Das Ende der Fahnenstange – Poker und das Peter-Prinzip

Von: Rainer Vollmar
18 Dezember 2012
Geposted in: The Hand
Viktor Blom

Streben bis zum Maximum ist nicht nur ein Merkmal, das auf viele Pokerspieler zutrifft. Auch in Wirtschaft, Politik und anderen Bereichen neigen die Beteiligten dazu, an ihre Grenzen zu stoßen - leider gelegentlich auch zu durchstoßen.

Vor über 40 Jahren formulierten die beiden kanadischen Wissenschaftler Laurence J. Peter und William Hull das sogenannte Peter-Prinzip, nach dem „jedes Mitglied einer beruflichen Hierarchie so lange befördert wird, bis es das Maß seiner absoluten Unfähigkeit erreicht hat“.

Beispiele gibt es viele, vor allem aus Wirtschaft und Politik, aber auch anderen Disziplinen. Viele kennen gar persönliche Fälle aus dem eigenen direkten Umfeld.

Peter argumentiert, dass irgendwann jede Position in einem Unternehmen mit einem Mitarbeiter besetzt ist, „der nicht mehr in der Lage ist, seine Aufgabe zu erfüllen“.

Befördert wird solange, bis der jeweilige Mitarbeiter am Punkt seiner Unfähigkeit angekommen ist. Dort bleibt er, weil in den modernen Hierarchien kein Abstieg möglich ist.

Funktionieren kann ein hierarchisches System laut Peter und Hull nur, weil nicht alle Mitarbeiter gleichzeitig die höchste Stufe erreicht haben.

Die Arbeit wird von den Mitarbeitern verrichtet, die noch nicht auf der Stufe ihrer Inkompetenz angekommen sind.

laurence peter
Laurence Peter.
 

In Managementkreisen ist das Peter-Prinzip hoch angesehen, das gleichnamige Buch wurde in etliche Sprachen übersetzt und erreichte enorme Auflagen.

Was aber hat das Ganze mit Poker zu tun?

Übertragen auf das Pokerspiel sagt das Peter-Prinzip aus, dass ab einem bestimmten Punkt alle Limits mit überforderten Spielern besetzt sind. Schauen wir uns dazu ein Beispiel an.

Spieler A ist jung, ehrgeizig und talentiert. Er beginnt auf den unteren Limits, trainiert viel und steigt langsam auf. Er hält sich an das vorgegebene Bankroll-Management, weil er es möglichst weit nach oben schaffen will.

Seine in Big Blinds pro 100 Hände gemessene Gewinnquote wird beim Aufstieg kleiner, aber er macht beharrlich seinen Weg.

Schließlich landet er in den High Stakes und tut sich schwer. Aufgeben ist seine Sache nicht, daher versucht er mit Ausdauer und viel Arbeit an seinem Spiel das Limit zu schlagen.

Nach über 200.000 Händen stellt er fest, dass die Konkurrenz zu stark ist und er auf der Stufe seiner Überforderung angekommen ist.

Seine Bankroll ist erheblich geschrumpft, er hebt den Rest ab und beendet seine Pokerkarriere.

Wie Spieler A ergeht es vielen. Das westliche System gibt als Maxime „Schneller, höher, weiter“ aus, also die These, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Insofern war sein Aufstieg bis zum Limit, auf dem er seine Grenzen aufgezeigt bekam, nur logisch. Das Eingeständnis seiner Überforderung kam so spät, dass es für ihn kein Zurück mehr gab.

Im Unterschied zur hierarchischen Wirtschaftswelt besteht beim Poker aber die Möglichkeit, ohne Ehrverlust einen Schritt zurückzugehen.

Gewiss hätten einige Kontrahenten auf niedrigeren Limits gemerkt, dass Spieler A wieder dort auftaucht, wo er lange nicht mehr gesehen wurde, aber all das hätte in der Anonymität des Internets stattgefunden.

Spieler A verfing sich in den Schlingen des Peter-Prinzips und wurde ein Opfer desselben. Betrachtet man sich die Realität, fällt einem sofort ein Spieler wie Viktor „Isildur1“ Blom ein, der zwar einen immensen Werbewert für die Industrie besitzt, unterm Strich aber ein krasser Verlierer auf den High Stakes ist.

das amt
In der Serie "Das Amt" wurde die Unfähigkeit von Beamten persifliert.
 

Allein in diesem Jahr verpulverte Blom zeitweise fast 2,7 Millionen Dollar im Internet und ist damit nach Guy Laliberté der größte Verlierer überhaupt.

Bevor er mit Sponsorenverträgen überhäuft wurde, arbeitete sich Blom mehrfach durch die Limits und jedes Mal kam er am Punkt seiner Überforderung an, bis nichts mehr von seinem Geld übrig war.

Jeder ambitionierte Pokerspieler sollte mit dem Peter-Prinzip vertraut sein. Obwohl es nicht eins zu eins auf das Pokerspiel übertragbar ist, lassen sich viele wichtige Erkenntnisse daraus gewinnen.

Für fast jeden gibt es Grenzen nach oben. Ein gesundes Selbstverständnis wird beim Poker durch die Varianz erschwert, die in verschiedenen Szenarien zur Selbstüberschätzung führen kann.

Bei einer Glückssträhne hält sich ein Spieler für stärker, als er ist, und eine Pechsträhne kann man als vorübergehenden Misserfolg interpretieren.

Hinzu kommt, dass das Pokerspiel permanenten Veränderungsprozessen unterworfen ist und ständig neue Spieler nachrücken.

Selbst Spielern, die sich auf den höchsten Limits länger festgesetzt haben, kann es daher passieren, dass diese sie irgendwann überfordern.

Sich dies einzugestehen ist schwierig, aber unbedingt notwendig, um nicht bankrott zu gehen.

Ein deutscher Pokerprofi (Name d. Red. bek.) erklärte dem Autor gegenüber, dass für ihn bei $10/$20 Schluss sei. Dort verdiene er sein Geld, und das sei schon schwer genug.

Überhaupt keine Lust habe er, eine oder zwei Stufen höher herauszufinden, dass es bessere Spieler gibt. Sein aktuelles Limit reiche ihm, um Freude am Poker zu haben und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Ihm ist es gelungen, die immanenten Gefahren des Peter-Prinzips zu umschiffen, das neben dem finanziellen Scheitern auch viel Frustration erzeugen kann. Viele andere gehen dem Streben nach dem Maximalen auf den Leim und enden an demselben oder einem ähnlichen Punkt wie Spieler A.


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Rainer 2012-12-19 11:48:10

wie wahr, wie wahr, siehe dazu auch http://www.pokerzeit.com/quo-vadis-poker