pokerspieler beständig, ihre Emotionen zu zeigen.

Am ehesten gelingt ihnen das bei unglücklichen Niederlagen, nach denen sie wie Mike Matusow oder Matt Affleck gelegentlich sogar in Tränen ausbrechen, wenn alles vorbei ist:

Daniel Colman hat dem Pokersport mit seinem „Gefühlsausbruch“ nach dem Gewinn des Big One einen Bärendienst erwiesen. Die ganze (restliche) Welt denkt nun noch viel mehr, dass mit Pokerspielern etwas nicht stimmen würde.  

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