Das Spiel auf dem Turn – Ivey vs. Crockfords

Share:
17 Mai 2013, Von: Dirk Oetzmann
Geposted in: PokerZeit Blog
Das Spiel auf dem Turn – Ivey vs. Crockfords

Zunächst wollte Phil Ivey seinen Ausflug ins Londonder Crockford’s Casino als schöne und erfolgreiche Casinoepisode verbuchen.

7,8 Millionen englische Pfund gewann der wohl beste Pokerspieler der Welt im vergangenen Herbst innerhalb weniger Tage, allerdings nicht in seiner Spezialdisziplin, sondern in der Baccara-Variante Punto Banco.

Das Casino erklärte zunächst, Ivey seinen Gewinn per Überweisung zukommen zu lassen. Das ist allerdings bis heute nicht geschehen.

Dem Casino kam die erstaunliche Glückssträhne des Amerikaners merkwürdig vor. Also wurde eine Untersuchung angestrengt, die jedoch ergebnislos blieb. Keine Überraschung, denn Punto Banco ist ein reines Glücksspiel mit Hausvorteil.

Nach einer weiteren Untersuchung behauptet Crockford’s nun, der Grund für Ivey Gewinnsträhne sei kein Glück gewesen, sondern das Ausnutzen eines Materialfehlers.

Crockford’s beschuldigt Ivey...

Die Karten des Casinos seien danach asymmetrisch gewesen. Soll heißen, das Muster auf der Rückseite der Karten verändert sich – wenn auch kaum merklich – wenn man die Karten um 180° dreht.

crockfords
Das altehrwürdige Crockford's Casino...

Für den Normalsterblichen wäre der Unterschied nicht zu erkennen, Phil Ivey aber verlangte genau dieses Drehen der Karten mehrfach.

Außerdem habe der Amerikaner gefordert, die Karten nicht wie sonst üblich am Ende eines Spieltags vernichten zu lassen, sondern mit ihnen weiterspielen zu dürfen – keine Tatsache, sondern eine Behauptung.

Tatsache ist hingegen, dass der Spezialist für Casinokontrolle Willy Allison die Branche schon im November 2011 vor asymmetrischen Karten gewarnt hat.

„Durch Drehen dieser Karten kann man ihren Wert erkennen. Es hat praktisch denselben Effekt wie das Markieren von Karten. Der Spieler gerät dadurch in eine vorteilhafte Position“, erklärt Allison.

Dieses Kartendrehen wird in den USA auch als „Spiel auf dem Turn“ bezeichnet. Hat also nichts mit dem Turn bei einer Hold’em-Partie zu tun.

Eine weitere, unbestätigte Behauptung: Ivey sei in Begleitung einer Unbekannten asiatischer Herkunft gewesen, die wegen genau dieses Delikts schon in mehreren Casinos gesperrt sei. Woher man das weiß, obwohl die Dame doch unbekannt sein soll, ist nicht bekannt.

Phil Ivey habe sich so einen unrechtmäßigen Vorteil verschafft. Daher wolle man die Gewinne nicht auszahlen.

...doch es fehlt die Grundlage

phil ivey aussie millions main event
...hat gegen Ivey schlechte Karten.

Fakt ist, dass Phil Ivey die Anschuldigungen des Crockford Casinos nicht abgstritten hat. Das hat er auch dann nicht nötig, wenn es sich nicht um Betrug handelt.

Offensichtlich ist Ivey von der Rechtmäßigkeit seines Anspruchs überzeugt, denn er war es, der den Gerichtsprozess angestrengt hat.

Ivey sah sich nach eigener Aussage dazu gezwungen: „Ich habe einen gültigen Beleg über meine Gewinne bekommen, aber Crockford’s hält das Geld zurück. Bedauerlicherweise sehe ich keine Alternative dazu, rechtliche Schritte zu unternehmen.“

Überwachungsspezialist Allison sieht den Grund für die Produktion fehlerhafter Karten in dem ständig wachsenden Bedarf, der vor allem durch das florierende Glücksspielmekka Macau befeuert wird.

„Darunter leidet zwangsläufig die Qualitätskontrolle. Es ist an den Casinos, hier besser aufzupassen. Clevere Spieler erhalten praktisch vorgefertigte, ‚markierte Karten‘.“

Die vorrangige Frage ist also nicht, ob Phil Ivey den Kartenwert anhand der Rückseite erkennen konnte – der Nachweis dürfte übrigens nur schwerlich zu erbringen sein, sondern ob dies überhaupt den Sachverhalt des Falschspiels oder Betrugs erfüllt.

Rechtliches Hornberger Schießen?

Um diese Frage zu beantworten, lassen wir noch einmal Mr. Allison zu Wort kommen: „Nicht jeder, der in einem Casino gewinnt, ist ein Betrüger. Man muss gar keiner sein.“

Damit ist das Nötigste fast schon gesagt. Die Verteidigung des Casinos steht auf schwachen Füßen, auch wenn man laut einem Sprecher die eigene Position „mit aller Macht durchsetzen“ will.

Crockford’s muss u. A. folgende Fragen beantworten:

1. Wenn man Ivey Betrug vorwirft, warum ist man dann bereit, ihm die eine Million Pfund, die Ivey zunächst als Einlage geleistet hat, zurückzuzahlen? Betrüger erhalten keine Rückzahlung.

2. Warum rutschte Ivey zunächst ins Minus? Mit Absicht? Oder hat er erst später die fehlerhaften Karten erkannt? Kann man dann von einer geplanten Tat sprechen?

IveyPokerBanner1
Seit Jahren Gast im Crockford's - Phil Ivey.

3. Phil Ivey ist seit Jahren Gast im Crockford’s und hat dort schon größere Summen gewonnen und verloren. Ist man deshalb auf den angeblichen Wunsch eingegangen, die Karten weiterzuverwenden? Entpricht das den Gepflogenheiten und kann man Ivey daraus einen Vorwurf machen?

Als Referenz könnte Iveys Anwalt übrigens einen Fall heranziehen, der gerade erst in den USA Schlagzeilen gemacht hat:

Zwei Spieler entdeckten bei einem Videopoker-Gerät einen Bug, nutzten diesen zu ihrem Vorteil aus und gewannen in verschiedenen Casinos fast eine halbe Million Dollar.

Das Casino zog vor Gericht, um sich die Gewinne zurückzuholen, doch dort wurden die Männer freigesprochen.

Begründung: Man könne den beiden nicht vorwerfen, dass sie „Tasten in der richtigen Reihenfolge drücken“.

Was ziemlich genau dem entspricht, das Ivey getan hat.

Share:

Bitte füllen Sie die erforderlichen Felder korrekt aus.

Es ist ein Fehler aufgetreten!

Sie müssen drei Minuten warten, bevor sie einen weiteren Kommentar abgeben können.

Noch keine Kommentare