Poker kontrovers - Die „Re-Entry-Pest“

Re-Entry Turniere

Rainer Gottlieb spielt schon seit 20 Jahren Poker und ist ein Urgestein der Berliner Pokerszene. Er ist regelmäßiger Gast bei Turnieren und Cash Games in der ganzen Welt. Rainer hat viel gesehen und sowohl die guten alten Zeiten als auch die Zeit nach dem Pokerboom mitgemacht. In seiner Kolumne wird er sich kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt des Pokers auseinandersetzen. Dieses Mal sagt er euch, warum ihn Re-Entry Turniere tierisch nerven.

Seit einigen Wochen meide ich die Turniere mit den kleinen Buy-Ins in Berlin. Ich habe keine Lust auf die ewig gleichen Gesichter, auf die ewig gleichen Hände und auf die ewig gleichen Drei- oder Zweiouter, die mich aus dem Wettbewerb befördern, weil offenbar keiner mehr Turniere mit kleineren Buy-Ins ernst nimmt.

Mein Rezept? Einfach mal eine Auszeit nehmen, bis ich wieder Lust verspüre, ein Turnier zu spielen.

Meine Unlust wird allerdings durch einen Aspekt in der heutigen Turnierlandschaft massiv gesteigert:

Es regt mich auf, dass mittlerweile nahezu kein kleines, mittleres oder größeres Turnier ohne die nervigen Late Entry und/oder Re-Entry-Optionen angeboten wird.

Ein Blick auf die Webseiten von europäischen Casinos, Cardrooms und Turnierserien liefert zwar nur eine Momentaufnahme, aber mein negatives Bild zur Turnierlandschaft bestätigt sich mit überwältigender Klarheit (siehe Tabelle). Freezeout Turniere sind fast vollständig verschwunden:

Ort

Bewertungszeitraum

Anzahl Events

Anzahl Reentry

Anzahl  Rebuy

Anzahl Freezeout

CCC Simmering

26.08. bis 03.09.

12

11

 

1

Bad Oeynhausen

BO-Classic + Sonntagsturniere

 

alle

 

0

Pokerfloors Berlin (3)

Wochenprogramm

21

16

5

0

King‘s Rozvadov

03.09. – 09.09.

11

10

 

1

10.09. – 23.09. (German Poker Days)

25

21

 

4

CAPT Linz

17.09. – 21.09.

3

3

0

0

Empire London*)

Wochenprogramm

7

3

1

3

WPT Zypern

 01.09. - 11.09.

22

11

8

?**)

Battle of Malta

05.09. – 09.09.

9

9

 

0

*) Casino at the Empire    
**) keine explizite Freezeout-Kennzeichnung

Das Thema wird selbstverständlich auf breiter Ebene diskutiert und schon 2011 äußerten sich im Cardplayer Online Spieler zu den Pros und Cons von Re-Entry Turnieren:

Jonathan Little: “Ich glaube, diese Turnierform bringt enorme Nachteile für Freizeitspieler und dürfte allgemein eine Gefahr für die komplette Turnierszene darstellen. Unterm Strich werden die Fische deswegen eventuell irgendwann keine Turniere mehr spielen und die Szene wird insgesamt darunter leiden. Deswegen denke ich, Re-Entry-Konzepte sind etwas zu kurz gedacht.“

2013 meinte der international renommierte Turnierdirektor Matt Savage dazu: "Viele Leute kritisieren Re-Entry-Events. Ich finde Spieler, ja sogar Casinos denken hier nur an kurzfristige Vorteile. Re-Entry Turniere wirken sich negativ nicht nur auf Casinoprofite, sondern auch auf die Profitmöglichkeiten der Spieler aus. Spieler besuchen Turniere um dort zu spielen. Wenn sie rausfliegen gab es immer Cashgames, Satellites oder irgendwelche Side Events in denen sie weiterspielen konnten. Jetzt aber, mit der Re-Entry-Option, investieren sie Zeit und Geld für zweite, dritte oder sogar noch mehr Versuche. Das bedeutet, diese Spieler sind entweder für andere Events nicht verfügbar oder haben Geld in ein Re-Entry gesteckt, welches woanders hätte landen können. Sie dezimieren damit nicht nur ihre Bankroll bei Einzelevents, es kann sogar sein, dass sie finanziell nicht mehr in der Lage sein werden, am nächsten Tag zu spielen oder zum nächsten Turnier zu reisen.“

Matt Savage
Der bekannte Turnierdirektor Matt Savage sowie einige Poker Pros machten bereits auf die Gefahren der Re-Entry Turniere aufmerksam.

Abschließend noch die Meinung von Matt Glantz: "Es gibt eine eindeutige Kehrseite, wenn Amateure das Gefühl bekommen, Sie seien wegen Re-Entries den Pros gegenüber zusätzlich im Nachteil. Trotzdem falls der Amateur dieselbe Möglichkeit des Re-Entry hat, werden sich seine Gewinnaussichten sogar mindern, wenn er und der Pro in gleicher Weise nachkaufen.“

Die Befürworter von Re-Entry-Turnieren argumentieren immer gleich: Es kommt mehr Geld in den Preispool, man kann nach einem unglücklichen Bustout neu starten, kleine Cardrooms können größere Teilnehmerfelder generieren…

Alles richtig, trotzdem kritisiere ich die allgemeine Entwicklung in der Turnierszene.

Und deswegen meine Frage an Casinos, Cardrooms und Turnierveranstalter:

Warum wird Turnierpoker nicht mehr in der “reinen“ Form angeboten, wobei alle mit gleichem Buy-In und zum gleichen Zeitpunkt starten, also als Freezeout mit definiertem Startzeitpunkt?

Wenn ich mich in ein Turnier einkaufe, egal ob für 50, 200, 500 oder mehr Euro, dann möchte ich wissen, worauf ich mich einlasse. Ich möchte wissen, wie viele Spieler am Start sind, wann das Ereignis tatsächlich als Turnier beginnt, wie hoch der Preispool ist und wie viel es mich kostet.

Ich möchte nicht spekulieren, ob da eventuell noch Nachzügler kommen, wie viele Maniacs die Re-Entry-Optionen bis ins Absurde ausreizen und damit den tasächlichen Turnierbeginn hinauszögern und ob ich eventuell jeweils das Doppelte, Dreifache oder noch mehr des Buy-Ins riskieren muss.

Und deswegen wird es vielleicht mal wieder Zeit für einen Trip nach London. Nicht nur des Pokerns wegen. 

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