Rainer raist – Der Untergang von Full Tilt Poker

Der Full Tilt Untergang

Vor gut einer Woche gab Full Tilt Poker die offizielle Trennung von seinen Aushängeschildern Gus Hansen und Viktor „Isildur1“ Blom und damit seinen letzten Vertragsspielern bekannt. Aus dem einst glamourösesten Pokeranbieter mit den besten Spielern der Welt ist ein stinknormales Online-Casino mit sinkenden Spielerzahlen geworden. Die Geschichte eines Niedergangs.

Ein Blick zurück

Alles hatte so gut begonnen. Nach seiner Gründung im Juni 2004 (ja, das ist tatsächlich erst zehn Jahre her) nimmt Full Tilt Poker rasant Fahrt auf. Mit dem Konzept, die stärksten Spieler der Welt zu verpflichten und mit ihnen ein Profi-Team zu bilden und damit als Internetseite für die kompetentesten Spieler aufzutreten, erarbeitet sich Full Tilt getreu seinem Markennamen in atemberaubender Geschwindigkeit eine starke Position am Markt.

Im Gegensatz zum damaligen Marktführer Partypoker zieht sich Full Tilt wie auch PokerStars nach der Verabschiedung des Verbots für Online-Poker in den USA (UIGEA) nicht vom amerikanischen Markt zurück. Innerhalb von nur zwei Jahren erobert sich das Unternehmen damit Platz 2 im Ranking der größten Online-Anbieter für Poker. Geradezu legendär sind in Deutschland die phänomenalen Events zu der Full Tilt Million Euro Challenge, bei denen ganze Messehallen mit Pokerbegeisterten gefüllt werden.

Im Zentrum der Marketing-Aktivitäten steht neben all dem Chichi mit Freerolls, Giveaways und Poker-Einführungen letztlich immer das Profiteam. In grandiosen Shows werden die Top-Stars der Pokerszene Phil Ivey & Co. wie Hollywood-Größen dem atemlosen Publikum präsentiert.

Team Full Tilt
"Learn, chat and play with the Pros" lautete einst das Motto von Full Tilt Poker.

Zur damaligen Zeit ist es für einen Pokerspieler die größte Auszeichnung, in das Team von Full Tilt Poker aufgenommen zu werden. Gemeint sind damit nicht die Red Pros, die zeitweilig wie Pilze aus dem Boden schießen und teils nicht einmal die Pot Odds berechnen können, sondern die Team Pros, die gleichzeitig auch Anteile an der Firma besitzen. Zu ihnen zählen unter anderem Phil Ivey, Patrik Antonius, Allen Cunningham, John Juanda, Gus Hansen und später auch Tom Dwan.

Der Rest ist schnell erzählt. Am 16. April 2011 wird Full Tilt Poker am sogenannten Black Friday vom FBI gestürmt und vorübergehend geschlossen. Zweieinhalb Monate später verliert Full Tilt die Lizenz bei der Alderney Gambling Control Commission und geht für längere Zeit vom Netz. Damit sind nicht nur die amerikanischen, sondern auch alle anderen Spieler weg. In der Folge kommen unglaubliche Geschichten von Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Schneeballsystem usw. zum Vorschein, die Firma ist pleite, abertausende Spieler müssen befürchten, ihr Geld zu verlieren.

Marktführer PokerStars rettet im Folgejahr Full Tilt und kauft das marode Unternehmen. Die Spielerschulden in Höhe von 184 Millionen Dollar werden beglichen, die Seite geht außerhalb der USA wieder online, als Team Pros werden Viktor Isildur1 Blom, Gus Hansen und Tom durrrr Dwan verpflichtet.

Die trostlose Gegenwart

Gut zwei Jahre ist es nun her, dass Full Tilt Poker wieder ans Netz ging, doch von dem Schlag im Jahr davor konnte sich der Anbieter nie mehr erholen. Natürlich war viel Vertrauen verloren gegangen und viele Spieler ließen sich ihr wieder verfügbares Geld auszahlen, anstatt damit weiterzuspielen. Im Ranking der größten Poker-Anbieter im Internet fiel Full Tilt hinter 888, iPoker und PartyPoker zurück und befindet sich aktuell nur noch auf Platz 5. Mittlerweile ist man bei Besucheranzahlen pro Tag angekommen, die vor dem Crash in Stoßzeiten stündlich drin waren.

Eines aber blieb.

Viktor Blom und Gus Hansen
Der Rauswurf der beiden Actiongaranten Viktor Blom und Gus Hansen bedeutet das Ende der High Stakes und womöglich auch das Ende von Full Tilt.

Full Tilt Poker war auch nach dem Crash die zentrale Instanz für Online Highstakes Cashgames. Dank Viktor Isildur1 Blom und Gus Hansen (Tom Dwan schied recht bald aus) herrschte an den teuren Tischen Hochbetrieb und es kam regelmäßig zu enormen Pötten. Diese fielen zwar nicht mehr so groß aus wie 2009, als Blom mit Antonius und Ivey die beiden einzigen Millionen-Pötte im Internet spielte, erreichten aber regelmäßig sechsstellige Summen.

Diese Highstakes-Runden, die viele Online-Railbirds verfolgten und in Foren thematisierten, waren das Herzstück von Full Tilt Poker. Zählte man sich zu den besten Spielern, war klar, dass man auf Full Tilt spielte, und wenn man $2.000/$4.000 2-7 Triple Draw spielen wollte, loggte man sich ebenfalls auf Full Tilt Poker ein.

Durch den Rauswurf von Gus Hansen und Viktor Blom, die als letzte „Professionals“ ausgedient hatten, und der damit laut Unternehmenskommunikation neuen Strategie, sich an Freizeitspieler zu wenden, ist Full Tilt Poker nicht mehr Full Tilt Poker. Seit Verschwinden der Highstakes-Runden ist Full Tilt nur mehr ein ganz normaler Poker-Anbieter, dessen zehnjährige Geschichte ausgelöscht wurde.

Noch gibt es ihn. Wie lange noch?     

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