Poker kontrovers – No-Limit Hold'em nervt

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Rainer Gottlieb spielt schon seit 20 Jahren Poker und ist ein Urgestein der Berliner Pokerszene. Er ist regelmäßiger Gast bei Turnieren und Cash Games in der ganzen Welt. Rainer hat viel gesehen und sowohl die guten alten Zeiten als auch die Zeit nach dem Pokerboom mitgemacht. In seiner Kolumne wird er sich kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt des Pokers auseinandersetzen. Dieses Mal sagt er euch, warum ihn No-Limit Hold’em seit geraumer Zeit anödet und er sich wünschen würde, dass die Live Casinos beim Cash Game mehr Varianten anbieten.

Mir fällt ein Gedanke ein, den ich ca. 1996 notiert habe. Es war der Entwurf für einen Text und dieser stammt aus einer Zeit lange vor dem Pokerboom, als das Internet nur einer elitären Gruppe zugänglich war und es seine heute verfügbaren enormen Informationsmöglichkeiten mit Tutorials, Diskussionsforen, Blogs etc. noch nicht gab. Letztlich wurde der Text mangels Bedarf in den Printmedien aber nicht veröffentlicht

Die Kernaussage lautet: Poker wird nie langweilig

Seit einiger Zeit sehe ich das anders.

Ich muss gestehen, No-Limit Hold'em ödet mich mittlerweile an. Mir fehlt häufig die Spannung und die ursprüngliche Faszination ist auch schon lange weg.

Ich habe jede mögliche Holecardkombination mehrfach erlebt. Jede mögliche Flop-Turn-Riverkombination vermutlich nicht, trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, alles schon gesehen zu haben, insbesondere die negativen Ausprägungen, wenn Turn und/oder River mal wieder Runner-Runner oder einen Drei-, Zwei- oder Einouter brachten.

Beim Cashgame auf den Limits €2/€2 und €2/€4 oder €2/€5 kann man preflop den fünf- oder mehrfachen BB raisen, es gibt fast immer mehrere Caller.

In Turnieren, besonders bei den unsäglichen Multiple-Re-Entry-Ungetümen, nimmt niemand mehr die frühen Phasen ernst. Da callen vier, fünf Leute mit Müll und es wird geschaut, was passiert. Wenn es schiefgeht - Re-Entry.

Woran liegt das? Ich denke, es ist nicht vermessen zu sagen, dass heute jeder-No Limit Spieler über ein halbwegs solides Wissensfundament an Spielverständnis, Pokertheorie und  an strategischem Wissen verfügt.

Der Trend der letzten Jahre hat von selektiver Aggression zum Spielen möglichst vieler Hände mit Hyper-Aggression geführt. Daraus resultiert logischerweise höhere Varianz und es gibt damit häufigere Überraschungen und Suckouts.  

Es ist bedeutend schwieriger geworden, „Fische“ zu finden. Tableselection hat beim Livegame ohnehin noch nie richtig funktioniert, finde ich. Und nur darauf zu warten, dass ein halb- bis vollbetrunkener Nichtskönner sich zufällig an den Tisch gesellt, an dem man selber sitzt, ist zu selten und damit nicht profitabel.

Cash game
Viele Spieler wünschen sich, dass die Live Casinos auch andere Varianten als No-Limit Hold'em beim Cash Game anbieten.

Abgesehen davon hat es eine moralisch verwerfliche Komponente. Den Spruch „It’s immoral to let a sucker keep his money“ aus „Rounders“ habe ich noch nie richtig akzeptieren können.

Was also soll man tun, wenn man sich dieser mentalen Verfassung befindet? Aufhören mit Poker? Nein, dazu macht das Spiel an sich nun doch zu viel Spaß.

Ich reduziere seit einiger Zeit meine Spielhäufigkeit. Auch versuche ich, an anderen Orten zu pokern. Und ich werde nicht müde, bei den Pokerverantwortlichen der Casinos darauf zu drängen, andere Pokervarianten ins Angebot zu nehmen.

Wie wäre es mal wieder mit Limit 7-Card Stud? Z.B. mit Limits von €5/€10 oder €10/€20? Ich garantiere größere Pötte als bei 2/2 oder 2/4-5 NLHE.

Oder die online äußerst beliebte Variante 2-7 Triple Draw. Die sollte möglichst schnell angeboten werden.

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