Poker Bots: Der Anfang vom Ende? Keineswegs!

Phil Laak

Ernsthafte Pokerspieler, insbesondere Online-Spieler, sind sich der Problematik um so genannte „Bots" bewusst. Bot steht für Roboter, und in unserem Fall geht es natürlich um die Roboter, die zum Pokerspielen entwickelt werden.

Ein Bot ist nichts Anderes als Künstliche Intelligenz (kurz AI für Artificial Intelligence), d.h. es handelt sich um ein Programm, dass nicht nur in der Lage ist, bestmögliche Entscheidungen zu treffen, sondern auch zu lernen und sich zu verbessern.

Es existieren bereits zahlreiche funktionsuntüchtige Bots auf dem Markt. Müll, den man kaufen oder leasen kann. Tatsächlich spielt jedoch niemand besseres Poker als Sie selbst (jedenfalls hoffe ich das für Sie).
Es gibt jedoch auch einen Pokerbot, der großes Aufsehen erregt hat. Dabei handelt es sich um eine AI mit dem Namen Polaris, entwickelt von Mitgliedern der Computer Poker Research Group (CPRG) von der Universität von Alberta.
Polaris
hat bereits mehrere Wettkämpfe gegen andere Pokerbots gewonnen und geriet kürzlich in die Schlagzeilen, als er gegen mehrere Online-Profis siegreich blieb.
Besuchen Sie ruhig einmal die Website der CPRG und folgen Sie einigen Links. Einer davon führt Sie zu Poki, einem Bot im Entwicklungsstadium, der im Rahmen von Pokerlernprogrammen eingesetzt werden kann. Unter den anderen Links finden Sie hauptsächlich technische Daten und wissenschaftliche Publikationen.

Bots im Allgemeinen, Pokerbots im Besonderen und der gesamte Bereich AI sind Objekte zahlloser Fantasien. Computerfreaks begeistern sich für die ausgekügelte Software. Mathematiker geraten angesichts  des Potenzials der ihnen zugrunde liegenden Systeme ins Schwärmen.
Spezialisten für angewandte Wissenschaft spekulieren bereits über mögliche Einsatzbereiche wie Auktionen, Rohstoff- und Börsenhandel.
Pokerspieler nehmen naturgemäß einen ganz anderen Standpunkt ein - Pokerbots sorgen für Angst, Schrecken und Paranoia.
Der Erfolg von Polaris hat auch das Interesse der Medien angeregt. Die Rede ist bereits davon, dies sei der Anfang vom Ende von Online-Poker. Polaris wird inzwischen schon mit Deep Blue verglichen, dem AI-Schachprogramm, das sogar Garri Kasparow geschlagen hat.
Gerüchte kursieren über dubiose Betrüger, die mit verborgenen Bots ahnungslose Internetspieler ausnehmen - haarsträubende Geschichten, die Onliner in Panik versetzen. Es gilt nun, sich vor Augen zu führen, wie sich die Situation tatsächlich darstellt.

Überlegen wir uns also zunächst einmal, wie sich ein Spiel Mensch gegen Polaris gestaltet.

Wir spielen:

Texas Limit Hold'em (LH). Polaris setzt sich (metaphorisch gesprochen) weder an einen Stud- noch an einen Omaha-Tisch. Das Programm wurde bei den Gelegenheiten, als es für No Limit Texas Holdem eingesetzt wurde, von guten Spielern dauerhaft geschlagen.

Limit Hold'em ist im Vergleich zu No Limit ein deutlich algorithmischeres Spiel. Das bedeutet nicht, dass es weniger komplex ist oder weniger Können erfordert. Es bedeutet lediglich, dass es viel einfacher ist, für LH effiziente, allgemeingültige Regelsätze zu entwickeln.
Der Satz sagt auch nichts über die Zukunft über Pokerbots in der Weltspitze von NLHE aus, denn das ist eine völlig andere Dimension. Niemand kennt die optimale Strategie für NLHE, und möglicherweise gibt es diese ja auch gar nicht.

Heads-up. Polaris kann nur gegen einzelne Gegner spielen. Im Heads-up werden einige Variablen ausgeschlossen, die in einem Spiele gegen mehrere Gegner einkalkuliert werden müssen.
Um einen Bot in die Lage zu versetzen, gegen mehrere Gegner zu spielen, sind aberwitzige Programmierungen notwendig, hinzu kommt noch, dass die Strategie maximaler Effizienz bisher noch gar nicht entdeckt wurde. Noch einmal: Das soll nicht bedeuten, dass es unmöglich ist, einen solchen Pokerbot zu entwickeln, aber es bestehen gewaltige technische Schwierigkeiten.

