Phil Ivey - Die lebende Legende am Final Table

Phil Ivey

Wenn die erste Hand des Finaltisches beim WSOP Main Event gegeben wird, richten sich alle Augen auf einen Spieler.

Fangen wir ganz vorne an. Wie kamen Sie überhaupt zu Poker?

Ich habe immer schon gerne Karten gespielt. Angefangen habe ich mit „I declare war", als ich vier oder fünf Jahre alt war. Ich spiele einfach gern.

Mein Großvater hat mir die Pokerregeln erklärt. Wir haben damals um Pennys gespielt.

Ich habe jede Chance genutzt, um zu spielen. Oft bin ich zu Freunden gegangen und habe gefragt, ob jemand Lust hat, Poker zu spielen. Wir haben einfach die Karten herausgeholt und los ging's.

Wann haben Sie begonnen, richtig um Geld zu spielen?

Als ich in die High School kam, haben wir angefangen, um richtiges Geld zu spielen - und zwar ausschließlich. Allerdings ging es dabei nicht um viel Geld, das begann, als ich etwa 20 oder 21 war. DA wurde die Sache langsam ernst.

Stimmt es, dass Sie schon in Casinos gespielt haben, bevor Sie 21 wurden?

Ich habe schon früher im Casino gespielt, aber nicht versucht, davon auch zu leben. Ich wollte einfach nur spielen. Es war einfach nur ein Hobby für mich. Ich schlich mich ins Casino und spielte, weil ich es geliebt habe. Es hat mich einfach fasziniert. Ich habe damals nicht wirklich daran gedacht, davon leben zu können.

Phil Ivey
Ein Traum wird wahr?

Als ich jedoch begann zu gewinnen und mir die anderen Spieler näher angesehen habe, dachte ich plötzlich „Moment mal. Ich kann diese Typen schlagen". Das war der Tag, an dem ich mich entschloss, alles was ich hatte aufs Spiel zu setzen und zu sehen, ob es funktioniert.

Waren Sie an der High School ein sportlicher Typ? Waren Sie damals ehrgeizig?

Ich war sehr ehrgeizig. Das ist ein wichtiges Element. Man muss es hassen, zu verlieren. Ich verliere nicht gern, aber Poker lehrt einen auch Demut, denn egal wie gut man ist, es gibt für jeden Tage, an denen man verliert, es gibt Wochenenden, an denen man verliert, und es gibt sogar ganze Monate, in denen man verliert. Bisher habe ich noch nie ein Jahr erlebt, in dem ich insgesamt verloren habe, zum Glück, aber man muss mit Verlusten fertig werden, um ein besserer Gewinner zu werden.

Genau deshalb ist Poker für mich ein so großartiges Spiel. Es gibt Sportler, die in ihrer Disziplin praktisch nie verlieren, aber in Poker lässt sich das einfach nicht vermeiden. Wenn man eine Stunde lang spielt, verliert man normalerweise mehr Hände als man gewinnt.

Man lernt wohl auch viel über sich selbst?

Ja, man lernt sich selbst besser kennen, man bringt sich selbst bei, mit dem Auf und Ab zurechtzukommen und die Gedanken zu kontrollieren, vor allem die negativen, und man lernt, zu erkennen, warum man das denkt, was man denkt. Man lernt sehr viel über sich selbst wenn man Poker spielt.

Wenn man zu den besten Spielern der Welt gehören will, muss man viel über sich selbst wissen.

Ist Ihnen bewusst, dass die anderen Spieler Sie fürchten?

Das höre ich ständig, aber wissen Sie, wenn ich dasitze und gegen jemanden spiele, dann sagt der ja nicht: „He Phil, ich habe Angst vor dir." Vielleicht haben manche wirklich Angst, aber keiner würde das zugeben. Also muss man versuchen, das herauszufinden, und das geht nur, indem man analysiert, wie sie ihre Hände spielen usw.

Ist denn das Tischimage nicht wichtig für Sie?

Das Problem ist, dass jeder versucht, ein Tischimage aufzubauen, aber das schadet nur, denn so etwas wie ein Tischimage gibt es eigentlich nicht. Alles hängt von den Ergebnissen und dem Erfolg ab. Spieler wollen gerne ein Tischimage kreieren, manche wollen sich unterhalten, sie wollen dies und sie wollen das, aber ich glaube, mein Tischimage sieht so aus: Wenn du dich mit mir anlegst und auf eine bestimmte Weise spielst, dann nehme ich dir dein Geld ab.

