Polarisiert – Das System Rettenmaier

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Drei große Turniersiege, über 2,5 Millionen Dollar Preisgeld und Spieler des Jahres – das sind die groben Fakten, die Marvin Rettenmaier 2012 zum erfolgreichsten deutschen Turnierpokerspieler machten. All das war kein Zufall.

Schon in den Jahren zuvor zeigte der Mann aus Leonberg sein Potential und erzielte gute Ergebnisse, die darauf hindeuteten, dass von ihm noch eine Menge zu erwarten ist.

Was aber unterscheidet Marvin Rettenmaier von anderen Spielern? Anhand zweier Hände von der WPT Baden soll hier untersucht werden, worauf der Erfolg des PartyPoker-Profis basiert.

Natürlich stimmen bei ihm die Grundlagen wie bei allen großen Spielern: Er verrät durch Mimik, Gestik oder Setzverhalten nichts von seiner Hand und er verfügt über das komplette pokertechnische Know-how.

Eines jedoch zeichnet Marvin Rettenmaier ganz besonders aus: Kaum jemand polarisiert seine Hände so sehr wie er.

Schauen wir uns das Ganze in der Praxis an.  

Geplatzter Draw oder Nuts?

In der ersten Hand (Blinds 1500/3000) raist Rettenmaier aus dem Hijack auf 6.500, der Rumäne Birlean callt im Cut-Off und Martin Staszko reraist am Button auf 18.000. Die Blinds folden, aber Rettenmaier und Birlean callen. Im Pot sind 63.000 Chips.

Der Flop bringt

     

und alle Spieler checken. Anschließend wird die 2 auf dem Turn aufgedeckt, worauf Rettenmaier erneut checkt. Birlean setzt 22.000, Staszko foldet und Rettenmaier callt. Im Pot sind 107.000 Chips.

Der River bringt die 9. Rettenmaier checkt erneut, Birlean setzt 25.000, worauf Rettenmaier mit 144.000 Chips All-In geht. Birlean callt sofort mit  2 2 und verliert gegen Rettenmaiers Nuts mit J 10.

Was ist hier passiert?

Abgesehen davon, dass Birlean mit seinem sofortigen Call die Nerven verlor, hat Marvin Rettenmaier sein Spektrum maximal polarisiert. Mit einem geplatzten Flush Draw könnte er genauso gespielt haben wie mit den Nuts. Den Gegner schlägt im Grunde nur eine plausible Hand, genau die J 10, die Rettenmaier am Ende präsentiert.

rettenmaier birlian staszko
Von links: Marvin Rettenmaier gegen Birlean und Staszko.

Auch nach längerer Bedenkzeit wäre es für Birlean deshalb extrem schwierig gewesen, seine Hand aufzugeben. Er bekommt Pot Odds von 2,3 zu 1 und er spielt gegen einen Gegner, der zu allem fähig ist.

Aus Sicht von Marvin Rettenmaier ist der River perfekt gespielt. Viele, wenn nicht die meisten Spieler würden mit den Nuts setzen und auf einen gegnerischen Call hoffen.

Rettenmaier jedoch bringt seinen Gegner in die ungünstigste Situation überhaupt und legt ihm förmlich die Schlinge um den Hals. Wie gesagt, würde Rettenmaier nur mit den Nuts so spielen, wäre sein Move nur halb so gut.

Da er ihn aber durch vergangene Aktionen maximal polarisiert hat, ist er enorm stark und verlangt dem Gegner das Äußerste ab.

 

Die Kehrseite der Medaille

Verfolgen wir nun eine Hand Rettenmaiers gegen Bodo Sbrzesny, die auf demselben Prinzip basiert. Nach einem Raise von Fedor Holz in mittlerer Position (Blinds 3000/6000) reraist Kimmo Kurko im Hijack auf 28.000, Bodo Sbrzesny reraist im Cut-Off auf 52.000 und Marvin Rettenmaier bringt auf dem Button die 5-Bet auf 96.000.

Holz und Kurko folden, aber PartyPoker-Teamkollege Sbrzesny callt. Der Pot beträgt ca. 240.000 und die effektiven Stacks belaufen sich auf knapp 300.000 Chips.

Der Flop bringt

     

Sbrzesny checkt, Rettenmaier setzt 62.000 und Sbrzesny callt. Der Turn bringt die 6, Sbrzesny checkt und Rettenmaier geht mit 235.000 All-In.

Sbrzesny lässt ein „Oh Mad Marvin“ entweichen, dann überlegt er eine halbe Ewigkeit. Schließlich foldet er #Ax#Kx und bekommt mit A 9 einen kompletten Bluff gezeigt.

Was ist hier passiert?

Bodo Sbzresny Marvin Rettenmaier
Sbrzesny (links) gegen Rettenmaier unter Druck.

Wie in der Hand gegen Gabriel Birlean hat Marvin Rettenmaier es auch in dieser Hand verstanden, sein Spektrum maximal zu polarisieren. Entweder hat er Asse, Könige oder AK, oder eben gar nichts.

Sein Teamkollege, der mit seinem Call vor und auf dem Flop enorme Stärke repräsentierte, weiß dies und steht am Ende vor einem binären Problem, das bei negativem Ausgang extrem schlimme Konsequenzen in Form eines dezimierten Stacks hat.

Sbrzesny entscheidet sich am Ende falsch und sein Plan in dieser Hand ging nicht auf. Möglich war dies aber nur, weil Marvin Rettenmaier dessen Spektrum sehr genau einzuschätzen wusste und sich dagegen einmal mehr maximal polarisierte.

Auf diese Weise stellt Marvin Rettenmaier seine Gegner in turnierentscheidenden Situationen vor die schwierigsten Situationen überhaupt. Hat er es oder hat er es nicht?

Dazu gehören Mut, eine gute Handanalyse und die Bereitschaft, sang- und klanglos auszuscheiden. Andererseits winkt aber auch reicher Lohn. Entscheidet sich der Gegner falsch, kassiert Rettenmaier einen Haufen Chips und kommt seinem Ziel – dem Turniersieg – einen Schritt näher.

 

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