Statt eines Jahresrückblicks, oder doch einer?

Von: Rainer Vollmar
26 Dezember 2012
Geposted in: The Raise - Rainers Rückblick
ruckblick 2012

Geht ein Jahr zu Ende, folgt fast automatisch der Blick zurück. Dabei ist ein Jahr, genauso wie ein Tag, eine Woche oder ein Monat eine zu vernachlässigende Einheit, jedenfalls wenn es nach den Pokerspielern geht. Langfristig oder gar unendlich lautet das Maß aller Dinge, und das ausgerechnet in einer Disziplin, die sich mit einer Rasanz entwickelt, bei der es einem bisweilen schwindlig werden kann.

Während Live-Poker mit den großen Turnierserien EPT, WSOP und WPT weiterhin boomt, hinterlässt das Online-Poker mittlerweile einen recht angeschlagenen Eindruck.

Allenthalben klagen Profis, dass die Konkurrenz immer härter würde, es immer weniger schlechte Spieler und kein sogenanntes „easy money“ mehr gäbe.

Dabei wurde der Online-Markt, von dem mittlerweile fast die gesamte Branche abhängig ist, durch den unverhofften Neuauftritt von Full Tilt Poker mit totgeglaubtem Geld reanimiert und zumindest zeitweilig beflügelt.

pius heinz barcelona
Keinen Bock mehr? - Pius Heinz.
 

Knapp zwei Monate später ist von den blühenden Landschaften allerdings nur wenig übrig. Die Spielerzahlen auf Full Tilt gingen in kürzester Zeit in den Keller und ein Großteil des geretteten Geldes verschwand aus dem Kreislauf.

Wer wie Pius Heinz als Weltmeister aller Klassen 2011 seine Schäfchen im Trockenen hat, dem könnte das durchaus egal sein. Beim Prager Pokerfestival zeigte sich aber, dass Heinz mittlerweile in einer anderen Liga angekommen ist.

Dass Pokerspieler einen anderen Rhythmus als Normalbürger haben und eher um 18 als um 6 Uhr aufstehen, ist dabei das eine, doch stellt sich dennoch die Frage, was man mit seiner Zeit anzufangen gedenkt.

Heinz verzichtete in Prag drei Wochen lang auf jedes Turnier, stattdessen wurde er täglich beim Cash Game um atemberaubende Summen gesichtet.

Wie sein Heads-Up-Duell gegen King’s-Besitzer Leon Tsoukernik mit Blinds von €1000/€2000 ausging, ist wegen des oben erwähnten Rhythmus nicht überliefert, doch soll es nicht gut ausgesehen haben für den Pokerliebling der Deutschen 2011.

Damals war wenig einfallsreich vom Pokerpapst die Rede, und eine ganze Pokernation schwelgte kollektiv in einem schwer nachvollziehbaren Stolz ob der erstmals errungenen Weltmeisterschaft.

Jan Peter Jachtmann
Kein Jüngling mehr - Jan-Peter Jachtmann.
 

Das ist in der Tat nur gut ein Jahr her, und doch wirkt der strahlende Sieger von damals heute mehr als nur ein wenig verloren und er sieht bisweilen älter aus sein katholisches Pendant in Rom.

Verlieren ist beim Poker nie gut, und dass man im Casino nicht nur sein Geld einbüßen kann, davon konnte schon Dostojewski ein Lied singen.

Wünschen wir dem Weltmeister von 2011 also, dass seine schwarzen Augenränder ausschließlich besseren Biersorten geschuldet sind und die 8,7 Millionen Dollar noch lange halten.

Einen neuen deutschen Weltmeister gab es schließlich auch in diesem Jahr. Zwar ging das Main Event in Gestalt von Greg Merson endlich wieder einmal an das Mutterland des No-Limit Hold’em, doch in der Modevariante Pot-Limit Omaha riss sich einer der deutschen Pokerpioniere das Bracelet unter den Nagel.

Mit Glück und Geschick triumphierte Jan Peter Jachtmann, dem man diesen Hammer wirklich von Herzen gönnen kann.

Ob es wirklich nötig war, dass er sich als Herausgeber des Pokerblatts nach seinem Erfolg auch noch selbst auf dem Titel und im Editorial verewigte, sei dahingestellt, doch hat der Hamburger Jung auf jeden Fall bewiesen, dass auch Spieler jenseits der 30 noch etwas beim Poker bestellen können.

Mag es an meinem Alter liegen oder daran, dass ich Spieler bevorzuge, die neben der denglischen Pokersprache auch noch andere Themen auf der Pfanne haben, für Jan habe ich mich aufrichtig gefreut.

Keine Werbung für das Kings - Leon Tsoukernik
Keine WPT mehr? - Leon Tsoukernik.
 

Wer sich solange im Pokerzirkus hält, kann auf jeden Fall mehr als irgendein Jüngling gelten, der sich nach einem überraschenden Erfolg für den Größten hält.

In einem eher mäßigen Pokerjahr ragte dieser Sieg aus deutscher Sicht auf jeden Fall aus vielen guten Platzierungen heraus. Der Spieler des Jahres ist damit aus meiner Sicht genauso geklärt wie die Frage, wer die sauerste Zitrone des Jahres 2012 erhalten soll.

Die geht an den oben erwähnten Leon Tsoukernik, der den geschätzten Kollegen Robert Werthan des King’s Casinos verwies, weil dieser einen höchst amüsanten Artikel geschrieben hatte, der schließlich als Beleidigung des tschechischen Volkes gebrandmarkt wurde. Da fehlen einem die Worte.

Allen anderen einen guten Rutsch!

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