Ich glaube, der Faktor Angst kommt erst dann ins Spiel, wenn man sich auf bestimmte Spielweisen einstellt und darauf reagiert.

Phil Ivey
"Man muss mit Verlusten umgehen lernen, um ein Gewinner zu werden."

Sie verwenden nicht viel Zeit darauf, über Strategie zu sprechen oder Trainingsvideos zu produzieren wie viele andere Spieler. Versuchen Sie bewusst, andere im Unklaren zu lassen?

Ich habe nichts dagegen, über Pokerstrategie zu sprechen. Ich weiß wirklich nicht, wie viel Geld die Leute damit verdienen, aber das ist auf jeden Fall sehr zeitraubend. Ehrlich gesagt spielen Leute wie Daniel Negreanu oder Mike Matusow und viele andere, die Pokerschulen betreiben, längst nicht so viel wie ich.

Ich spiele die ganze Zeit, und ich glaube, das verschafft mir einen Vorteil und hält mich wach. Sie haben mehr Zeit, mehr Freizeit als ich. Ich liebe Poker, daran hat sich nichts geändert. Ich glaube, dass viele Spieler sich oft fragen, warum ihr Spiel leidet und sie verlieren. Der Grund ist, dass ich härter arbeite als sie.

Es wäre doch auch komisch, wenn Michael Jordan in seiner sechsten Saison plötzlich aufgehört und stattdessen Basketball-Lehrgänge gegeben hätte. Als hätte er ein Spiel verpasst, um zu unterrichten.

So bin ich nicht. Ich habe nichts gegen die Jungs, verstehen Sie mich nicht falsch, Daniuel ist ein wirklich guter Freund von mir, und für ihn läuft es gut, so wie es ist. Vielleicht kommt ja auch für mich die Zeit - wenn das Geld stimmt -, in der ich denke, dass ich wirklich anderen helfen und ihnen Informationen geben kann, die sie sonst nirgendwo erhalten können, und vielleicht bin ich irgendwann bereit dafür, aber nicht jetzt, in meinem jetzigen Leben ist dafür kein Platz.

Also versuchen Sie gar nicht, Ihren Stil geheim zu halten?

Es ist so: Ich habe eigentlich gar keinen Spielstil. Alle glauben immer, ich hätte einen besonderen Stil, aber eigentlich stelle ich mich immer nur darauf ein, was meine Gegner tun. Ich versuche auf alles, was meine Gegner tun, angemessen zu reagieren, und das macht mich am Pokertisch aus. Ich bin in der Lage, Sie anzusehen und herauszufinden, wie Sie denken und was Sie am Tisch versuchen werden, und dann stelle ich mich darauf ein.

Dennoch geben Sie selten Interviews. Warum eigentlich?

Noch einmal, der Grund ist, weil ich Poker spiele. Ich spiele für meinen Lebensunterhalt, und wissen Sie warum? Weil er mir ermöglicht, zu tun, was ich will. Ich stehe auf und spiele Poker, wenn ich Lust dazu habe. Wenn ich Golf spielen will, spiele ich Golf. Wenn ich in den Urlaub fahren will, fahre ich in den Urlaub. Egal, was ich tun will, ich kann es einfach tun.

Wenn ich also die Wahl habe, ein Interview mit jemandem zu machen oder Golf spielen zu gehen, um mit Freunden zusammen zu sein, oder ins Kino zu gehen, was glauben Sie, wofür ich mich entscheide? So bin ich eben, das ist alles.

Darvin Moon
"Wenn Ivey mich nur ansieht, werfe ich sofort meine Karten weg."

Es ist nicht so, dass ich gegen Interviews bin, das bin ich nicht. Ich habe nichts dagegen, Interviews zu geben und mit Ihnen über Poker und sonst irgendetwas zu sprechen. Es ist nur so, dass es andere Dinge gibt, die ich lieber tue als über Poker zu sprechen, wenn ich sowieso schon 15-16 Stunden am Tag spiele.

Die Leute, die ständig Interviews geben, haben dafür Zeit, weil sie nicht so viel spielen wie ich. Sie spielen viele Turniere, also haben sie auch viel freie Zeit. Wenn man aus einem Turnier ausscheidet, kann man viele verschiedene Dinge tun. Wenn ich aus einem Turnier ausscheide, dann fahre ich schnell rüber ins Bellagio und spiele. Ich setze mich schnell an den Computer und spiele Poker, oder ich gehe Golf spielen, oder ich spiele Blackjack oder sonst etwas, denn das macht mir einfach mehr Spaß.

