Quo vadis, Poker?

Es ist zwar schon eine Ewigkeit her, aber mir ist eine wirklich sinnige Bemerkung aus Vorlesungen in BWL und Marketing in Erinnerung geblieben. Der Professor fragte: "Wer wurde während des amerikanischen Goldrauschs im 19. Jahrhundert reich?"

Er lieferte die Antwort auf seine Frage selbst, nachdem wir Studenten ihm offenbar nicht die richtigen anboten. „Die Goldsucher? Mitnichten. Vielleicht ein paar wenige, deren Geschichten in den Camps kursierten. Wirklich reich wurde, wer den Goldsuchern Schaufeln und Spitzhacken verkaufte."

An diese Bemerkung musste ich während der letzten Jahre häufig denken, denn es gibt eine ganze Reihe verblüffender Parallelen zwischen einem Phänomen wie dem amerikanischen Goldrausch im 19. Jahrhundert und dem Pokerboom, der seit dem WSOP-Sieg von Chris Moneymaker um die Welt geht.

Hier wie dort rennen eine Menge Menschen einer Idee hinterher: der Idee, relativ schnell und ohne große Mühe zu Geld zu kommen. Hier wie dort existieren Geschichten von Goldsuchern und Pokerspielern, die innerhalb kurzer Zeit eine höchstergiebige Ader des seltenen Metalls erschürften bzw. eine besonders erfolgreiche Strähne beim Kartenspiel erleben durften. Beide Erfolgsgeschichten haben ihren wahren Kern. Beide Arten von Erfolgsgeschichten haben aber auch den „Rush" sowohl unter den Goldsuchern als auch unter den Pokerspielern angefeuert. Chris Moneymaker hat vermeintlich demonstriert, dass jeder es schaffen kann, mit einem 40-Dollar-Satellite zu WSOP-Bracelet, Ruhm, Ehre und einem Millionenvermögen zu kommen.

Was bedeutet die Eingangsbemerkung übertragen auf Poker? Reich mit Poker wird derjenige, der den Spielern die Möglichkeit bietet, ihrer Passion nachzugehen. Das sind zuallererst natürlich die Online-Cardrooms und die Live-Casinos, die an virtuellen oder echten Tischen über Rake, Timecollection oder Turniergebühren ständig Geld vom Gesamtspielkapital der Teilnehmenden abziehen. Ein Großteil der Spieler selbst wird nicht reich und kann sich folglich damit auch nicht das Leben finanzieren, obwohl eine Menge behaupten, genau das sei der Fall. Was passiert denn zwischen den Spielern? Das Geld wandert mehr oder weniger unter ihnen hin und her, während der Veranstalter (Casino oder Online-Cardroom) von jedem gespielten Pot einen kleinen Betrag abzweigt.

Zwar gibt es immer einige Spieler mit Erfahrungs- oder Kenntnisvorsprüngen, die dabei trotzdem einen Vorteil haben und Geld gewinnen, aber es ist nicht leicht, diesen Zustand dauerhaft aufrecht zu erhalten. Denn im Poker existiert ein gnadenloser Selektionsprozess: schlechtere Spieler mit limitiertem Spielkapital sind irgendwann nicht mehr im Spiel, die verbleibenden Spieler nähern sich hinsichtlich Können und Spielniveau an, mit der Konsequenz, dass der Einfluss des „Glücks", des „Zufalls" oder - wissenschaftlich formuliert - der „Varianz" im Spiel zunimmt.

Reich - oder zumindest vorübergehend wohlhabend - sind auf etwas niedrigerem Niveau aber auch andere Anbieter geworden. In der zweiten Hälfte der vergangenen Dekade war in deutschen Städten und auf dem Land ein nahezu bizarres Phänomen zu beobachten: Sachpreisturniere. Der in europäischen Pokerkreisen nicht unbekannte Schwabe Horst Koch gilt als Pionier dieser Art von Veranstaltung. Für 15 € Startgebühr sowie mehrfache Rebuys konnte man an den Turnieren der „German Poker Players' Association" (GPPA) teilnehmen. Über x-fache Qualifizierungsrunden mit Achtminuten-Blindintervallen und ständiger Blindverdopplung erreichte ein (!) Glücklicher das Turnierziel: eine Las Vegas-Reise. Dieser Euphemismus umschrieb damals einen Flug von Stuttgart nach Las Vegas. Die Anreise nach Stuttgart sowie die Unterkunft vor Ort waren im Turniergewinn - zumindest anfangs - nicht enthalten.

Die Idee mit Sachpreisturnieren wurde aufgegriffen, kopiert, modifiziert. Nach dem Motto „Konkurrenz belebt das Geschäft" schossen Turnierveranstalter wie die Pilze aus dem Boden. Es gab lokale und bundesweite Anbieter, die teilweise logistische Meisterleistungen mit hunderten von Teilnehmern organisierten und durchführten. Allen gemeinsam war, dass sie den Spielern Turniere zum behördlich festgelegten Maximal-Buy-In von 15 € anboten, dass der Weg zu den Sachpreisen aber weit und für die meisten von Misserfolgen geprägt war.

