Poker kontrovers - Kann die Mathematik das Spiel besiegen?

Kann die Mathematik das Spiel besiegen?

Rainer Gottlieb spielt schon seit 20 Jahren Poker und ist ein Urgestein der Berliner Pokerszene. Er ist regelmäßiger Gast bei Turnieren und Cash Games in der ganzen Welt. Rainer hat viel gesehen und sowohl die guten alten Zeiten als auch die Zeit nach dem Pokerboom mitgemacht. In seiner Kolumne wird er sich kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt des Pokers auseinandersetzen. Dieses Mal befasst er sich mit dem Thema Bots, und sagt euch, warum deren Weiterentwicklung das Ende von Onlinepoker bedeuten könnte.

"Le calcul vaincra le jeu", soll Napoléon Bonaparte (1769 - 1821) vor etwa zweihundert Jahren gesagt haben. Sinngemäß bedeutet dieser Satz: "Berechnung (also die Mathematik) wird eines Tages den Zufall besiegen." Bonapartes Aussage bezog sich auf das Roulettespiel.

Obwohl seine Prognose die Jahrhunderte überdauerte, hat sie sich bis heute noch nicht bewahrheitet. Trotzdem zieht sie immer noch Unmengen an Jüngern an. Das lässt sich in jedem Casino der Welt beobachten, zumindest trifft es auf die zu, die ich in den letzten Jahrzehnten besucht habe, und das waren viele.

Egal wo, in jedem Spieltempel habe ich Menschen gesehen, die auf mehr oder weniger aufwändig gestalteten Notizzetteln die Roulettepermanenzen notierten. Alle beseelt oder getrieben von dem Gedanken, in der Reihe der zufällig aufgetretenen Gewinnzahlen Muster und Strukturen zu finden, um diese bei zukünftigen Einsätzen in Gewinne zu verwandeln.

Oder abstrakter formuliert: Aus einer Vergangenheitsbetrachtung sollen verwertbare Erkenntnisse für zukünftige Ereignisse gewonnen werden.

Das ist philosophisch und physikalisch unmöglich, kann nicht funktionieren und hat bis dato noch nicht funktioniert. Der beste Beweis dafür ist, dass es nach wie vor Casinos und Roulettetische gibt.

In einer anderen Domäne hat Monsieur Bonaparte nun vielleicht nach zweihundert Jahren recht bekommen und sein Ausspruch müsste heute  lauten: "Le calcul a vaincu le jeu".

Michael Bowling
Michael Bowling und sein Team von der Universität Alberta haben einen unschlagbaren Bot für Heads-Up Limit Hold'em entwickelt.

Eine Arbeitsgruppe um Michael Bowling an der Universität von Alberta hat offenbar ein Pokerprogramm ("Bot") namens Cepheus so weit entwickelt, dass dieses in der Variante "Heads-Up Limit Hold'em" nicht mehr zu schlagen ist.

Auf diversen Internetseiten mit Pokerbezug wurde intensiv über die Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin "Science" (http://www.sciencemag.org/content/347/6218/145) berichtet. Ganz normalen Tageszeitungen war es immerhin noch eine dürre Agenturmeldung wert.

 Ich will jetzt nicht in technische Einzelheiten gehen, das wurde bei den Kollegen von Pokerolymp bereits hinreichend getan.

Die Ankündigung der University of Alberta ist sehr interessant. Von Bots mit unterschiedlicher Komplexität und mit unterschiedlichen Fähigkeiten kann man seit Jahren lesen.

Es gibt dazu zwei prinzipielle Meinungen bzw. Einstellungen, die sich durch Diskussionsforen im Internet ziehen: Eine Fraktion meint, von Bots gehe keine Gefahr aus, weil sie sich niemals auf die komplexen Denk- und Entscheidungsvorgänge und die prinzipiell vorhandene unvollständige Information beim Pokerspiel einstellen könnten.

Die andere Gruppe meint, fähige Bots existierten seit langem, hätten sich schon längst beim Onlinepoker breit gemacht und Onlinespieler würden reihenweise abgezogen.

Ich kann und möchte das nicht bewerten. Ich möchte vielmehr ein Gedankenexperiment machen.

Pokerprogramme werden stetig weiterentwickelt, das zeigt uns die Arbeit der Expertengruppe an der University of Alberta. Was passiert, wenn es eines Tages gelingt, die Komplexität des Spiels in den Griff zu bekommen?

Bots
So könnte das im allerschlimmsten Fall in der Zukunft beim Onlinepoker aussehen.

Programme für komplexe Spiele mit vollständiger Information wie Dame und Schach sind mittlerweile so gut, dass der Mensch sie nicht mehr schlagen kann.

Wenn Informatikcracks in naher oder ferner Zukunft so weit kommen, den Einfluss der unvollständigen Information beim Poker zu minimieren oder ganz auszuschließen (Stichwort Big Data), dann wären Bots denkbar, die jede Form von Poker besser spielen würden als menschliche Gegner, vielleicht schon deshalb, weil sie nicht ermüden und psychologische Effekte wie Tilt, Frustration oder Selbstüberschätzung nicht kennen.

Wenn wir also unterstellen, es wird eines Tages derartige Programme geben, dann sieht es nicht mehr gut aus für Onlinepoker. In letzter Konsequenz würde das Phänomen Onlinepoker verschwinden.

Mon dieu, monsieur Bonaparte! Ich weiß noch nicht recht, ob ich das begrüßen oder verfluchen soll. 

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