Poker kontrovers – Deals bei Pokerturnieren – Ja oder Nein?

Deal or No Deal am Final Table bei Pokerturnieren?

Rainer Gottlieb spielt schon seit 20 Jahren Poker und ist ein Urgestein der Berliner Pokerszene. Er ist regelmäßiger Gast bei Turnieren und Cash Games in der ganzen Welt. Rainer hat viel gesehen und sowohl die guten alten Zeiten als auch die Zeit nach dem Pokerboom mitgemacht. In seiner Kolumne wird er sich kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen mit den aktuellen Entwicklungen in der Welt des Pokers auseinandersetzen. Dieses Mal stellt er euch die gängisten Formen der Deals vor und befasst er sich mit der Frage, ob man am Final Table eines Pokerturniers einen Deal machen sollte oder nicht.

Die verschiedenen Arten eines Deals

Ein Pokerturnier ist ein Eliminierungsprozess. Die Teilnehmer starten - abgesehen von Spielerfahrung - mit den gleichen Konditionen. Alle haben dieselbe Menge an Chips, für jeden gelten die gleichen Spielregeln und auch die Turnierstruktur bezüglich Blinds, Blindzeiten und Blindsteigerungen ist für alle gleich.

Obwohl heutzutage im Turnierpoker „moderne“ Auswüchse wie der „Re-Entry-Pest“ vorherrschen, die ein Turnier letztlich nur zeitlich dehnen, entspricht das Turnierprinzip nach wie vor der Idee, dass alle Teilnehmer zu gleichen Bedingungen starten, und dass durch Blind- und Antesteigerungen ein Ausscheidungsprozess in Gang gesetzt wird, bei dem irgendwann eine Gruppe von Spielerinnen und Spielern übrig bleibt, die es in die Geldränge geschafft haben.

icmcalculator
So würden die Zahlen bei einem ICM-Deal der letzten 6 Spieler für ein Turnier mit einem Preispool von €100 aussehen.

Je nachdem, wie ein Spieler sich dann innerhalb der Geldränge weiter behauptet, bekommt er oder sie mehr oder weniger vom Preispool ab.

Es kommt jedoch recht häufig vor, dass die Spieler sich auf eine Geldverteilung einigen, die nicht der ursprünglich kalkulierten Preisgeldverteilung entspricht. Dann spricht man von einem Deal oder einer Teilung.

Die zwei gängisten Arten eines Deals sind der Deal nach Chipcount, auch Chip Chop genannt, und der ICM-Deal.

Chip Chop: Das Preisgelds wird prozentual nach den aktuellen Chipständen aufgeilt.

ICM-Deal: Diese Methode basiert auf dem Independent Chip Model (ICM), also darauf, welches Preisgeld ein Spieler im Schnitt zu diesem Zeitpunkt ausgehend von der Anzahl seiner Chips erwarten kann. Diese Variante begünstigt die kleineren Stacks, weil der Chipleader zustimmt einen Teil seines Preisgeldes an diese abzugeben, um sich dadurch den größten Teil am Preispool zu sichern.

Die Teilnehmenden machen einen Deal

Man kann jetzt trefflich darüber streiten, ob Dealmaking der reinen Turnieridee entspricht, nämlich dass ein Spieler entsprechend seinem Erfolg im Turnier entlohnt wird.

Es gibt Spieler, die Deals grundsätzlich ablehnen, unabhängig davon, wie sich ihr aktueller Chipstand in einer Turniersituation auf ihr Preisgeld auswirken würde. Sie sind offenbar die Anhänger der reinen Turnieridee.

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Harry Casagrande brachte seine strikte Ablehnung von Deals sogar den Spitznamen "Absolute No Deal" ein.

Der mittlerweile völlig in der Versenkung verschwundene Matthias Rohnacher (erster Deutscher der bei der WSOP ein Bracelet gewann) war bekannt dafür, niemals Deals zu machen. Das gilt auch für Harry Casagrande, dem seine konsequente Einstellung sogar den legendären Spitznamen „Absolut No Deal“ einbrachte.

Andere wiederum lassen sich bei ihren Entscheidungen von der momentanen Turniersituation und der Chipverteilung unter den Spielern leiten. Das kann durchaus vernünftig sein und ein Beispiel aus jüngerer Zeit verdeutlicht dies eventuell:

Ein Sideevent beim letzten Triple A-Turnier der Spielbank Berlin am Potsdamer Platz war ein echtes Freezeout-Turnier mit Buy -In von 165 Euro. Dies Turnier wurde gern angenommen, mit mehr als 70 Teilnehmenden kam es zu einem Preispool von 11.250 Euro (Ich habe mitgespielt), weil ich Re-Entry-Turniere zu vermeiden versuche. Acht Plätze sollten bezahlt werden, der/die Siegerin würde etwa 3900 Euro erhalten.

Als man zu zehnt an den Finaltisch ging, machte ein Spieler den Vorschlag, ob man das Preisgeld nicht auf alle Verbliebenen verteilen solle, 10%, also 1.125 € für jeden so war der Vorschlag.

Es gab ungläubiges Stutzen. „Wir sind doch noch gar nicht im Geld.“, war zu hören. Ein Wochenendgast aus Münster lehnte es zunächst ab, kein Wunder, er war Chipleader.

Doch die Diskussion versachlichte sich schnell, als jedem klar wurde, dass sich bis auf den Chipleader alle im „Push-or-Fold-Modus“ befanden. Jeder hatte um die 10 BB, nur der Chipleader hatte etwa 25 BB.

Erst ab dem vierten Platz hätte es ein höheres Preisgeld gegeben als die 10% vom Preispool.

Wer hier einen Deal ablehnte, hätte sich also (abgesehen vom Chipleader) mit 10 BB in das PoF-Minenfeld begeben müssen. Er hätte riskiert, außerhalb der Geldränge (Plätze 10 und 9) rauszufliegen oder von Platz 8 bis 5 ein niedrigeres Preisgeld zu bekommen.

Dealverhandlungen
So sehen die Dealverhandlungen am Final Table einer EPT aus. Tom Middleton und Kimmo Kurko diskutieren die errechnete Preisgeldverteilung.

So ist es kein Wunder, dass man sich recht schnell einig wurde, jedem 10% des Preispools auszuzahlen. Auch der Chipleader hatte sich von seinen Begleitern aus dem Münsterland überzeugen lassen.

Und bevor jetzt wieder das Gemoser wegen der unzureichenden Turnierstruktur losgeht: Ein Sideevent muss irgendwann mal zu Ende gebracht werden. Und es nähert sich erfahrungsgemäß dem Ende, wenn etwa 50 bis 150 BB am Tisch sind.

In dieser Situation waren wir. Dass die Chipverteilung nahezu identisch war, sprach ganz klar für einen Deal.  

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