Das Pokerass – wenn die Zunge sprudelt

pokerass jury
Foto: © ProSieben.

Poker kann viel Spaß machen – muss es aber nicht, wie die neue Poker-Show auf Pro7 zeigt.

Das Tolle an der heutigen Fernsehtechnik ist ja, dass man so viele dramaturgische Möglichkeiten hat. Z. B. werden in Filmen schnelle Schnitte verwendet, um das Erzähltempo zu erhöhen. In schlechten Shows macht man dasselbe, wirkt aber nur hektisch. Und dann kann man auch einzelne Kandidaten immer gleich mit einer Kurzbeschreibung vorstellen, die uns Zuschauern die Person näher bringt.

Johanna z. B. „hat ein Pokertattoo am Unterarm“ und qualifiziert sich wohl schon allein dadurch, Vasilios „kommt aus Griechenland“, was bei diesem Namen nun wirklich nicht leicht abzuleiten ist, und Anna-Maria ist „Perückenfetischistin“, hat aber trotzdem irgendwie immer die gleiche Frisur.

Oder Jens aus Rastatt, er „arbeitet in einem Inkasso-Unternehmen“ und muss deshalb von Natur aus abenteuerlustig sein. Er darf Dinge in die Kamera sagen wie: „Ich bin einfach lebendig, und solange ich lebe, beweg ich alle Körperteile, und leb meine Zunge aus. Und wenn die sprudelt, lass ich’s rocken.“ Wenn es mit dem Poker-Ass nicht klappt, versucht er’s ja vielleicht beim „Philosophischen Quartett“.

Es sind eben total normale Menschen aus echt ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten und Berufen hier in der Pokerass-Show. Sie sollen demonstrieren, dass Poker längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Und das stimmt auch, zumindest wenn die Mitte der Gesellschaft aus Stuntmen, Fußballprofis, Pralinenfirmachefs und Burlesque-Tänzerinnen besteht.

poker ass kandidaten
Die Kandidaten - "das hier ist kein Spielplatz." ©ProSieben

Die Hausfrau Astrid „hat den ganzen Körper voller Tattoos“ und Natalia aus Russland möchte Profi werden, „weil das liegt auf dem Hand“. Wir wollen uns aber nicht über Akzente und misslungene Wortspiele lustig machen. Lieber über Sofia Thomalla, die derartig überfordert ist, dass praktisch jeder ihrer Sätze geschnitten werden muss. Und zwar heraus.

Die Pokerkompetenz von Thomas Lamatsch und Sandra Naujoks ist unbestritten. Um ein gutes Fernseh-Jurymitglied zu sein, benötigt man aber ganz andere Fähigkeiten. Wer unbegabte Jurys sehen will, kann sich schließlich jedes Jahr DSDS oder GNT anschauen. Oder den Deutschen Fernsehpreis. Als Fernseh-Entertainer haben Lamatsch und Naujoks noch gewisse Defizite. Wenn das alles wäre, was es zu kritisieren gäbe, könnte man darüber jedoch problemlos hinwegsehen.

Auch die Musik kann in einer Fernsehshow eine schöne Untermalung sein, aber wenn in den ersten zehn Minuten schon 20 Songs angespielt werden, liegt das normalerweise daran, dass niemand etwas zu sagen hat.

Leider müssen die Kandidaten als erste Aufgabe miteinander reden, und zwar um herauszufinden, wer die beiden Maulwürfe sind. Ein Profi und ein kompletter Anfänger haben sich nämlich unter die Kandidaten geschlichen. Also stellen sich diese gegenseitig schlaue Fragen – „Wie heißen die drei Schritte, wenn beim Poker die Karten aufgedeckt werden“ – und geben schlaue Antworten – „Bet? Was für‘n Bett?“.

"Das hier ist kein Spielplatz", sagt Sandra Naujoks.

Tatsächlich gelingt es schließlich nur einem einzigen Kandidaten, wenigstens die komplette Anfängerin zu erkennen. Poker soll ja ein Spiel für Leute mit psychologischem Gespür sein, aber vielleicht ist das Unsinn. Damit ist Benny „ich bin privat noch tausend Mal verrückter als hier“ der einzige, der sich vorzeitig einen Platz im Jet nach Los Angeles sichern kann, wo die zweite Folge der Show spielen wird. Er ist übrigens auch der einzige, der so cool und verrückt ist, dass er nicht eine Baseballmütze oder ein Hoodie trägt, sondern gleich beides übereinander.

Wer sich die Mühe gemacht hatte, auf der Internetseite nachzusehen, stellte fest, dass genau zwei Kandidaten dort nicht vorgestellt wurden, was komischerweise genau der Anzahl der Maulwürfe entsprach. Musste aber nichts heißen. Bestimmt wären den Autoren auch für die beiden gefälschten Kandidaten noch mehr so originelle „Facts“ eingefallen wie „ist süchtig nach Vollmilch“ (Holger), „kommt aus Österreich“ (Mark) und „arbeitet hin und wieder mit Migrantenkindern und möchte beruflich in diese Richtung“ (Natalie).

Die anderen neun Qualifizierten sicherten sich ihre Tickets über ein SNG, argwöhnisch beäugt von den Augen der Fachjury. Die einzelnen Namen sind jetzt noch nicht wirklich von Bedeutung. Es ist immer noch irgendwer, aber eben nur halb so viele wie vorher.

Viele andere Serien dieser Qualität hätten ungefähr die Halbwertszeit von Jod 133, bei den Zuschauern erreichte sie gar nur 7,1% Marktanteil. Aber das Pokerass wird ja durch den zahlungskräftigen Sponsor PokerStars finanziert, weswegen wir uns wohl darauf vorbereiten müssen, alle elf geplanten Folgen gedealt zu bekommen.

Bitte füllen Sie die erforderlichen Felder korrekt aus.

Es ist ein Fehler aufgetreten!

Sie müssen drei Minuten warten, bevor sie einen weiteren Kommentar abgeben können.

Taylor Amateur 2011-04-26 03:58:07

A wager is a fool's argument.