Tunnelblick

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"Phil" zu heißen ist schonmal ein guter Anfang.

„Hellmuth ist für Poker, was Phil Mickelson für Golf ist.“ Mentalcoach Jared Tendler über das Phänomen Tunnelblick und die Bedeutung von Phil Hellmuth für die Pokerwelt.

Gerade ist das neue Buch von Jared Tendler erschienen. Darin bezieht er sich auf genau die Leitmotive, die schon in den 90er Jahren Tiger Woods ermöglichten, die Golfszene zu dominieren.

Lesen Sie hier, wie man den tranceähnlichen Zustand des Tunnelblicks – im Englischen als „the zone“  bezeichnet - erreicht und warum man ihn sich ruhig angewöhnen sollte.

PL: Was ist „die Zone“ und warum ist sie so wichtig?

JT: Wer in der Zone ist bzw. den Tunnelblick hat, erreicht die Spitze seiner Leistungsfähigkeit. Wenn man sich in diesem Zustand befindet, erscheint alles einfach und ganz natürlich. Man trifft auch komplexe Entscheidungen ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

Wenn man Golf spielt und der Swing richtig sitzt, dann weiß man vor jedem Schlag, wohin der Ball rollen wird. Man kann jeden Schlag exakt vorhersehen.

Wenn man Poker spielt, bedeutet das, dass man hervorragende Reads hat und deshalb problemlos gute Entscheidungen treffen kann – manchmal weiß man gar nicht recht, wie einem geschieht.

Es ist, als ob man vor dem Putt genau weiß, wie die Laufbahn des Balles aussehen wird. Fast, als könnte man in die Zukunft sehen.

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"Der Tunnelblick ist kein Zufall" - Jared Tendler.

Diesen Zustand herbeizuführen und beizubehalten ist aber sehr schwierig, weswegen die meisten Spieler glauben, er entsteht quasi zufällig.

Dabei ist der Tunnelblick durchaus vorhersehbar, genauso wie es vorhersehbar ist, dass man die Geduld oder das Selbstvertrauen verliert.

PL: Was bedeutet der Begriff „Tunnelblick“ für Poker? Im Sport scheinen vor allem Kraft und Ausdauer damit zu tun zu haben, aber Poker ist ein mentales Spiel.

JT: Was für den Athleten die Technik ist, ist für den Pokerspieler das Wissen. Poker und Sport haben durchaus mentale Prozesse gemeinsam.

Wenn man sich nicht gut fühlt, müde ist oder frustriert, leidet das Urteilsvermögen, genau wie beim Sportler die technischen Fertigkeiten.

Ein Golfer spielt einen schlechten Schlag, wenn er nicht in der Lage ist, auf sein technisches Können voll zuzugreifen. Genauso macht ein Spieler auf Tilt Fehler, weil er eine Hand nicht richtig durchdenkt und sein Basiswissen nicht vollständig nutzt.

PL: Wie groß ist der Faktor Tunnelblick für einen Pokerspieler? Sind die besten Sportler und Pokerspieler auch einfach besser darin, ihr Potenzial abzurufen?

JT: Natürlich ist zunächst mal das Talent entscheidend. Jemand, der Mid-Stakes spielt, ist nicht unbedingt dafür qualifiziert, gegen die besten Spieler der Welt zu bestehen, selbst wenn sie ihr Bestes geben.

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Hellmuth in der Zone.

Sieht man sich aber die Häufigkeit an, mit der Spieler oder Sportler „die Zone“ erreichen, erkennt man schnell, dass diese bei den Besten deutlich höher liegt als bei durchschnittlichen Athleten.

PL: Jeder kennt das Phänomen des Tunnelblicks aus eigener Erfahrung, aber gibt es dazu wissenschaftliche Erkenntnisse?

JT: Was ich persönlich darüber weiß, sind Erkenntnisse, die erst in den letzten paar Jahren gewonnen wurden.

Ich habe die Studien verwendet, mit denen ich vertraut bin, und darauf aufgebaut.

Was den Tunnelblick von anderen mentalen Zuständen unterscheidet, ist die Möglichkeit, auf das Unterbewusstsein zuzugreifen. Wer das nicht kann, ist im Nachteil.

PL: Das Konzept des Tunnelblicks ist für die Wissenschaft also relativ jung. Gibt es ein repräsentatives Beispiel im Golfsport?

JT: Die Entwicklung existiert schon seit einiger Zeit, aber als Tiger Woods auf der Bildfläche erschien, manifestierte sich das Phänomen in ihm.

Er zwang die Konkurrenz dazu, mit ihm Schritt zu halten oder zu verlieren.

Tiger hat schon mit Sportpsychologen zusammengearbeitet, als er zwölf war. Die Intensität und Konzentration, die er in den Jahren 1998-2001 gezeigt hat, war bemerkenswert.

Es war, als wäre er der einzige High Roller in einer Welt voller $5/$10-Spieler, und irgendwie stimmte das auch.

Heute nutzen fast alle Berufsspieler die Fähigkeiten von Psychologen, aber es war Tiger, der damit anfing.

PL: Phil Ivey scheint in der Pokerwelt derjenige zu sein, der diese Intensität am besten verkörpert. Ist er mit Tiger Woods auf dem Höhepunkt seines Könnens vergleichbar?

JT: Ja. Und Hellmuth ist so etwas wie der Phil Mickelson für die Pokerszene.

Hellmuth und Mickelson haben mental größere Schwierigkeiten als Ivey und Woods. Sowohl Phil Hellmuth als auch Phil Mickelson sind Weltklassespieler und haben zahllose Trophäen gewonnen, aber ich glaube nicht, dass sie die Selbstbeherrschung und Konstanz von Ivey und Woods besitzen.

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Tiger Woods - drei Schläge besser an einem schlechten Tag.

Das bedeutet einserseits, dass sie großartig sind, wenn sie ihr bestes Poker spielen, aber es zeigt noch mehr, welche Unterschiede es zwischen den beiden Paaren gibt, wenn sie für ihre Verhältnisse schlecht spielen.

Die besten Golfer der Welt sind alle ungefähr gleich gut, wenn sie so gut spielen, wie sie können. Wenn sie für ihre Verhaltnisse schlecht spielen, tun sich viel größere Unterschiede auf.

Tiger und Mickelson nehmen sich nichts, wenn sie ihre Topleistung abrufen. Wenn beide aber einen schlechten Tag haben, ist Tiger drei Schläge besser.

Genauso ist Ivey eben eine Klasse besser als Hellmuth oder Galfond oder wer auch immer, wenn sie gerade nicht gut spielen.

Im Großen und Ganzen ist das Entscheidende aber, dass man seine Bestleistung häufiger bringt als die anderen, indem man den Tunnelblick schneller und länger hält als die Gegner.

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