Poker in den Neunzigern - Naivität in der Illegalität und Razzia bei Heidelberg

Poker in den Neunzigern – ein bisschen Nostalgie darf sein, auch damals wurde schon gepokert - wenn auch etwas anders als heutzutage.

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Kurhaus Baden Baden

Spielbank-Poker kam 1989 nach Deutschland und zwar in der Variante 7-Card Stud. Die Spielbanken Baden-Baden und Bad Zwischenahn waren die Pioniere in Deutschland, nachdem die Casinos Austria das Pokerspiel vorher auf den europäischen Kontinent geholt hatten.

Die Spieler bildeten eine kleine, feine und überschaubare Gemeinde, es gab nur ein paar überregional bekannte und teilweise international aktive Spieler. Leute wie Mickey Finn, Lothar Landauer, Matthias Rohnacher, die Gebrüder Holle. Von einem Pokerboom konnte damals keinesfalls die Rede sein.

Erste Hochburg in Wiesbaden 

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Casino Wiesbaden bei Nacht

In der ersten Hälfte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelte sich dann die Spielbank Wiesbaden zur Pokerhochburg in Deutschland. Ein aufgeschlossenes und innovatives Management führte ergänzend zu 7-Card Stud auch Texas Hold’em (Limit) und Omaha ein.

Die Popularität von Poker in Wiesbaden und Baden-Baden veranlasste einen der dortigen Stammspieler – er wurde damals allgemein als Koryphäe für Poker gesehen – eine sogenannte „Pokerschule“ zu eröffnen. Ich möchte dazu ein paar eigene Erlebnisse schildern:

Zocken in der Pseudo-Pokerschule

In der Nähe des malerischen Heidelberg existierte ein kleiner, feiner aber illegaler Pokerclub mit dem bezeichnenden Namen »Poker Paradise«. Das Poker Paradise war als „Pokerschule“ angemeldet und es gab zumindest laut Angaben des Betreibers eine gewerberechtliche Genehmigung für den „Schulbetrieb“. Im Obergeschoss des Gebäudes in einem Industriegebiet standen in verschiedenen Räumen insgesamt fünf Pokertische. Dort hätte man bei entsprechender Nachfrage Pokervorlesungen, Seminare und sonstige Weiterbildungen belegen können.

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Chips aus dem Poker Paradise

Hätte! Seminare fanden niemals statt. Der tatsächliche Bedarf der Besucher orientierte sich eindeutig in die praktische Richtung: es wurde zu unterschiedlichen Einsätzen der verwerflichen Passion des Kartenspiels um Geld gefrönt.

Der Club war jedes Wochenende brechend voll. Es wurde rund um die Uhr gespielt und dabei ging es – wie die Spieler einvernehmlich bestätigten – absolut fair und korrekt zu. Die Taxe war niedrig, Drinks und Snacks waren für Spieler gratis, jeder fühlte sich dort wohl und weder Spieler noch Veranstalter schienen irgendwelches Unrechtsbewusstsein zu verspüren (und das, obwohl keine Steuern abgeführt wurden…).

Naivität in der Illegalität

Es war nahezu idyllisch und der Club florierte über ein Jahr. Leider war er – nun ja – illegal und im Laufe der Zeit machte der Betreiber einige Fehler, die von schreiender Naivität zeugten:

  • Über den Club und seine Turnier- und Cashgame-Aktivitäten wurde mehrfach in der amerikanischen Fachzeitschrift „Card Player“ berichtet und geworben, so als handele es sich um einen legalen Pokerbetrieb. Allerdings war das Fachmagazin damals bei weitem noch nicht so verbreitet wie heute.
  • In den Spielbanken der Umgebung (Baden-Baden, Wiesbaden und Bad Homburg) war es ein offenes Geheimnis, dass man im Poker Paradise „preiswerter“ spielen konnte, keinen Eintritt zahlen musste und Drinks und Snacks dazu auch noch gratis bekam. Wer die Pokerspieler dort angesprochen hatte, um sie abzuwerben, war lange Gegenstand wilder Spekulationen. Immerhin war der Clubbetreiber Stammgast in beiden Spielbanken (später wurde er „eigenartigerweise“ gesperrt).

Razzia durch das SEK

Es kam wie es kommen musste: Die Behörden bekamen Wind von der Sache. Der Club wurde über Wochen polizeilich observiert, Autonummern der Besucher wurden notiert, Beweisfotos geschossen.

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Ende der Pokerschule durch SEK-Einsatz

Eines Abends – es war der 22.09.1995 - wurden die pokernden Clubbesucher von einem lauten Krachen an der verschlossenen Eingangstür im Erdgeschoss in ihrer Passion gestört. Binnen Sekunden war ein Sondereinsatzkommando vermummter Polizeibeamter im Raum. Mit der Waffe im Anschlag postierte sich ein Beamter hinter jedem anwesenden Spieler.

Ich selbst war an jenem Abend zugegen und bin immer noch beeindruckt, mit welcher professionellen Klasse und Schnelligkeit die Polizeibeamten die Situation unter Kontrolle hatten. Niemand wagte sich zu rühren. Direkt im Anschluss kam ein Team von Beamten mit Videokameras, die an jedem Spieltisch genau dokumentierten, was an Chips und Geld auf dem Tisch lag.

Danach folgte das Übliche: Feststellen der Personalien, erkennungsdienstliche Behandlung derjenigen, die sich nicht zweifelsfrei ausweisen konnten und Beschlagnahme des Spielkapitals aller Teilnehmer.

Erst Wochen später kam es zu individuellen Vernehmungen durch die Kriminalpolizei. Noch viele Wochen später wurde eine Gerichtsverhandlung anberaumt. Sie fand allerdings nie statt, sondern wurde kurzfristig ausgesetzt. Jedem überführten Teilnehmer wurde angeboten, gegen Zahlung von 500 DM an gemeinnützige Projekte die Verfahren einzustellen. Ich glaube, niemand hat schneller 500 DM an die „Hilfe zur Selbsthilfe Suchtkranker und Suchtgefährdeter Heidelberg“ überwiesen als ich, nachdem mir diese Möglichkeit eröffnet wurde.

Der Veranstalter musste allerdings einen deutlich höheren Betrag zahlen. Die Taxe war deutlich über der der Spielbanken.

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