Rainer raist – Das Ende der Varianz

Die Definition von Varianz

Wie bei allen strategischen Glücksspielen kommt der Varianz auch beim Poker eine wichtige Rolle zu. Neben den spieltechnischen Grundlagen lernt der ambitionierte Pokerspieler schon zu Beginn, die Varianz zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Das Versprechen lautet ganz einfach, dass sich Glück und Pech auf Dauer ausgleichen – doch stimmt das auch? Dieser Frage wollen wir in diesem Artikel ein wenig genauer nachgehen.

Hintergrund

Der Begriff Varianz kommt aus der Stochastik und bezeichnet die Abweichung einer Zufallsvariablen von ihrem Erwartungswert. Letztlich läuft alles auf die exakte Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses hinaus, doch gibt es im vorunendlichen Stadium natürlich Streuung.

Jeder ambitionierte Pokerspieler weiß, dass sich die Varianz

1. beeinflussen lässt und

2. in zunehmendem Maße ausgleicht.

Punkt 1 hängt davon ab, wie man Hände (z.B. AK) spielt und Punkt 2 davon, wie viele Hände man spielt.

Spielt man etwa eine hohe sechsstellige Anzahl von Händen auf demselben Cashgame-Limit, wird man die Varianz bestimmter Standardsituationen wie Coinflips oder hohes Paar gegen niedriges Paar (80 zu 20) fast vollständig in den Griff bekommen.

Gelingt dies, wird der Glücksfaktor fast vollständig reduziert und die Spielstärke gibt definitiv den Ausschlag. So weit, so gut.

Unkontrollierbare Varianz

Um die Varianz unter Kontrolle zu bekommen, benötigt man also sehr viele Hände. Idealerweise ist dabei auch das Umfeld immer dasselbe, vor allem das Limit, auf dem man spielt.

Für Cashgame-Spieler ist ein sehr hoher Stichprobenumfang unter identischen Voraussetzungen möglich, wenn z.B. beim gleichen Anbieter immer auf dem demselben Limit gespielt wird.

Anders sieht es bei Turnierspielern aus, denn hier sind die Buy-Ins unterschiedlich und auch die Payouts situativ variabel.

Schauen wir uns einige prominente Beispiele der letzten Zeit an. Beim $50.000 Super-Highroller-Turnier von Barcelona sind noch acht Spieler dabei und Olivier Busquet reshovt mit A 2 gegen Sven Reichardts K K. Der Flop bringt K 8 8 und Busquets Gewinnchancen sind auf 0,4 Prozent gesunken. Der Rest ist bekannt: Turn und River bringen jeweils ein Ass, Busquet verdoppelt und gewinnt anschließend das Turnier.

Hier könnt ihr euch den wohl krassesten Bad Beat des Jahres noch einmal anschauen:

Normal wäre Busquet ausgeschieden und hätte sich mit €138.600 begnügen müssen, so aber gelang es ihm, am Ende fast €900.000 zu gewinnen. Sein deutscher Gegner konnte sich in seinem ersten Super-Highroller-Turnier von diesem Rückschlag nicht mehr erholen und landete schließlich auf Platz 6. Bei einem Sieg in dieser Hand wäre definitiv eine bessere Platzierung möglich gewesen.

Hier ein zweites Beispiel: Bubble des Main Event der EPT Barcelona. An sechs Tischen sind sieben Spieler All-In. Der völlig unbekannte Pratik Chatge, der bei HendonMob keinen einzigen Eintrag hat und seine erste EPT spielt, ist auf einem Flop mit A 2 3 All-In. Er hält K J und scheidet gegen Martin Fingers Straight Flush mit 5 4 aus. Auf der Bubble in einem Major Turnier mit einer solchen Hand in dieser Konstellation auszuscheiden ist nicht nur für einen Amateur bitter.

Und zum Schluss das heftigste Beispiel. Beim Big One for One Drop scheidet Conor Drinan, der sich tags zuvor via Satellite für das teuerste Turnier das Jahres qualifiziert hatte, mit Assen gegen die Asse von Cary Katz aus und muss akzeptieren, dass sein Buy-In im Wert von 1 Million Dollar auf die denkbar unglücklichste Art verlustig ging.

Der wohl teuerste Bad Beat aller Zeiten:

Nun zum entscheidenden Punkt: Alle diese drei, teilweise sehr unterschiedlichen Beispiel, haben eines gemeinsam. Die beteiligten Spieler, die Opfer der Varianz wurden bzw. davon profitierten, werden nicht oft genug oder vielleicht gar nicht mehr in die jeweilige Situation kommen, um das entstandene Glück oder Pech ausgleichen zu können.

Vor allem Conor Drinan erwischte die Varianz böse. Wer weiß, ob er noch einmal am Big One teilnehmen wird können bzw. ob dieses überhaupt noch einmal stattfindet. Natürlich zeigen aber auch die anderen Beispiele – kommt Pratik Chatge je noch einmal auf die Bubble eines EPT Main Event und an vielen Super-Highroller-Turnieren wird Sven Reichhardt noch teilnehmen? – dass Turnierpoker mit hohen Buy-Ins einen hohen Glücksfaktor hat.

Fazit

Die Varianz zu akzeptieren heißt nicht nur, Phasen (psychisch) zu meistern, in denen das Pech überwiegt, sondern auch einzusehen, dass manche Situationen singulär sind und sich nicht ausgleichen werden.

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