Poker Bots – die Online-Invasion

poker bot
Poker Bots sind frei im Internet erhältlich.

Nachdem bei PS und FT Bots identifiziert und entfernt wurden, fragt sich die Community, wie man in Zukunft mit den inzwischen problemlos erhältlichen Programmen umgehen soll. Ein Bericht zu dem brisanten Thema aus der New York Times.

Bryan Taylor, 36, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas Merkwürdiges vor sich ging. Drei seiner häufigsten Gegner im Online-Poker verhielten sich seltsam. Sie spielten derartig ähnlich, dass es Taylor verdächtig vorkam.

Der seit 2008 professionell spielende Taylor vermutete, dass er hier nicht gegen menschliche Gegner antrat, sondern gegen Bots – Programme, die darauf angelegt sind, Poker zu spielen und die Odds zu schlagen.

Wie sich zeigte, hatte er Recht. Nach einer Untersuchung durch  PokerStars wurde bekannt, dass die besagten Gegner als Computerprogramme identifiziert und daraufhin gesperrt wurden.

Poker Bots sind keine Neuigkeit, waren bisher aber nicht sehr gut. Menschen konnten die Nuancen des Spiels einfach besser ausreizen – das Bluffen zum Beispiel – und waren deshalb in der Lage, die künstlichen Intelligenzen zu schlagen. Allerdings wurde in den letzten Jahren viel Entwicklungsarbeit geleistet, so viel, dass Poker Bots heute in der Lage sind, bei großen Pokeranbietern Zehntausende von Dollar zu gewinnen, weswegen diese versuchen, durchzugreifen.

Die von Bryan Taylor erkannten Bots auf PokerStars wurden im Juli abgeschaltet. Im Oktober informierte auch Full Tilt seine Kunden darüber, Maßnahmen gegen Bots ergriffen zu haben und u. A. mehrere Accounts einzufrieren.

PokerStars setzt einen Großteil seiner Ressourcen für den Kampf gegen Bots ein“, erläutert Michael Josem, Security Manager. „Wenn ein Spieler als Bot identifiziert wird, sperrt PokerStars ihn so schnell wie möglich. Alle Gewinne werden konfisziert, und das Unternehmen kompensiert die Verluste anderer Spieler, wo dies angemessen ist.“

Inzwischen werden Poker Bots ganz offen über das Internet vertrieben. Die Firma Shanky Technologies verkauft Lizenzen für Hold’em Poker Bots – genau die, die bei Full Tilt entdeckt worden waren – für $129 pro Jahr. Bian Jetter, Mitgründer von Shanky, behauptete in einem Interview, dass über 400 seiner Kunden von Full Tilt gesperrt seien. Full Tilt wollte diese Behauptung nicht kommentieren.

Jetter fuhr fort zu erklären, dass Full Tilt über $50.000 in den Accounts seiner Kunden konfisziert habe und nannte dies „eine vorsichtige Schätzung“. Außerdem verzichte Full Tilt durch die Abschaltung der Bots auf etwa $70.000 Rake pro Monat.

„Offenbar wollten sie uns wirklich loswerden“, sagte Jetter. „Wir glauben nicht, dass die anderen Pokerräume, in denen wir aktiv sind, ähnliche Schritte einleiten werden.“

Laut Pokerscout gibt es mehr als 600 Pokeranbieter im Netz. Jetter erklärte, seine Firma habe zwar „keine offiziellen Beziehungen zu den Pokerräumen“, aber viele von ihnen sähen weg, wenn die Bots spielten.

Die Wissenschaft der Poker Bots steckt noch in den Kinderschuhen. Auch deshalb wird noch nicht sehr viel gegen sie unternommen. Im Gegensatz zu Watson, dem IBM Computer, der kürzlich das „Jeopardy“-Experiment gewann, sind Bots keine großartigen Spieler. Aber sie werden besser, dank der Fortschritte, die Programmierer ständig bei Spielesoftware machen.