Während der Hochphase der Sachpreisturniere kam es - rückblickend betrachtet - zu äußerst merkwürdigem Verhalten vieler Teilnehmer. Angetan mit cooler Sonnenbrille und anderem Pokeroutfit (erworben über Frequent Player Points in Onlinecardrooms) reihten sich die just Ausgeschiedenen sofort wieder in die Warteschlangen am Anmeldungsschalter ein, bezahlten 15 € und kurz danach ging es weiter mit der nächsten „Vorrunde".

In diesen Sachpreisturnieren wurden zahllose Flachbildfernseher, iPods, Playstations, Chipkoffer, Reisen, manchmal Turnier-Buy-Ins und - wie es ein Kolumnist einmal satirisch formulierte - „Toaster mit Fernbedienung" ausgespielt. Viele Teilnehmer hatten das zweifelhafte Vergnügen, „pokern" zu können, einige wenige nahmen Sachpreise mit, zumindest einige der Veranstalter verdienten eine Menge Geld.

Ich habe zahllose Menschen kommen und gehen sehen, die vorübergehend eine Menge Geld durch Poker gemacht haben, sei es durch einen spektakulären Turniergewinn, sei es durch eine Strähne im Cashgame. Das erschreckendste Beispiel musste ich vor einigen Jahren in der Pokerworld in Wien erleben: Ein Wrack von Mensch in Badeschlappen und ausgeleiertem Jogginganzug bettelte dort andere Spieler um ein 30 € Rebuy an. Der Mann hatte Mitte der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts die Poker-EM der Casinos Austria in Baden bei Wien gewonnen.

Über die Entwicklung der Pokerindustrie hat sich eine Reihe von durchaus kompetenten Spielern, Kolumnisten und sonstigen Fachleuten Gedanken gemacht.

Poker-Urgestein Nic Szeremeta ist Herausgeber des Fachmagazins „Poker Europa". Seine Editorials sind oft kleine Juwelen an Pokerweisheit. In der Januar-Ausgabe 2009 schreibt er unter dem Titel „Zeit wieder auf den Teppich zu kommen": "... um die mögliche Entwicklung abschätzen zu können muss man sich nur die Pokerbranche etwas genauer ansehen. Die entscheidende Frage lautet: Wo kommt das ganze Geld her? Die Antwort? Vom unteren Ende der Poker-Nahrungskette. ... Die Pokerbranche lässt sich grafisch als Pyramide darstellen. Die Spieler, die niedrige Limits spielen sind unten, die Highroller oben. ... Ich bin überzeugt, dass sich sowohl die Anzahl der Spieler im unteren Pyramidenteil als auch der Betrag, den sie bereit sind zu verlieren, verringern werden. Und dieser Trend wird sich nach oben hin durchschlagen."

Und in der Novemberausgabe 2010 heißt es: ... gleichzeitig gibt es immer weniger verlierende Spieler, denn denen geht einfach das Geld aus. Das in der Pokerbranche verbleibende Geld wird einfach immer wieder umverteilt, und die einzigen, die daran verdienen, sind die Betreiber."

Zum Einfluss des „Glücks" schreibt Nic in der April-Ausgabe 2009 unter dem Titel „Ein interessantes Paradox": „... wer sich heute an einen Turniertisch setzt, muss davon ausgehen, dass seine Gegner über ernst zu nehmende Fähigkeiten verfügen. Der allgemeine Spielstandart scheint sich in den letzten Jahren stark verbessert zu haben. Dies hat jedoch überraschende Folgen: da sich die Pokerfähigkeiten so stark verbessert haben, entscheidet bei den heutigen Events das Glück viel stärker als früher über das Ergebnis. ... Das nenne ich „Ironie des Schicksals"

Cort Kibler Melby (aka The Cortster) ist ein junger Internetspieler, der zurzeit in London lebt. Über Jahre hat er einen sehr lesenswerten Blog verfasst (www.cortkm.com/blog). Lesenswert deswegen, weil er sehr ehrlich mit dem Thema Verluste umgeht. Cort äußert sich auch zu seinem Selbstverständnis als Spieler und zu Zukunftsperspektiven. So schreibt er am 14.11.2009:

"Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin, zum Poker gekommen zu sein. ... Ehrlich, ich könnte mir niemals vorstellen, einen „normalen" Job zu machen für den ich aufstehen muss, mit einem Boss, dem ich Rechenschaft ablegen muss ...

Allerdings werden meiner Meinung nach einige negative Aspekte zu oft ausgeblendet. Professionelles Pokerspiel kann zu enormen Stress führen, besonders bei Leuten, die auf täglicher Basis bedeutende Mengen Ihrer Bankroll gewinnen oder verlieren. Es kann extrem schwierig sein, emotionell mit Downswings umzugehen. Ich denke, manche können mit dem Stress nicht fertig werden, drehen durch und sind irgendwann pleite."

