Poker kontrovers - Die Kolumne von Rainer Gottlieb

Rainer Gottlieb

Rainer Gottlieb spielt schon seit 20 Jahren Poker und ist ein Urgestein der Berliner Pokerszene. Er ist regelmäßiger Gast bei Turnieren und Cash Games in der ganzen Welt. Rainer hat viel gesehen und sowohl die guten alten Zeiten als auch die Zeit nach dem Pokerboom mitgemacht. In seiner Kolumne wird er sich kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt des Pokers auseinandersetzen. Dieses Mal beschätigt er sich mit der Frage: Dresscode im Casino - Ja oder Nein?

"Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." (Karl Lagerfeld)

Ich kann, darf und soll in dieser Kolumne meine Meinung sagen. Wunderbar. Fangen wir mit einem Thema an, dass mir allsommerlich auf die Nerven geht.

Es ist glühendheiß in Berlin. Seit ein paar Tagen haben wir endlich wieder Temperaturen um die 30 Grad. Das freut mich. Schönes Wetter hebt die Stimmung, bessert die Laune und lockert das allgemeine Wohlbefinden.

Vor Kurzem rief ich im Pokerfloor Fernsehturm an, um mich für ein Turnier anzumelden.  

Zu meiner Verblüffung hieß es am Telefon: „Bitte kommen Sie nicht in Shorts oder Flip-Flops, wir mussten heute schon Gäste abweisen.“

Super! Ich versicherte ihm, dass es gar nicht so heiß sein könnte, als dass ich ein Casino in kurzen Hosen, geschweige denn Flip-Flops betreten würde. Und ich freute mich über diese Festlegung, denn schon oft während der letzten Sommer fand ich mein ästhetisches Empfinden arg überstrapaziert, wenn ich den Anblick gewisser Leute an den Pokertischen in einem Sommeroutfit auszuhalten gezwungen war, welches allenfalls als „strandtauglich“ zu bezeichnen wäre. Zu manchen olfaktorischen Begleiterscheinungen verkneife ich mir Bemerkungen, obwohl diese durchaus angebracht wären.

Einer der Saalchefs der Spielbank am Fernsehturm, Herr Wagner bestätigt mir auf Nachfrage nochmals diese Festlegung: „Wir haben uns entschieden, Gäste in Flip-Flops, und/oder Tanktops und/oder kurzen Hosen zu bitten, in angemessener Kleidung wieder zu kommen.“ Chapeau! Diplomatisch formuliert, aber deutlich.

Leider galt diese erfreuliche Entscheidung nur kurz und nach etwa einer Woche waren wieder zahllose Spieler in optisch unerträglichem Outfit zu sehen. Eine Parade der Geschmacklosigkeiten gefällig? Ärmellose T-Shirts, geschmacklose kurze oder Dreiviertelhosen, Sandalen, Crocs, Shorts, Flip-Flops.

Irritiert befragte ich die Leiterin der Dependance Fernsehturm der Spielbank, Frau Löhr. Ich erfuhr, die Entscheidung sei zurückgenommen worden, weil im Haupthaus am Potsdamer Platz mittlerweile nicht nur im Pokerfloor, sondern im „Casino Royale“ im Obergeschoss jegliche Festlegungen bezüglich der Kleidung aufgehoben seien. Auch hierbei musste ich eine sehr diplomatische Formulierung hören: Der Fernsehturm ist im Vergleich zum Potsdamer Platz ein „benachteiligter Standort“ bezüglich Gästeaufkommen und wirtschaftlichem Ergebnis.

Damit gilt offenbar die Empfehlung der Website der Spielbank nicht mehr:

„Sie dürfen sich einfach und ungezwungen bei uns wohlfühlen. In Berlin wird der individuelle Stil jedes Einzelnen mehr geschätzt, als strenge Vorgaben. Lange Hosen und geschlossene Schuhe bei den Herren bleiben aber Pflicht. Im Casino Royal gilt mindestens „Smart Casual“, also ein gehobener Freizeitlook. Im Rest des Hauses und im Pokerbereich geht es durchaus auch sportlicher zu.

Flip Flops
"Es kann gar nicht so heiß sein, als dass ich ein Casino in kurzen Hosen, geschweige denn Flip Flops betreten würde", sagt Rainer G.

Offenbar bin ich nicht der einzige, den derartige Outfits irritieren, denn in einschlägigen Foren wurde das Thema schon im letzten Sommer der Temperatur angemessen heiß und kontrovers diskutiert:

„Rein theoretisch würde es sogar nicht auffallen, wenn du nackig reingehen würdest Spaß, also im Pokerfloorbereich kein Dresscode, im Casino Royal aber schon“

„Jogginghose ist nie in Ordnung, egal wo man hingeht, abgesehen vom Sport!“

„OMG, kann mich gut an das unmögliche Outfit erinnern. Es war glühend heiß, aber das kann keine Begründung für eine dermaßen deplatzierte Kleidung sein.“

„Lasst den jungen Man in Ruhe und zieht nicht so über ihn her. (Weiss er, dass ihr das hier so macht!? wohl kaum) Sein Outfit drückt genau die gesunde Lässigkeit und Selbstbewusstsein aus, die so manch einer der sog. eingessenen Kritiker ohne zeitgemäßen & passenden Stil "mitten im Sommer" voller Neid (bewusst oder unbewusst) wahrscheinlich gerne selber haben würde.“

Klar, man kann dazu verschiedenste Einstellungen an den Tag legen. Es gab einmal Zeiten - lange vor dem „Pokerboom“ - da war es völlig normal, dass in Jackett, Hemd und mit Krawatte gepokert wurde. Auch, weil die Casinos diesen Kleidungsstil forderten. Das gab der Pokerpartie eine besondere Atmosphäre und einen speziellen Stil. Nicht dass ich das zwingend wieder herbeisehne, aber ich bin nicht bereit, die Outfitentgleisungen mancher heutiger Zeitgenossen zu akzeptieren.

Letztlich sollte die Kleidungsfrage durch Vorgaben, die der Pokerroom seinen Gästen macht, festgelegt werden. Völlige Freiheit bei der Kleiderwahl führt bei Vielen nur zu Irritationen.

Aber ich bin Realist. Leider kann ich mir nicht vorstellen, dass die Spielbank in Kleidungsfragen zurückrudert und wieder klare Vorgaben macht. Leider!

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