Glauben Sie nicht, dass Sie eine große Verantwortung als Botschafter für Poker tragen? Schließlich haben Sie dem Spiel viel zu verdanken.

Ja, ich habe dem Spiel viel zu verdanken, aber ich glaube, ich habe auch viel zurückgegeben. Ich habe vielen Spielern geholfen. Ich habe über die Jahre hinweg vielen geholfen, ob Ihnen das bekannt ist oder nicht, und zwar auf verschiedene Weise. Was ich tue, mache ich nicht öffentlich, aber wenn sie jemanden auf meine Großzügigkeit ansprechen, werden Sie mehr darüber hören.

Und als Botschafter, ich weiß nicht, vielleicht werde ich dazu gezwungen sein, wenn ich das Main Event gewinne. Dann werde ich gerne ein Botschafter sein.

Mit zunehmendem Alter wird mir immer mehr bewusst, welchen Platz ich in der Pokergeschichte einnehme, und wie wichtig es ist, dass ich das richtige tue. Letztlich kommt es aber auch darauf an, selbst glücklich zu werden. Ich muss ein glücklicher Mensch sein. Ich gebe die Interviews und unterstütze die Entwicklung von Poker als Sport, kein Problem, aber ich werde mein Leben nicht dafür aufgeben. Ich möchte einige Dinge  so beibehalten, wie sie sind, das ist mir wichtig.

Sie haben sechs Finaltische bei der WPT erreicht, bevor es Ihnen schließlich gelang, die LA Poker Classics zu gewinnen. Wie sehr haben sie sich das gewünscht?

Es war sehr wichtig für mich, einen WPT-Titel zu gewinnen, denn das war etwas, dass mir noch nicht gelungen war, und ich will alles gewinnen, bevor ich aufhöre. Ich weiß allerdings nicht, wann das sein wird. Wahrscheinlich nie.

Ich wollte das Turnier damals unbedingt gewinnen. Ich hatte schon sechs Finaltische erreicht, und das ist an sich schon ziemlich unwahrscheinlich. Bei der WSOP habe ich eine deutlich bessere Erfolgsquote, wenn ich den letzten Tisch erreiche.

Dass ich also sechs Mal am letzten Tisch saß, ohne einen Titel zu gewinnen, das hat mich schon sehr geärgert. Ich bin froh, dass ich das nun erledigt habe.

Jetzt haben Sie die Möglichkeit auch im Main Event, und Sie waren schon ein paar Mal nah dran.

Jetzt habe ich die Chance. Ich bin zwar nur Siebter in Chips, aber wissen Sie, mit den knapp zehn Millionen Chips, die ich habe, fühle ich mich ganz wohl. Ich habe nicht das Gefühl, schnell etwas unternehmen zu müssen. Ich werde mir Zeit lassen und ein paar Chips sammeln. Wenn ich all-in gehen muss, gehe ich all-in. Ich werde es aber einfach so nehmen, wie es kommt.

Phil Ivey
"Ich weiß nicht, wann ich aufhöre. Wahrscheinlich nie."

Ist das der Moment, auf den Sie Ihr Leben lang gewartet haben?

Es ist sicher ein Moment, von dem ich geträumt habe. Wenn ich gewinne, wird ein Traum wahr. Es ist schon toll, den Final Table zu erreichen, aber jetzt will ich auch unbedingt gewinnen.

Das ist sehr wichtig für mich. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal Poker im Fernsehen gesehen habe. Scotty Nguyen gewann das Main Event. Es war die allererste Show, die ich im Fernsehen sag, und ich dachte, wie cool es wäre, dieses Turnier zu gewinnen. Und jetzt habe ich wirklich die Chance.

Haben sie sich schon einen Spruch überlegt wie Scotty Nguyen?

Ich klopfe keine Sprüche. Ich werde das Turnier gewinnen, hoffentlich, und dann gebe ich Interviews, und dann schleiche ich mich durch die Hintertür nach draußen und fahre in den Urlaub.

Sprechen wir kurz noch über etwas Anderes. Die High-Stakes-Partien sind in letzter Zeit zunehmend von Hold'em zu Omaha gewandert. Was wird als Nächstes passieren?

Das spielt für mich keine Rolle - ich hoffe nur, dass ich weiter spielen kann. Mir genügt es, jeden Tag auf hohem Niveau Poker zu spielen. Das ist mir wichtig, denn das hält mich auf Trab.

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