Duplicate Poker. Die oben genannte Partie wurde in Abwandlung des Prinzips Duplicate Poker gespielt. Das bedeutet, dass nacheinander alle Spieler dieselben Karten erhalten und diese von beiden Positionen aus spielen müssen.
Einer der Spieler erhält also z. B. AsKd, sein Gegner dagegen Ts9s. Später erhält jeweils der andere Spieler diese Karten.

Duplicate Poker minimiert Varianzen, indem es den Glücksfaktor reduziert. Ganz auszuschließen ist dieser Faktor natürlich nicht. Ein Beispiel: Sie folden (korrekt) eine Hand, in der sie zurückliegen, aber ein anderer Spieler macht stattdessen einen Call und findet die magische Gewinnerkarte auf einem River, den sie gar nicht zu Gesicht bekommen haben.
Im Vergleich zu einem Standardspiel reduziert Duplicate Poker die Varianz jedoch um etwa zwei Drittel. Dadurch wird die statistische Auswertung stark vereinfacht. Für aussagekräftige Daten müssen nur noch ein Neuntel der Hände gespielt werden, weshalb sich die CPRG für Duplicate Poker entschied.

Viele sehen darin bereits die Zukunft von Poker. Ich gehöre nicht dazu. Da der Glücksfaktor minimiert wird, werden schlechte Spieler seltener gewinnen und regelmäßiger verlieren. Das Verhältnis von Glück zu Können ist meiner Ansicht nach derzeit einfach genau richtig.

Kenna James
Matt Hawrilenko wurde von einem Poker Bot besiegt
Die Gegner. Die „Profis" in der Partie gegen Polaris waren junge, aber erfahrene Online-Spieler. Nach 3000 Händen lag Polaris 195 Small Bets in Führung, statistisch gesehen ein signifikanter Wert.
In einer früheren Partie spielte Polaris gegen die bekannten Pokerprofis Phil Laak und Ali Eslami. Polaris schlug Islami, aber Laak gewann so viel, dass die beiden insgesamt leicht vorne lagen. Die menschliche Spezies (Wenn man Laak dazu zählen möchte) feierte dies als großen Sieg.

Die Stakes. Ein wichtiger, aber häufig übergangener Faktor dieser Partien besteht darin, dass Polaris ausschließlich um virtuelles Geld spielt und nicht um echtes. Obwohl die Profis zweifellos mit übergroßen Egos gesegnet sind (was wäre ein Topspieler ohne?), hatte der Umstand, dass beide nicht um ihre Bankroll fürchten mussten, sicherlich Einfluss auf ihr Spiel.

Die Online-Spieler verloren insgesamt 195.000,- virtuelle Dollar. Hätten sie anders gespielt, wenn sie tatsächlich Gefahr gelaufen wären, so viel Geld zu verlieren? Mit größter Wahrscheinlichkeit. Hätten sie besser gespielt? Vielleicht. Oder schlechter? Vielleicht.

Ein ernüchterndes Ergebnis

In Anbetracht dieser Sachlage erscheinen viele Sorgen hinsichtlich Polaris unbegründet.
Die Paranoiden im Netz können also damit aufhören, Gerüchte über Hacker zu verbreiten, die alle Hole Cards sehen können. Dennoch hat der Erfolg der CPRG Konsequenzen für die Forschung und für Poker.

Zum einen sind sie Wegbereiter für AI-Programme, die aus Erfahrungswerten in einem sehr komplexen Spiel lernen können. Zum anderen zeigt das Experiment aus heuristische Sicht, dass eine optimale Strategie für Limit Hold'em existiert. Das genügt um jeden ernsthaften Spieler sehr nachdenklich werden zu lassen.
Es gibt dazu noch viel mehr zu sagen, aber meine Lektoren werden langsam nervös. Deshalb breche ich an dieser Stelle ab.

In meinem nächsten Artikel widme ich mich artverwandten Themen, die hinsichtlich des Erfolgs von Polaris  derzeit immer wieder in Blogs, auf Websites und in anderen Medien angesprochen werden.

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holdem-poker-bot.com 2015-12-28 16:15:14

schöner Artikel

theoretiker 2013-03-31 11:22:23

3 Bots an einem Tisch - von verschiedenen Accounts aus, aber miteinander verbunden - und schon geht die Abzocke los.

Wer Poker online spielt, ist ein Narr, der entweder spielsüchtig ist oder sein Geld zum Fenster rauswerfen möchte.

nero 2011-02-01 01:15:28

hey cool