„Der Großteil der Bots spielt sehr schlecht“, sagt Darse Billings, Berater von PokerStars und Full Tilt sowie ehemaliger Chefanalytiker bei Full TIlt. „Über 90% verlieren Geld.“

Wie sich gezeigt hat, ist es viel einfacher, einen guten Schachspieler zu bauen als einen guten Pokerspieler. Schach ist ein Spiel der vollständigen Information. Beide Spieler wissen immer genau, welche Figuren wo auf dem Brett stehen. Außerdem ist Schach ein Spiel ohne Glücksfaktor, was bei Kartenspielen allgemein nicht der Fall ist.

Poker als Spiel der unvollständigen Information umfasst aber viel mehr Variablen. Man kennt die Karten des Gegners nicht und weiß möglicherweise auch nicht um die Spielweise des Gegners – wie aggressiv spielt der Gegner, wie oft blufft er.

Im Gegensatz zu einem Schach Bot hat ein Poker Bot den Großteil seiner Arbeit schon vor der Partie zu erledigen. Bevor die erste Hand gegeben wird, muss er Millionen von Simulationen durchrechnen. Doch trotz der gewaltigen Speicherkapazität heutiger Computer ist es unmöglich, jedes denkbare Szenario durchzuspielen.

Die besten Poker Bots der Welt kommen z. B. von der Computerforschungsgruppe der Universität von Alberta, die schon seit fast 20 Jahren an den Thema arbeitet. Professor Michael Bowling, der die Gruppe seit 2005 leitet, erläutert, dass es im Jahr 2003 einen Durchbruch gegeben habe, als sich die Entwickler entschlossen, nicht mehr nach dem Prinzip eines Schach Bots vorzugehen, sondern neue Wege zu suchen.

Im Jahr 2006 erregte die erste Computer-Pokermeisterschaft für Poker spielende Programme großes Aufsehen und sorgte für eine freundschaftliche Rivalität zwischen der Universität von Alberta und der Poker-Forschungsgruppe der Carnegie Mellon Universität von Pittsburgh unter der LEitugn von Trofessor Thomas W. Sandholm.

Heute, sagt Professor Sandholm, „können Poker Bots gegen gute Spieler bestehen, aber nicht gegen die besten – noch nicht“.

Viele der Poker Bots, die im Internet angeboten werden, wurden von den Programmierern aus Spaß oder Experimentierfreude gebaut. Manche Käufer glauben, sie könnten mit den Bots tatsächlich Geld verdienen, andere setzen sie für Denkübungen ein. Die Besitzer können ihre Bots so programmieren, dass sie in bestimmten Situationen unterschiedlichen Entscheidungsstrategien einsetzen, und dann beobachten, welche Strategien in realen Situationen erfolgreicher sind.

„Ein Poker Bot ist eigentlich die natürliche Konsequenz des Spiels Online-Poker“, sagt Brian Jetter, der seit Anfang 2008 bereits 5000 Lizenzen seiner Bot-Software verkauft haben will. „Die Erstellung des eigenen Spielerprofils ist eine Aufgabe, an der viele Spieler großen Spaß haben.“

Dieses Argument kommt bei Anbietern wie PokerStars nicht besonders gut an. Im letzten Jahr fand das Unternehmen auf die Hinweise von Bryan Taylor hin zehn Bots und zahlte $57.000 an geschädigte Spieler zurück.

Poker Bots sind vielleicht nur ein weiteres Symptom einer neuen Welt, in der Menschen bewusst oder unbewusst täglich mit Computern in Kontakt treten. Schon jetzt sprechen wir häufig mit Maschinen, wenn wir einen Kundendienst anrufen oder Auto fahren.

Was Herrn Taylor betrifft, so hat ihm die Entdeckung der Bots einen neuen Job eingebracht. Er arbeitet jetzt Vollzeit für PokerStars, „um die Integrität unseres Spielangebots zu sichern“, wie Michael Josem es ausdrückt.

Der Mensch hat also gewonnen – dieses Mal.

Gabriel Dance¸ NYT, 13. 3. 2011

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