Poker kontrovers - Mein Pokerjahr 2014

Rainer Gottlieb

Rainer Gottlieb spielt schon seit 20 Jahren Poker und ist ein Urgestein der Berliner Pokerszene. Er ist regelmäßiger Gast bei Turnieren und Cash Games in der ganzen Welt. Rainer hat viel gesehen und sowohl die guten alten Zeiten als auch die Zeit nach dem Pokerboom mitgemacht. In seiner Kolumne wird er sich kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt des Pokers auseinandersetzen. Dieses Mal fasst er sein Pokerjahr 2014 zusammen und sagt euch, warum es so wichtig ist seine Gewinne und Verluste genau zu notieren.

In jedem halbwegs guten Buch über die Grundlagen des Poker findet man im Zusammenhang mit "Money-Management" die dringende Empfehlung, sich durch zeitnahe und wahrheitsgemäße Aufzeichnungen einen Überblick über seine Pokerperformance zu verschaffen (z.B. "Lou Krieger, Hold'em Excellence, B&F-Verlag, 1995, Seite 150 ff) .

Wer das nicht tut, täuscht sich nach kürzester Zeit selbst, denn der selektive Geist des Menschen sorgt dafür, dass positive Ergebnisse im Gedächtnis bleiben, negative aber ausgefiltert werden.

Eine merkwürdige und manchmal schwierige Anforderung dabei ist, dass die Aufzeichnungen auch tatsächlich gemacht werden müssen. Es genügt nicht, sich das vorzunehmen und noch schlimmer wäre es, selektiv zu notieren. Cort "The Cortster" Kibler-Melby, sehr erfolgreicher High Stakes Cashgamespieler, und guter Freund aus meinem Berliner Homegame, schrieb dazu schon vor Jahren in seinem mittlerweile leider eingestellten Blog: "You only blog when you're winning". 

Nach einem harten Verlust ist es sehr schwer, das Ergebnis dann auch tatsächlich als Zahl mit negativem Vorzeichen zu notieren. Jedesmal, wenn das Ergebnisheft oder die Tabelle studiert wird, blinken dort dann Zahlen mit einem Minuszeichen davor. Das kann sehr frustrierend sein. Trotzdem, Ergebnisse - auch die negativen - müssen notiert werden, ansonsten wäre es nichts anderes als Selbstbetrug.

Jeder hat es vermutlich schon erlebt. Auf die Frage "Wie läuft es bei Dir?" lautet die Antwort erstaunlich oft: "Ich bin so etwa even, im Livegame habe ich gerade eine schlechte Phase, aber online bin ich noch gut vorn."

Ich behaupte, wer so antwortet, macht entweder keine Aufzeichnungen (und betrügt sich damit selbst) oder er sagt bewusst nicht die Wahrheit.

Ich notiere meine Ergebnisse seit etwa Mitte der 90er Jahre (des vorigen Jahrhunderts :-). Zunächst noch handschriftlich in einer Tabelle und mühsamer Auswertung mit Taschenrechner, dann mit dem Aufkommen (und Beherrschen) von Tabellenkalkulation auch am PC. In mein selbstgestricktes Excel-Spreadsheet trage ich Datum, Ort, Spielvariante, Limits, gespielte Stunden und Gewinn/Verlust ein. Das Programm liefert mir eine Reihe von Auswertungen.  So kenne ich besispielsweise meinen Gesamtgewinn aus über 20 Jahren, ich kenne die Jahresergebnisse, ich weiß, wie viel ich pro gespielter Stunde gewonnen habe, wie viel ich an welchem Ort verloren oder gewonnen habe, wie sich die Ergebnisse auf Turniere und Cashgames verteilen und wie die Standartabweichung aussieht.

Bilanzen
Wer Poker ernsthaft spielen und sich nicht selbst betrügen will, der sollte sich seine Gewinne und Verluste genau notieren.

Für die Neugierigen: Der Wert ist fünfstellig, die erste Ziffer ist keine 1, der Löwenanteil wird jedoch durch ein Einzelereignis verursacht: Es war der Gewinn eines Stud-Turniers der Master Classics of Poker in Amsterdam im Jahr 2000. Wer immer noch neugierig ist: Es gibt zu mir exakt einen Hendon Mob Eintrag.

Doch zurück zum Anfangsgedanken: Wie sehr man durch gefühlte Ergebnisse getäuscht werden kann, habe ich gerade selbst erlebt. Nach einem sehr enttäuschenden vierten Quartal 2014 war ich ziemlich sicher, dass ich das Jahr 2014 mit einem krachenden Verlust abschließen würde. Ich konnte mich nur noch ungenau an meinen letzten Turnier- und Cashgameerfolg erinnern. Als ich jedoch am 01.01.2015 meine Jahresbilanz betrachtete, musste ich staunen: Ich habe einen minimalen Profit gemacht (zweistellig, erste Ziffer eine 7). Der Begriff der schwarzen Null erlebt derzeit auch bei mir eine gewisse Popularität.

Der angenehme Effekt: Ich gehe deutlich motivierter ins Pokerjahr 2015.

Deswegen empfehle ich jeder/jedem, ihre/seine Pokerergebnisse zu notieren. Wer es bisher noch nicht praktiziert hat: Jetzt anfangen, es ist ein guter Poker-Vorsatz für 2015.

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