Am 30.8.2009 notiert Cort:

„Poker wird auf keinen Fall einfacher. Tatsächlich trifft das genaue Gegenteil zu. Wie viele Pros in meinem Alter erkenne ich, dass dies keinesfalls ein dauerhafter Job sein kann und dass eines Tages der ganze Pokerboom enden wird. Ob das in 2, 5, 10 oder 20 Jahren sein wird ist reine Spekulation. Aber es ist Fakt, die Spiele werden Tag für Tag komplizierter und deswegen ist es bei weitem nicht mehr so einfach mit Poker Geld zu verdienen, wie vor einigen Jahren.

Auch Phillip Marmorstein äußert sich in seiner Kolumne „Die Wahrheit" am 26.04.2010 (www.pokerfirma.de) dazu:

„Als ich mit Poker anfing, war die Weltelite eine kleine Gruppe. ... Der 2003 einsetzende Poker-Internetboom hat einiges verändert. Pokerliteratur ist jetzt leicht erhältlich. ... Der entstehende Effekt ist eine Verbreiterung der Spitze...

Da Onlinepokerseiten aber durch einen hohen Marketingaufwand ständig neue Spieler dazugewinnen, kippt das Gleichgewicht zwischen Gewinnern und Verlierern nur langsam um. Beschleunigend wirkt allerdings der Umstand, dass einem potenziellen Nullsummenspiel durch die Betreiber Milliardenbeträge entzogen werden.

Der Effekt ist bereits zu spüren. Bei Gesprächen mit hochkarätigen Pros ...entdecke ich oft Missmut und Resignation. Sie können online und teilweise auch live die höheren Limits schon nicht mehr schlagen. Das fällt Neulingen in der Pokerszene gar nicht so auf, insbesondere da ja auf Großturnieren immer neue Millionäre geschaffen werden.

Falls Sie aber dabei sind, eine Profikarriere zu starten, sehen Sie sich vor. Denn eines kann ich Ihnen garantieren: Gewinnen wird schwieriger werden!"

Zum Schluss muss noch ein potenzielles gesellschaftliches Problem angesprochen werden. Viele junge, hochintelligente Menschen haben sich entschieden, ihr Glück als Profispieler zu versuchen. Manchen gelingt es, einige wenige kommen in die relativ sichere Situation, mit einem großen Online-Cardroom als Sponsor zu kooperieren. Doch ist das eine Lebensperspektive? Ich meine nein, viel eher wird dort eine Riesenmenge an Talent vergeudet. Auch zu diesem Thema hat sich Nic Szeremeta in seinem mit Abstand besten Editorial geäußert. In Poker Europa 10/2009 schreibt er unter dem Titel „Wo sind all die Ärzte hin?":

„Der Pokerboom der letzten Jahre hat auch auf die Gesellschaft insgesamt gesehen interessante Auswirkungen.

Zu den Dingen, dir mir auffallen, zählen die vielen Studenten, die die Uni entweder ohne Abschluss verlassen, oder direkt nach ihrem Diplom „Pokerprofi" werden ...

Aber heutzutage widmet die junge Generation ihre Zeit nicht mehr der Ausbildung zum Arzt, Wissenschaftler, Ingenieur oder Lehrer etc., sondern setzt ihre zweifelsohne vorhandene Intelligenz lieber dazu ein, ihren Mitmenschen im Internet und in echten Cardrooms Geld abzuknöpfen.

Was sind das nur für Zustände!

Natürlich kann man Profipoker als glamouröse und für viele Spieler auch gut bezahlte Tätigkeit sehen, die außerdem viel Raum für persönliche Freiheit lässt.

Doch außer Geld bietet Profipoker - genau wie alle anderen Spiele auch - kein Endprodukt. Ich würde mir wünschen, die Gesellschaft würde schon in naher Zukunft wieder aufwachen und erkennen, dass eine ganze Intelligenzija-Generation verschwendet wurde."

Last not least ein paar Gedanken von Matthew Hilger und Ian Taylor. In deren ausgezeichnetem Buch „The Poker Mindset" (ISBN-13 978-0974150239) heißt es im Kapitel „Das Leben jenseits der Pokertische": „Bedenken Sie, es gibt Wichtigeres im Leben als Poker. ... Für ein wirklich ausgeglichenes Leben sollten Sie sich Zeit für andere Hobbies ... nehmen.

Dafür gibt es Gründe. Zuallererst ist es einfach gesünder auch abseits der Tische aktiv zu sein. Besonders junge Spieler sollten versuchen, ihre Interessen breit aufzustellen, damit sie nicht eines Tages bereuen, die beste Zeit ihres Lebens nur mit Poker verbracht zu haben. ...

Zweitens könnte der Pokerboom irgendwann zu Ende sein. Vielleicht erweist es sich eines Tages als Modeerscheinung, deren Popularität abnimmt, wenn die schwächeren Spieler das Interesse verlieren. Spätestens dann wird es sehr viel schwieriger, erfolgreich zu bleiben, weil nur noch die besseren Spieler dabei sind."

 

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